Die Nacht, als 47 U-Boote versanken

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Jürgen A. Schulz, Günter Stiller

Mai 1945 Kriegsende - in der Geltinger Bucht wurden 225 Tauchröhren von ihren eigenen Crews zerstört.

Gelting. "Abends haben wir noch die vielen U-Boote gesehen, am Morgen aber waren alle verschwunden. Nur hier und da ragte noch der Turm eines Bootes aus dem Wasser", erinnert sich Hans Niko Diederichsen aus Steinberghaff bei Gelting an die Nacht vom 4./5. Mai 1945, als eine ganze U-Boot-Flotte in der Geltinger Bucht für immer untertauchte. Diederichsen war damals acht Jahre alt, die Erinnerung an ein geheimnisumwittertes Kapitel der letzten Kriegsstunden sind geblieben:

47 U-Boote wurden in jener Nacht von ihren Besatzungen selbst versenkt - gegen den Befehl der deutschen Seekriegsleitung, die am 3. Mai 1945 allen Einheiten der Kriegsmarine per Funkspruch noch befohlen hatte, "daß alle Selbstversenkungsaktionen zu unterbleiben haben, mit Rücksicht auf die Rückführung deutscher Soldaten und Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten". Die U-Boot-Männer wollten ihre "grauen Wölfe" aber nicht in Feindeshand fallen lassen, sondern fühlten sich immer noch an den ständigen "Regenbogen"-Befehl ihres Großadmirals Dönitz gebunden, daß kein deutsches Kriegsschiff in Feindeshand fallen dürfe.

Insgesamt hatten die Crews von 225 U-Booten zwischen dem 1. und dem 9. Mai 1945 durch Sprengung oder Aufdrehen der Flutventile ihre Boote versenkt. Auch in Hamburg-Finkenwerder wurden elf U-Boote gesprengt.

"Das erste Boot ging um 4.10 Uhr in die Tiefe, zwei Besatzungsmitglieder eines anderen ertranken, weil ihr Boot zu schnell sank", erinnert sich ein Augenzeuge aus Gelting. Auf U 349 blieb der Obermaschinist Wilhelm Hegenbart an Bord. Er hatte Kinder, Eltern und Haus durch Bomben verloren und wollte nicht mehr leben. Als das Boot sank, grüßte er vom Turm aus seine Kameraden.

U 999 war das letzte Boot, das vor Gelting in die Tiefe ging - ein Boot mit einer herzzerreißenden Geschichte: In Hela bei Danzig hatte Kommandant Wolfgang Heibges (24) gegen alle Befehle zusätzlich zu den 51 Mann Besatzung 40 vor der Roten Armee flüchtende Frauen und Kinder an Bord der winzigen Tauchröhre genommen. Der 48stündige Unterwassermarsch zwischen Minenfeldern und feindlichen U-Booten und der elfstündige Überwassermarsch unter ständiger Luftbedrohung brachten Soldaten und Zivilisten an den Rand ihrer Nervenkraft. In der Bootszentrale hingen Windeln, der Wachoffizier las den Kindern Andersen-Märchen vor.

Nachdem er die Flüchtlinge in Warnemünde an Land gebracht hatte, fuhr Heibges zum Fluchtpunkt Geltinger Bucht und ließ die Flutventile aufdrehen. Die Besatzung fuhr an den Strand. Dorthin waren zuvor aus allen Booten Konserven und Ausrüstungsgegenstände gebracht worden, die von Bauern auf Pferdefuhrwerken abtransportiert wurden. Die Seeleute warteten dort auf die britischen Sieger.

Die Nacht von Gelting wirft lange Schatten. Einwohner aus Steinbergkirche werden drei jungen Seeleuten des Schnellbootbegleitschiffes "Buea", das in der Geltinger Bucht Schutz gesucht hatte, ein Denkmal setzen: Der Matrose Fritz Wehrmann (26) aus Leipzig, der Obergefreite Martin Schilling (22) aus Ostfriesland und der Funker Alfred Gail (20) aus Kassel hatten sich in den Endtagen des Krieges in ihre Heimat absetzen wollen, waren aber aufgegriffen, vor ein Kriegsgericht gestellt und zwei Tage nach der Gesamtkapitulation der Wehrmacht noch erschossen worden. Zwei der Toten waren in der See verschwunden, die Leiche des dritten Seemannes hatte der achtjährige Hans Niko Diederichsen damals am Strand gefunden - eine Fußnote nur am Rande des sinnlosen Sterbens in einem verbrecherischen Krieg.