Mauswiesel: possierlich, aber gefährlich

Gewichtige Unterschiede gibt es zwischen den marderartigen Raubtieren in Norddeutschland. Mit durchschnittlich 15 Kilogramm sind Dachs und Fischotter 150-mal so schwer wie unser kleinstes Raubtier, das Mauswiesel, mit etwa 100 Gramm Gewicht. Aber an Verwegenheit und Raublust lässt das Wiesel die Schwergewichte aus seiner Verwandtschaft weit hinter sich. Ein Wiesel tötet nicht nur, um seinen Hunger zu stillen. Klagt der Besitzer eines kleinen Hühnerhofes: Gestern 100 kleine Hühnerküken gekauft, heute leben nur noch zwei. 98 hat ein Mauswiesel in der Nacht totgebissen. Panik im Hühnerstall. Ein Mauswiesel-Erlebnis von der anderen Art. Morgens vor Sonnenaufgang auf einem Waldweg. Emanuel-Geibel-Stimmung: Noch ist der Wald so kirchenstill, kein Lüftchen mag sich regen . . . Die Naturszene belebt sich. Da turnen vier kleine Mauswiesel auf einem Stubben herum, kopfüber, kopfunter, lustig anzuschauen. Mutter Wiesel äugt, schnuppert . . . und schöpft Verdacht. Sie veranlasst ihre Jungen durch leises Fiepen, ganz schnell, wie eingeübt, Verbindung miteinander aufzunehmen. Die Mutter voran, beißt jedes kleine Wieselchen sich in das Schwanzende des Vordertieres fest. Das lustig wirkende Band aus äußerst geschmeidigen, daumendünnen Leibern ist als Einheit noch beweglich und turnfreudig. Mutter Wiesel hat Wind von dem neugierigen Beobachter bekommen und führt ihren Nachwuchs in dem fast meterlangen Strang in dichtes Unterholz. Schluss der Vorstellung! Ein possierlicher Anblick, aber das Wiesel hat auch eine ganz andere Seite. Es begnügt sich nicht mit Mäusen, sondern greift auch unerschrocken größere Tiere an. An einem Bach beobachtete ich einmal den Kampf mit einer ausgewachsenen Ratte. Das kleine Raubtier griff den Nager an, biss sich fest und ließ sich über Stock und Stein von der dreimal so schweren Ratte mitschleppen. Eine wilde, tödliche Jagd. Nach etwa 30 Metern brachte das Wiesel die Ratte durch Kehlbiss zur Strecke. Der Bestand an Mauswieseln in Norddeutschland ist wegen der heimlichen Lebensweise dieser kleinen Raubtiere kaum zu schätzen. Die Jäger melden für Schleswig-Holstein und Niedersachsen im Jagdjahr 2000/2001 eine Strecke von 6886 Mauswieseln (Hamburg: 30). Wiesel bringen zweimal im Jahr vier bis sieben Junge zur Welt. Der Bedarf an Beutetieren ist groß. Die kleinen Raubtiere fressen Jungvögel, Vogeleier, kleine Kaninchen, Insekten und Frösche. Aber Mäuse stehen auf ihrem reichhaltigen Speisezettel ganz oben. Selbst wenn sie satt sind, töten sie die kleinen Nager in großen Mengen. An einem Oktobertag entdeckte ich in einer Höhle unter einem morschen Stubben mal eine Art Vorratskammer mit etwa 50 toten Mäusen. Heinz Sielmann geht sogar von Speisekammern mit mehr als 400 Mäusen aus. Es ist nicht leicht, ein Wiesel richtig einzuschätzen. Beim kleinsten Raubtier unserer Breiten liegen verspielte Possierlichkeit und wilde Angriffslust dicht beieinander. Mit purer Niedlichkeit, aus menschlicher Sicht, kann kein Raubtier in freier Wildbahn überleben. Es muss immer wieder seine Zähne und Krallen einsetzen. 46 erweiterte Abendblatt-Tierkolumnen von Georg Peinemann gibt es als Buch: "Von Marder, Aal und Wachtelkönig", Kosmos-Verlag, 14,90 Euro, ISBN: 3-440-08979-7, erhältlich auch in den Abendblatt-Geschäftsstellen am Rathausmarkt und in Ahrensburg.