"Sie lebt in unseren Herzen"

Seike Sörensen: Zehn Jahre nach dem Verschwinden der damals Elfjährigen gibt es noch immer keine Spur. Ein Besuch bei ihren Eltern.

Hamburg. "Wenn ich ihre ehemaligen Freundinnen im Dorf sehe und miterlebe, wie sie groß geworden sind, wie sie zur Tanzstunde gehen, wie sie ihren Führerschein machen, mit ihrem Auto unterwegs sind, wie sie sich freuen und wie sie lachen, wie sie mit ihrem ersten Freund ausgehen - dann denke ich, wie Seike heute mit 21 Jahren aussehen würde. Was wohl aus ihr geworden wäre?" Und dann kommen die Tränen. Marlen Sörensen (44) spricht von ihrer Tochter, die vor genau zehn Jahren spurlos verschwand. Ermordet? Entführt? Niemand weiß, was mit der damals Elfjährigen aus dem Dörfchen Drelsdorf in Nordfriesland geschehen ist. "Mich quälen immer wieder dieselben Fragen: Hat Seike gelitten? Was hat sie empfunden? Wurde sie sofort ermordet? Oder verschleppt? Und dann träume ich und werde mitten in der Nacht wach, geschüttelt von Weinkrämpfen." Ingo Sörensen (45) glaubt nicht, dass seine Tochter noch lebt. Oder, und seine Stimme zittert; als Wrack, gezwungen zur Prostitution. Das wäre das Schlimmste. Zehn Jahre Ungewissheit. Zermürbend für die Eltern, für die Großeltern, für die Geschwister. Wie haben sie den schweren Schicksalsschlag verkraftet? Gibt es noch Hoffnung? "Seike ist auch in unseren Köpfen allseits präsent", sagt der Leiter der Mordkommission in Flensburg, Lothar Carstensen (53). Es wird so lange nach ihr gesucht, bis der Fall gelöst ist. Der 5. August 1993 in der 1000-Einwohner-Gemeinde Drelsdorf ist ein beschaulicher Sommertag. Die 40 Kühe des Bauern Sörensen grasen auf der Weide, im Garten spielt Seike mit ihren Geschwistern Nicole (13) und Sven (6). Später reißt sie hinterm Stall die Brennnessel raus, dann geht sie auf die Weide und reitet auf ihrem Pferd Lucie. "Diese beiden Szenen kann ich nicht vergessen", sagt heute ihr Vater. "Wenn ich die Brennnessel wachsen sehe, denke ich an Seike, wenn ich die Pferde beobachte, sehe ich Seike auf dem Rücken von Lucie." Nach dem Mittagessen verabschiedet sich das Mädchen. Sie werde die Oma im Dorf besuchen und sei zum Abendessen wieder da. Der Bauernhof liegt abseits des Dorfes, zehn Minuten mit dem Rad. Am frühen Abend ziehen Regenwolken auf, ein Gewitter kündigt sich an. "Seike wollte nach Hause", erinnert sich Käthe Sörensen (66). "Ich fragte sie noch: Soll ich dich nicht besser fahren? Aber sie sagte nur: ,Ach was. Tschüs Oma!' und weg war sie." Es war 17.45 Uhr. Seitdem hat sie niemand mehr gesehen. "Ich war in Sorge wegen des Wetters. Schaute aus dem Fenster und rief schließlich meine Schwiegermutter an", erinnert sich Marlen Sörensen. "Seike müsse längst zu Hause sein. Sie sei vor einer Dreiviertelstunde losgefahren, sagte sie. Ich rief Freundinnen an. Ohne Erfolg. Ich ging raus, lief den Weg hinunter. Von weitem sah ich das Rad. Es lag am Rand der kleinen Kreuzung, ordentlich abgelegt. Von Seike keine Spur. Ich rief, sah über die Weiden. Nichts. Panik kam auf. Ich rannte zum Haus zurück. Mein Mann rief die Polizei an. Sie reagierte schnell, ebenso die Feuerwehr, die gerade eine Übung machte." Tagelang durchforsten Polizei, Bundesgrenzschutz und die Einwohner des Dorfes die Umgebung, suchen in Tümpeln, Kanälen und Scheunen, pumpen sogar den riesigen Gülle-Container der Sörensens leer. Alles vergeblich. Kein Anruf eines Entführers. Kein Hinweis auf einen Sittlichkeitstäter. Nur eine vage Beobachtung von Dorfbewohnern: Man habe zum Zeitpunkt von Seikes Verschwinden einen anthrazitfarbenen Mercedes gesehen. Das Fahrzeug wurde nie ermittelt. "Es wurde kein Söckchen, kein Taschentuch, aber auch gar nichts gefunden", sagt die Mutter. Der Chef der Mordkommission stellt nach zehn Jahren bitter fest: Außer dem Fahrrad haben wir nichts. Nicht eine Spur. Jahrelang verglich Flensburgs Polizei immer wieder andere Vermissten- und Sittlichkeitsfälle mit Seikes Verschwinden, in der Hoffnung, einem Serientäter auf die Spur zu kommen. So überprüfte sie, ob der Mörder der beiden Mädchen Ulrike Everts (13) und Christina Nytsch (11) aus Niedersachsen, Ronny Rieken (35), eventuell auch als Täter für Seike Sörensen in Frage kommt. Erfolglos. Rieken, ein mehrfacher Familienvater, wurde zu lebenlanger Freiheitsstrafe verurteilt. "In den ersten Jahren gabs immer noch viele Anrufe. Viele Menschen glaubten, uns helfen zu können", berichtet die Mutter. Leute, die was von Seike geträumt hatten, sie gesehen haben wollten, Wahrsager, Privatdetektive, aber auch Wichtigtuer. In zwei Fällen kam Hoffnung auf. Ein Anrufer kündigte nach Jahren an, dass Seike lebe und in einen Zug nach Sylt gesetzt würde. Er nannte Tag und Zeit der Ankunft. "Ich habe mir den Bart abrasiert, damit mich meine Tochter sofort erkennt, und bin mit einem Kripobeamten nach Sylt gefahren", erzählt Ingo Sörensen. "Wir haben den ganzen Tag gewartet. Vergeblich. Im zweiten Fall gab ein Wahrsager einen gezielten Hinweis auf eine Person. Sie wurde vernommen, das Alibi überprüft. Ohne Erfolg." Das Leben der Sörensen hat sich in den zehn Jahren grundlegend geändert. Seikes Eltern sind inzwischen geschieden, haben neue Partner. "Die Trennung hatte nichts mit dem Verschwinden unserer Tochter zu tun, die zeichnete sich vorher schon ab. Ich hatte jedoch gehofft, dass das Schicksal uns wieder zusammenführt. Leider nicht", sagt Marlen Sörensen. Zu ihrem Ex-Mann hält sie freundschaftlichen Kontakt. Sven, heute 16 Jahre alt, lebt bei ihr, er wechselt im Herbst zum Gymnasium. Sven hat alles gut überstanden. Er wurde psychologisch ein Jahr lang betreut. Anders Seikes ältere Schwester Nicole. Vor einem Jahr begannen bei ihr die Probleme, sie ist heute noch in Therapie. Nicole lebt mit ihrem Freund zusammen. Und Marlen Sörensen selbst? "Mir hat die Therapie gut getan. Ich breche nicht mehr gleich in Tränen aus. Habe mich gut im Griff." Sie arbeitet in der Küche eines Altenpflegeunternehmens. Bauer Sörensen hat mit seiner neuen Lebenspartnerin zwei Kinder, einen siebenjährigen Jungen und ein sechsjähriges Mädchen. Die beiden fragen natürlich nach Seike. "Sie haben sie nie kennen gelernt, aber sie ist hier allgegenwärtig auf Fotos und in unseren Erzählungen. Ich versuche so gut wie möglich, die Fragen der beiden zu beantworten. Es ist nicht leicht." Auf seinem Hof hat er nach wie vor Kühe und Pferde. Bei den Großeltern in der Dorfstraße 36 hat Seike immer noch einen Ehrenplatz. Auf einem Tisch im Wohnzimmer steht ihr Foto, davor liegt eine Rose, daneben ein kleiner Engel und eine Kerze. "Sie lebt in unseren Herzen", sagt Käthe Sörensen. "Jetzt am 30. Juli hat sie Geburtstag, würde 21 Jahre alt werden. Ich denke jeden Tag an sie. Zum Glück habe ich zehn Enkelkinder und bin so ein wenig abgelenkt." Wer ist der Täter? "Sie wäre nie zu Fremden freiwillig ins Auto gestiegen", sagt Marlen Sörensen. Und mit Gewalt? Vieles spreche dagegen. Das säuberlich abgelegte Rad zum Beispiel. "Vielleicht war es doch ein Bekannter, der sie mitgenommen und sich an ihr vergangen hat", rätselt sie. "Nur, mir fällt keiner ein."