Expressionismus

Kunsthaus Stade zeigt Bilder einer großen Freundschaft

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Hans Thuar, Rheinische Landschaft (Bahnstrecke), 1912 (Ausschnitt) © Kunstmuseum Bonn, Foto: Reni Hansen

Hans Thuar, Rheinische Landschaft (Bahnstrecke), 1912 (Ausschnitt) © Kunstmuseum Bonn, Foto: Reni Hansen

Foto: Kunstmuseum Bonn, Foto: Reni Hansen / HA

„Ziemlich beste Freunde“ Eine außergewöhnliche Ausstellung zeigt Werke der expressionistischen Künstler August Macke und Hans Thuar.

Stade.  Hans Thuar ist neun, August Macke zehn Jahre alt, als sich die Nachbarsjungen in Köln anfreunden. Die beiden begeistern sich nicht nur für die wilden Spiele im Neubaugebiet am Kölner Stadtrand, sondern sind gleichermaßen fasziniert von den japanischen Holzschnitten, die Vater Thuar in seiner Grafiksammlung verwahrt. „Wir saßen – wir wilden, wilden Jungens – vor diesen unglaublich subtilen Reisblättern [...] und waren begeistert, erschüttert und so andächtig, wie uns noch keine Kirche je gesehen hatte“, erinnert sich Thuar.

Zwischen den beiden entwickelt sich eine ganz besondere Beziehung, die sich durch Thuars Unfall und seine folgende Invalidität – er verliert bei einem Straßenbahnunglück beide Beine – ein Jahr später noch verstärkt. Durch seinen Humor gibt Macke dem Freund den Lebensmut zurück. „Damals erfand er das Karikaturenzeichnen, ich mußte doch lachen, ich sollte doch um jeden Preis lachen!“

2020 musste die Ausstellung im Kunsthaus coronabedingt schließen

Es ist eine außergewöhnliche Ausstellung, die am 4. Februar im Kunsthaus Stade eröffnet wird. Sie geht einer großen Künstlerfreundschaft nach und stellt mit Hans Thuar einen Künstler in den Mittelpunkt, der beinahe in Vergessenheit geraten ist. Bereits 2020 war die Ausstellung für kurze Zeit im Kunsthaus zu sehen, musste jedoch coronabedingt schließen.

In einer leicht veränderten Fassung sind aktuell Werke aus allen Schaffensphasen von Thuar zu sehen, überwiegend Gemälde, aber auch kunsthandwerkliche Arbeiten und Zeichnungen. Viele davon stammen aus dem Nachlass und werden erstmals präsentiert. Im Dialog mit den Werken von August Macke zeigen sich einerseits Parallelen der Kunstauffassung, andererseits tritt Thuar als eigenständige Künstlerpersönlichkeit in Erscheinung.

Beide Künstler gehören zur heftig angefeindeten expressionistischen Moderne

Die räumliche Trennung, die sich durch Umzug der Familie Macke nach Bonn und später durch Mackes zahlreiche Reisen ergibt, tut der Freundschaft keinen Abbruch – auch nicht die so unterschiedlich ausgeprägten Persönlichkeiten. Beide werden Künstler und gehören mit ihren Werken vor dem Ersten Weltkrieg zu der heftig angefeindeten expressionistischen Moderne. „Eine starke lebendige Empfindung zu gestalten“ (Macke) ist das Motto, das sie bei ihren Experimenten antreibt. Damit verbunden ist die Suche nach einer neuen Sprache der Kunst, die den veränderten Bedingungen am Beginn des 20. Jahrhunderts Rechnung trägt.

Einige ihrer Bilder entstehen während einer kurzen gemeinsamen Zeit der beiden Männer in Bonn Seite an Seite. Während Macke auf experimentierfreudige Weise einen Ausdruck für seine Vorstellungen vom irdischen Paradies sucht, spiegelt sich bei Thuar eine existenzielle Beziehung zur Natur.

Seine Behinderung macht Thuar körperlich wie seelisch immer wieder zu schaffen

Nach Mackes frühem Tod als Soldat im Ersten Weltkrieg setzt Thuar den Kontakt mit Mackes Frau, seinen Söhnen und seinem Freundeskreis fort. In den 1920er-Jahren malt Thuar hochexpressive, leuchtend farbige, ganz eigenständige Kompositionen, in denen er „seine Seele ausgießen konnte“. Inflation und Wirtschaftskrise bringen den Künstler und seine fünfköpfige Familie immer wieder an den Rand des Existenzminimums. Kunsthandwerkliche Arbeiten, selbst entwickelte Salben und Cremes, der Betrieb einer Tankstelle und eines Cafés und schließlich die Eröffnung eines Holzladens tragen zum Lebensunterhalt bei.

Seine Behinderung macht Thuar körperlich wie seelisch immer wieder zu schaffen. Doch die Geschichte der großen Künstlerfreundschaft findet schließlich doch noch ein gutes Ende: Mit der Heirat von Mackes Sohn Wolfgang und Thuars Tochter Gisela an Weihnachten 1937 wachsen die beiden Künstlerfamilien endgültig zusammen.

„Ziemlich beste Freunde: Hans Thuar & Heinrich Macke“, Kunsthaus Stade, 4. Februar bis 29. Mai 2023. Öffnungszeiten: Di, Do, Fr von 10 bis 17 Uhr, Mi von 10 bis 19 Uhr, Sa und So von 10 bis 18 Uhr. Öffentliche Führungen: Sonntag, 15 Uhr: Ausstellungsrundgang, Mittwoch, 17.30 Uhr After-Work-Führung, je 12 Euro, inkl. Eintritt. Eintritt mit dem Museen-Stade-Ticket (ein Preis, drei Museen): 9 Euro, ermäßigt 4,50 Euro. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei.

Der Expressionismus war eine künstlerische Strömung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, genauer gesagt von 1905 bis 1925. Die junge Generation lehnte sich gegen die altmodischen Normen des Kaiserreichs auf, lehnte das Bürgertum ab und strebe nach Neuem, Unbekanntem – man wollte den Aufbruch. Zum ersten Mal tauchte der Begriff im April 1911 in einem Ausstellungskatalog auf und bezeichnete eine Gruppe moderner französischer Maler. Er wurde daraufhin rasch aufgegriffen und bald auf junge deutsche Künstler angewandt, die im Gegensatz zur herkömmlichen Malerei standen – ein prägnanter Begriff, der die Antithese zum Impressionismus bildete.