Kirchenkreis Hamburg-Ost

Sexueller Missbrauch bei Kirchenreise: Betroffene gesucht

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Edgar S. Hasse
Bei einer kirchlichen Ferienfreizeit in einem Zeltlager ist mindestens ein Junge sexuell missbraucht worden (Symbolbild).

Bei einer kirchlichen Ferienfreizeit in einem Zeltlager ist mindestens ein Junge sexuell missbraucht worden (Symbolbild).

Foto: nathaphat / Getty Images/iStockphoto

Gegen einen Verdächtigen hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt. Die Kirche sucht jetzt weitere Betroffene.

Hamburg/Waddeweitz. Der evangelische Kirchenkreis Hamburg-Ost sucht Betroffene und Zeugen in Fällen schweren sexuellen Missbrauchs. Die Taten sollen sich in den 2000er-Jahren im niedersächsischen Zeltlager Groß-Wittfeitzen ereignet haben. Unter Verdacht steht ein damals 20 Jahre alter ehrenamtlicher Mitarbeiter (Teamer) der evangelischen Kirchengemeinden in den Vier- und Marschladen.

Der heute nicht mehr kirchliche aktive Mann soll einen damals neun Jahre alten Jungen während der kirchlichen Ferienfreizeit in dem Zeltlager mehrfach sexuell missbraucht haben. Vor rund vier Jahre hatte das Opfer Anzeige erstattet und sich an die Kirche gewandt. „Wir vermuten, dass es mehrere Betroffene gibt“, sagte Ulrike Murmann, Pröpstin im Kirchenkreis Hamburg-Ost, zu dem die Kirchengemeinden in den Vier- und Marschlanden gehören. Gleichzeitig verweist die Kirche darauf, dass die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren 2021 wegen Mangels an Beweisen eingestellt hat. Es gebe keine hinreichenden Gründe für eine Verurteilung des Täters, hieß es.

Pröpstin hat keinerlei Zweifel an den Erlebnissen des Betroffenen

Wie die Pröpstin am Dienstag bei einer Pressekonferenz sagte, hege die Kirche keinerlei Zweifel an den Erlebnissen des Betroffenen. Mehr noch: „Wir bitten alle, die etwas dazu sagen können, sich bei uns zu melden.“ Es werde mit weiteren Fällen gerechnet. Für vertrauliche Gespräche stehe die unabhängige Meldebeauftragte des Kirchenkreises, Jette Heinrich, zur Verfügung. Sie kann per Mail erreicht werden: j.heinrich@kirche-hamburg-ost.de. Nach Kirchenangaben können sich Betroffene und Zeugen auch an die Unabhängige Ansprechstelle (UNA) wenden (Mail: una@wendepunkt-ev.de).

Die Sozialpädagogin Jette Heinrich arbeitet seit 2019 als Unabhängige Meldebeauftragte des Kirchenkreises. Sie habe mehrfach mit dem Betroffenen gesprochen, der traumatisiert sei. Die Veröffentlichung seines Falls sei in Abstimmung mit ihm erfolgt. Sie glaube seinen Darstellungen und halte diese für plausibel. Zudem habe sie sich über die räumlichen Gegebenheiten in dem Zeltlager informiert.

Hamburger Kinder besuchten das Zeltlager in den Sommerferien

Zu den Kirchengemeinden in den Vier- und Marschlanden, die damals die jeweils zweiwöchigen Freizeiten veranstaltet haben, gehören unter anderem Kirchwerder, St. Nikolai Altengamme und St. Johannis Neuengamme. Dazu kommen weitere Hamburger Kirchengemeinden. Pro Jahr hatten rund 360 Kinder die kirchlichen Freizeiten in den Sommerferien besucht. Auch heute noch laden Hamburger Kirchengemeinden Kinder und Jugendliche zu Freizeitwochen ein – auch in das Zeltlager im niedersächsischen Zeltlager Groß-Wittfeitzen.

Die Kirchengemeinde Curslack etwa wirbt mit diesen Worten auf ihrer Homepage: „Das Zeltlager der Kirchengemeinde Curslack liegt mit seinem romantischen Waldgrundstück und einem funktionellen Wirtschaftsgebäude mitten im schönen Wendland zwischen Lüchow und Dannenberg. In den Sommerferien finden sich dort aus vielen verschiedenen Gemeinden der Stadt Hamburg Hunderte von Kindern zusammen, um dort gemeinsam die Ferien zu verbringen.“ Kirchliche Gemeinden nutzen das Angebot des Zeltlagers bereits seit gut 70 Jahren. Die Kinder wurden in den 2000er- Jahren in 6-Personen Zelten untergebracht. Das Wirtschaftsgebäude verfügt über einen Schlafraum mit 14 Betten.

Kirche rechnet verstärkt mit Absagen von Kinder- und Jugendfreizeiten

Nach den mutmaßlichen Missbrauchsfällen will die evangelische Kirche nicht ausschließen, dass es im nächsten Sommer verstärkt zu Absagen von kirchlichen Kinder- und Jugendfreizeiten kommen könnte. „Wir erwarten Verunsicherungen bei den Eltern“, sagt Pröpstin Murmann und fügt hinzu: „Doch anders als vor 20 Jahren gibt es heute bei uns ein Präventions- und Interventionskonzept mit Schulungen für Mitarbeitende und regelmäßigen Fortbildungen.“

Im Kirchenkreis Hamburg-Ost arbeitet seit 2019 die Fachstelle Prävention und Intervention mit sechs Fachkräften. Sie berät Kirchengemeinden und Einrichtungen in Fällen von Grenzverletzungen, Übergriffen und sexualisierter Gewalt. Außerdem unterstützt die Fachstelle Kirchengemeinden bei der Entwicklung von Schutzkonzepten.

Sexueller Missbrauch: Nicht der erste Fall im Kirchenkreis

Der evangelische Kirchenkreis Hamburg-Ost ist mit 371.000 Mitgliedern der größte in Deutschland. 250 Pastorinnen und Pastoren, 16.000 Ehrenamtliche sowie weitere Mitarbeiter sind in 109 Gemeinden aktiv. Zum Kirchenkreis Hamburg-Ost gehört auch Ahrensburg im Kreis Stormarn. Hier wurde im Jahr 2010 einer der größten Missbrauchsskandale in der evangelischen Kirche bekannt. Ein Pastor hatte über Jahrzehnte Jugendliche missbraucht. Der Umgang der Kirche mit diesem Skandal löste den Rücktritt der Hamburger Bischöfin Maria Jepsen aus.