Konjunktur

Rückschlag für Gastronomen, volle Bücher in der Industrie

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dpa

Lange waren die konjunkturellen Verhältnisse nicht so zwiespältig wie zum Jahreswechsel. Viele Corona-Effekte sind abgeflaut, die Konsum- und Investitionsnachfrage zurückgekehrt. Aber Omikron überzieht alles mit neuer Unsicherheit. Hält die "stabile Lage" in Niedersachsen?

Hannover. Die niedersächsische Wirtschaft ist zum Jahresstart hin- und hergerissen zwischen verhaltener Zuversicht und neuen Sorgen. Omikron-Welle, Lieferengpässe und Personalknappheit bereiten mehreren Branchen Probleme. Ihre aktuelle Lage beurteilten etliche Unternehmen zuletzt jedoch - den Umständen entsprechend - als vergleichsweise gut. Das zeigt eine Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammern im Land (IHKN), die am Freitag vorgelegt wurde.

Gastronomie und Einzelhandel sähen die Verbreitung der ansteckenderen Corona-Mutation als "herben Rückschlag", hieß es in Hannover. Zum anderen berichteten Industrie- und auch Dienstleistungsfirmen von vollen Auftragsbüchern. Das Problem: "Hier fehlen aber Computerchips beziehungsweise Fachkräfte." IHKN-Chefin Maike Bielfeldt meinte, die Zielgerade der Pandemiebekämpfung sei noch nicht ganz erreicht. "Es gibt Gegenwind. Aber insgesamt handelt es sich um eine stabile Lage."

Stabil bedeutet freilich in zahlreichen Fällen stagnierend. Der Hauptgrund laut Bielfeldt: "Die Aufträge sind da, aber sie können nicht abgearbeitet werden." Die Kammern hatten gut 2000 Rückmeldungen aus Mitgliedsbetrieben erhalten. Sowohl die Erwartungen an die nächsten Monate als auch das bestehende Geschäftsvolumen wurden im Schlussquartal 2021 leicht pessimistischer beurteilt als im dritten Jahresviertel. Der Anteil der "günstigen" oder "guten" Einschätzungen nahm geringfügig ab, der der "negativen" oder "schlechten" etwas zu.

Gleichzeitig gab es relativ viele Antworten aus Unternehmen, die unterm Strich "zufrieden" mit ihrer augenblicklichen Situation sind (50 Prozent) und immerhin mit "gleichbleibenden Geschäften" rechnen (58 Prozent). Der Gesamtindikator für das Konjunkturklima in Niedersachsen ging dennoch von 111 Punkten auf 106 Zähler zurück.

Der Außenhandel festige sich. "Die Exporte brummen", sagte Bielfeldt. "In den USA ist der Bereich Automobil stark nachgefragt, in China ist es der Maschinenbau." Schwierig blieben Geschäfte mit Großbritannien durch die Zollformalitäten nach dem Brexit. "Ansonsten sind die anderen europäischen Märkte Niedersachsens stabil." Die Investitionen insbesondere in CO2-Reduktionstechnologien stiegen ebenfalls.

Sehr vieles hängt nun an der Frage, ob es gelingt, Omikron in den Griff zu bekommen. "Mit der Eindämmung der Pandemie wird die niedersächsische Wirtschaft kräftig wachsen", schätzt Bielfeldt. Eine Steigerung des Bruttoinlandsprodukts in der Spanne von 3,5 bis 4 Prozent sei denkbar, 60.000 zusätzliche Jobs könnten entstehen. Ähnlich hatte sich kürzlich die NordLB geäußert. Ihre Volkswirte gehen davon aus, dass Niedersachsen 2022 ein Plus von 3,9 Prozent schaffen kann - über der Prognose für ganz Deutschland (3,5 Prozent).

Ein "Top-Risiko" sei die Inflation, so die IHKN-Chefin. Besonders Energie und Rohstoffe haben sich stark verteuert. Gestiegene Beschaffungskosten können zu weniger Produktion und Einkommen führen und über ein Umwälzen auf die Verbraucher auch deren Kaufkraft und Nachfrage drücken. Hinzu kommen die angespannten Lieferketten der international eng verflochtenen niedersächsischen Wirtschaft.

"Bei einer Normalisierung werden sich auch die Rohstoffpreise wieder abschwächen", glaubt Bielfeldt. "Insgesamt werden wir uns allerdings wieder an steigende Preise gewöhnen müssen." Und: "Es wird eine Weitergabe von Preiserhöhungen an die Kunden geben."

Der Fachkräftemangel mache der Wirtschaft gleichfalls zu schaffen. "Am Bau gibt es deutlichen Bedarf. Auch im Gastgewerbe wird trotz Corona sehr viel Personal gesucht." Zudem fehlten Kraftfahrer und Paketboten. Dabei wollten 8 Prozent aller Firmen mehr einstellen.

Die Industrie mit Automobil- und Maschinenbau melde in großen Teilen eine bessere Entwicklung. Kritischer ist die Lage laut IHKN im Einzelhandel, wo Corona-Maßnahmen Betrieben das Weihnachtsgeschäft vermiesten. "Das hat vor allem die Innenstadtsortimente, die Bekleidungs- und Schuhgeschäfte, hart getroffen."

Noch mehr gelte das im Gastgewerbe: Weihnachtsfeiern fielen aus, in der sonst umsatzstärksten Zeit waren viele Lokale und Restaurants leer. Bielfeldt: "Das Hin und Her der Einschränkungen und von 2G/2G plus hat sich im Gastrogeschäft sehr stark niedergeschlagen."

Das Baugewerbe, das schon zuvor recht gut durch die Krise gekommen war, habe eine weitere Stabilisierung verzeichnet. Problemfaktoren jedoch auch hier: fehlende Fachkräfte, fehlendes Material.

Die IHKN koordinieren als Dachorganisation die Arbeit der regionalen Industrie- und Handelskammern (IHK) in Niedersachsen. Neuer Präsident ist seit Anfang des Jahres Andreas Kirschenmann. Er kommt aus der IHK Lüneburg-Wolfsburg und will Schwerpunkte etwa bei Infrastrukturausbau, Digitalisierung und Bürokratieabbau setzen.

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( dpa )