Schule

„Lehrer haben vor Eltern Angst“: Ein Quereinsteiger klagt an

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Carsten Tergast hat einen völlig desillusionierten Blick auf das deutsche Schulsystem, das den Ansprüchen nicht gerecht werden könne. Jetzt schrieb er ein Buch über seinen Klassen-Kampf.

Carsten Tergast hat einen völlig desillusionierten Blick auf das deutsche Schulsystem, das den Ansprüchen nicht gerecht werden könne. Jetzt schrieb er ein Buch über seinen Klassen-Kampf.

Foto: Frank Köster Düpree

Carsten Tergast sattelte um und arbeitete an einer Schule. Nach kurzer Zeit gab er frustriert auf. Jetzt rechnet er mit dem System ab.

Hamburg. Nach einem halben Jahr hatte er bereits genug und schmiss seinen Job als Lehrer: Carsten Tergast hatte als Quereinsteiger an einer ostfriesischen Schule Deutsch, Geschichte und Sozialkunde unterrichtet, war Klassenlehrer einer sechsten Klasse an einer Oberschule (Gesamtschule). „Nach sehr kurzer Zeit war ich extrem desillusioniert“, sagt er. Über das, was an Schulen seiner Meinung nach schiefläuft, hat er ein Buch geschrieben. In „Die Schule brennt“ rechnet er mit dem Bildungssystem ab und stellt Forderungen, damit Schule besser läuft.

Der 48-Jährige wollte beruflich etwas ändern. Als freier Journalist war es nicht leicht, finanziell über die Runden zu kommen. Also der Quereinstieg als Lehrer für Deutsch, Geschichte und GSW (Geschichtlich-Soziale Weltkunde) an einer Oberschule in Ostfriesland.

Dort hat der Vater eines 13-jährigen Realschülers und einer 17-jährigen Oberstufenschülerin Sechst-, Siebt- und Achtklässler unterrichtet, mit einer vollen Stelle. Ein Sprung ins kalte Wasser war dieser Schritt. „Aber es gab tolle Unterstützung durchs Kollegium und die Schulleitung“, sagt Tergast.

Warum Quereinsteiger Carsten Tergast den Lehrerberuf aufgab

Zum Ende des Schuljahres hat er sich dennoch entschlossen, den Job zu kündigen. „Weil ich die Tätigkeit als Lehrer als große Belastung empfunden habe, trotz jahrelang geschulter Stressresistenz als Freiberufler.“ Die täglichen Herausforderungen an einer Schule sind dann doch etwas völlig anderes. Seine Recherchen zum Buch, die Gespräche mit ehemaligen Kollegen hätten deutlich gemacht: „Dass meine eigenen Überforderungsgefühle nur zum geringen Teil an meinem Status als Neuling/Quereinsteiger lagen, sondern dass im System selbst so viel schiefläuft, dass das Bildungswesen ständig weit unter seinen Möglichkeiten bleiben muss.“

In der 15.000-Einwohner-Stadt, in der Carsten Tergast unterrichtet hat, dachte er, müsste die schulische Welt in Ordnung sein. Das sei schließlich keine Großstadt wie Berlin oder Hamburg. Falsch gedacht. „Die Klassen funktionieren nicht“, sagt er. Es seien zu viele Schüler in einem Raum, eine 8. Klasse des Hauptschulzweigs mit 30 Schülern. „Die haben mich zur Verzweiflung gebracht. Da wollen 20 Kinder lernen und sind motiviert, und zehn andere Schüler in der Klasse machen alles kaputt, weil sie kein Interesse haben, Unsinn machen, neben der Spur laufen und den Lehrer provozieren.“

Da sei es egal gewesen, ob er als Pädagoge vorn leise spricht oder ob er laut wird. Viele Schüler, so seine Erfahrung, erreiche man überhaupt nicht. „Die nehmen einen als Lehrer nicht wahr. Es ist egal, ob ich in den Klassenraum komme oder nicht. Die merken das noch nicht einmal.“

Tergast: Lehrer haben Angst vor Eltern

Sicher, störende Schüler, den einen oder anderen Klassenkasper habe es immer gegeben, sagt Tergast, „aber nicht in diesem Ausmaß.“ Woran das liegt, weiß er nicht. Das Schlimme für ihn daran war: „Durch das Verhalten einiger wird man denjenigen nicht gerecht, die lernen wollen.“ Das war eines der vielen Schlüsselerlebnisse in dem halben Jahr als Lehrer. Dieses und die schlechten Rechtschreibkenntnisse seiner Schüler. „Habt ihr das nicht in der Grundschule gelernt?“ wollte er wissen. „Nein“, war die Antwort einer Schülerin.

Was ihn besonders überrascht hat: „Meine Kollegen lassen vieles einfach laufen, die haben nicht die Energie, mit den Eltern über das Verhalten der Kinder zu reden, weil sie ein juristisches Nachspiel fürchten oder aus Angst, dass sie dann noch mehr Belastung haben als ohnehin schon. Das hat mich sehr schockiert.“ Zu Beginn dacht er noch, diese Schwierigkeiten lägen an ihm. „Viele Lehrer, auch altgediente, nehmen alles so hin. Das hat mich massiv irritiert.“ Er stellt drei Hauptthesen auf, warum Lehrer hilflos seien und Schüler desinteressiert.

Zum einen werde nicht das große Ganze gesehen. „Die Diskussion über Schule erschöpft sich zu oft in der Fokussierung auf Einzelthemen. In den letzten Jahren war das vor allem das Thema Digitalisierung. Echte Veränderungen am System Schule sind jedoch nur möglich, wenn wir alle Problemfelder zusammendenken und in ihrer Abhängigkeit voneinander anerkennen“, so Tergast. Dazu gehören die Veränderungen im Verhalten von Schülern, Lehrern und Eltern.

Schule kann Erziehung nicht ersetzen

Auch der bauliche Zustand der Schulen und die wechselnden pädagogischen Konzepte machten es schwierig und torpedierten die langfristig angelegten Schulkonzepte. „Wir haben die Hauptakteure des Systems zu wenig im Blick: Schüler, Lehrer und Eltern. Dieser Dreiklang beeinflusst alles, was mit Schule zu tun hat.“ Er sieht die Brandherde in den erheblichen Verhaltensveränderungen bei Schülern, in der ständigen Überlastung und dadurch auch Burn-out-Gefahr bei Lehrern. Auch die Haltung von Eltern zu ihren Kindern und zur Schule sei schwierig. „Da geht es häufig um den Tanz um das goldene Kalb Kind.“ Kinder seien häufig ichbezogen, um sich selbst drehend. Die Schule könne nicht die Kinder erziehen, Ziel von Schule sei Bildung.

Alle drei Brandherde, so Tergast, fachen sich gegenseitig an und sorgen dafür, dass das System brennt. Er fordert: „Bessere digitale Strukturen und erhebliche Verbesserungen der baulichen Substanz von Schulen.“ So wie viele Schulen gebaut sind, sei keine vernünftige Lernatmosphäre möglich. „Die meisten Räume sind nicht für solch große Klassen ausgerichtet. Selbst unterschwelliges Gemurmel oder Flüstern führt zu einem hohen Geräuschpegel.“ Lärm sei ein Riesenthema. Moderne Schulgebäude nützten jedoch wenig, wenn man die Probleme in der Interaktion zwischen Lehrern, Schülern und Eltern nicht beachte.

Sein Appell: „Verbannen wir Ideologie, Politik, ökonomische Interessen aus der Schule, und geben wir ihr den Status zurück, der ihr gebührt: den einer Bildungsanstalt, die Schülern ohne Ansehen von Herkunft, Hautfarbe, Religion, sozioökonomischen Hintergrund die Chance gibt, Wissen und Methoden vermittelt zu bekommen.“

Carsten Tergast: „Die Schule brennt. Ein Lehrer sucht Auswege aus einem kaputten System“, Ecowin-Verlag, 24 Euro.