Naturschutzgebiet

Warum immer mehr Jüngere die Lüneburger Heide entdecken

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Die jungen Wilden aus der Heide: Jovitha James, Björn Bohlen und Sabrina Walterscheidt

Die jungen Wilden aus der Heide: Jovitha James, Björn Bohlen und Sabrina Walterscheidt

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Altersdurchschnitt der Besucher sinkt deutlich. Das liegt auch an drei Hamburgern, die dort ein besonderes Hotel eröffnet haben.

Oberhaverbeck. Es war Liebe auf den ersten Blick, als das Team vom Stimbekhof vor etwas mehr als einem Jahr das Reetdachensemble im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide bei Bispingen besuchte. Mittlerweile ist es Pächter des Hofes und Ende des Monats dessen Besitzer. Mitten in der Corona-Pandemie haben sich Björn Bohlen, Jovitha James und Sabrina Walterscheidt mit dem Hotel selbstständig gemacht.

Der Mut hat sich gelohnt. Das Land Niedersachsen fördert das Hotelkonzept mit 730.000 Euro. Die drei jungen Leute, die aus Hamburg in die Heide gezogen sind, wissen: Die Heide liegt im Trend. Und: Die Besucher werden immer jünger.

Vor den Toren Hamburgs, knapp eine Stunde Autofahrt entfernt, ist es vor allem still. Einatmen, ausatmen und die Weite genießen. Weg vom Trubel der Großstadt, weg von der Dichte und den vielen Menschen. Verständlich, warum sich Björn Bohlen und seine Mitstreiter sofort in dieses Fleckchen Erde verliebt haben. Es sind die Natur und diese Idylle, die den großstadtgesättigten Besucher sofort begeistern. Egal, ob es ein grauer oder ein sonniger Tag ist.

Lüneburger Heide liegt bei jungen Hamburgern im Trend

„Die Großstädter sind von Hektik und Lautstärke überflutet und genießen das Rauskommen“, sagt Sabrina Walterscheidt. Die 31-Jährige hat Hamburg und ihren dortigen Arbeitgeber Le Méridien an der Alster gegen ihren eigenen Hof eingetauscht. Sie, ihr Mann Björn und Kollegin und Freundin Jovitha James wissen, dass das verstaubte Image der Heide längst Vergangenheit ist. „Wir wollen daran arbeiten, dass die Heide weiter jünger wird“, sagt Björn Bohlen.

Der 32 Jahre alte Hotelfachmann hatte in Hamburg mit Jovitha James im Henri Hotel gearbeitet, davor im Louis C. Jacob. Von der Heide ist er angetan: „Die Lüneburger Heide hat wahnsinnig viel zu bieten. Und ein eigenes Hotel zu haben ist das Größte, was man als Hotelfachmann erreichen kann.“

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Sie wollen ihren Gästen nah sein, familiär soll es zugehen, locker und unkompliziert. Dazu gehört Hofhund Henri, der immer mal wieder herumwuselt. Dazu gehört auch, dass die Besucher ihren Kaffee und Kuchen im Eingangs­bereich bestellen und zu ihren Tischen bringen. Jovitha James: „Wir werden Yoga und Meditation in der Heide anbieten und Achtsamkeitsangebote. Es wird ein Coaching geben beim Wandern, um nebenbei die Natur wahrzunehmen.“

"Die Lüneburger Heide hat wahnsinnig viel zu bieten"

Die Lebensmittel sollen aus der Region kommen und möglichst Bio sein. Vegane und vegetarische Gerichte sind im Angebot, eben all das, was der Großstadtmensch von zu Hause kennt. Ein Konzept, das auch die niedersächsische Landesregierung überzeugt hat.

Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) überbrachte kürzlich den Scheck mit der oben genannten Summe: Das Land Niedersachsen hat der Stimbekhof Hotel & Event GmbH als Projekt in der Existenzgründung diese Förderung bewilligt. Mithilfe des Geldes können und sollen Arbeitsplätze entstehen, Investitionen getätigt und der Standort in der Lüneburger Heide längerfristig gestärkt werden.

Die Aufbruchstimmung freut mich sehr

Mit den drei Geschäftsführern sind es insgesamt 8,5 Arbeitsplätze. Die Suche nach weiterem Personal läuft derzeit. Bernd Althusmann: „Mit ihrer Standortwahl treffen diese jungen Unternehmer den Puls der Zeit. Mit dem Stimbekhof haben sie ein neues Juwel geschaffen und ein Zeichen gesetzt. Die Aufbruchstimmung freut mich sehr. Hoffentlich wird dieser Mut belohnt.“

Der Stimbekhof mit dem Hofensemble von 1920 auf dem 30.000 Quadratmeter großen Naturgrundstück mit den mächtigen Eichen, davon sind die drei Hofinhaber überzeugt, ist der ideale Ausgangsort für eine Auszeit und für Wanderungen, zum Beispiel zum Wilseder Berg. 32 Zimmer, aufgeteilt auf verschiedene Gebäude, hat das Hotel, alle sind liebevoll und individuell eingerichtet.

"Die Leute vom Stimbekhof bringen frischen Wind in die Heide"

Das Problem, dass das Hotel mit allen anderen aus der Branche teilt: Nach der Eröffnung im Spätsommer war bereits im Dezember pandemiebedingt erst einmal wieder Schluss. Die Zeit nutzen die drei Eigentümer für Renovierungsarbeiten. Denn gar nichts tun und abwarten wollen sie nicht.

Noch müssen Björn Bohlen und die anderen mit angezogener Handbremse arbeiten, weil nicht feststeht, wann der Stimbekhof wieder für Gäste geöffnet sein wird. „Wir gucken stets nach vorn, statt die Hände in den Schoß zu legen. Der Schlüssel zum Glück steckt von innen“, sagt Bohlen passend zum Hofmotto, das lautet: „Ein Stück vom Glück“.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Sie haben die Küche neu gestrichen, bauen die Rezeption und das Café um. Und sie empfangen doch Gäste. Denn ganz ohne können die leidenschaftlichen Gastgeber nicht. Jedes Wochenende bieten sie einen Außer-Haus-Verkauf, natürlich unter Einhaltung der Hygiene­regeln.

Regionale Produkte im Hofladen

Dann gibt es Apfelwaffeln, vegane Zimtschnecken, Karottenkuchen oder Heidschnucken-Currywurst und Suppe. Sie verkaufen regionale Produkte im Hofladen und haben mit ihrem Insta­gram-Account „Locals.Lueneburgerheide“ ein Netzwerk initiiert, in dem Manufakturen, Selbstständige und andere Gewerbetreibende aus der Region zusammenkommen.

Ulrich von dem Bruch, Geschäftsführer der Lüneburger Heide Tourismus, begrüßt das Engagement: „Das strahlt auf die gesamte Region ab, das ist ein sensationelles Konzept. Die Leute vom Stimbekhof bringen frischen Wind in die Heide.“ Seit Beginn der Corona-Pandemie, so haben die Touristiker ermittelt, hat sich der Altersdurchschnitt der Heidebesucher stark verringert. Lag dieser sonst bei rund 45 Jahren, sind es nun die 25- bis 35-Jährigen, die zum Wandern kommen. „Die Weite der Heide ist ein Anreiz. Hier fühlt man direkt die Natur“, so von dem Bruch.

Lüneburger Heide: 400 Hotels und 1000 Ferienwohnungen

Vor Corona war 2019 mit 8,9 Millionen Besuchern ein Rekordjahr für die Heide. Anders als an Nord- und Ostsee werde es in der Heide aber keine großen Hotelneubauten geben. Derzeit gibt es 400 Hotels und 1000 Ferienwohnungen, die Bettenzahl ist seit zehn Jahren kon­stant. „Der Trend ist naturnahes Wohnen und ökologische Ferienwohnungen“, so von dem Bruch.

Auch wenn die Natur der Hauptdarsteller ist, gibt es in der Region Freizeitangebote, wie den Snowdome oder die Modellbauwelten in Bispingen, außerdem den Baumwipfelpfad Heide Himmel in Nindorf, den Serengeti-Park Hodenhagen, das Outletcenter in Soltau, den Barfußpark in Egestorf und, und, und.

Der Stimbekhof, sagt Björn Bohlen, sei nicht einfach nur ein Hotel. „Wir sehen uns in einer Gemeinschaft und nicht als Einzelkämpfer. Das ist ein Hof für die Region.“