Berlin/Hannover. Lange Gesichter im Neuen Rathaus von Hannover und auf dem Hildesheimer Rathausplatz: Keine Stadt aus dem Norden, sondern das sächsische Chemnitz vertritt Deutschland im Jahr 2025 als Europäische Kulturhauptstadt.

Chemnitz soll Deutschland als Europäische Kulturhauptstadt 2025 vertreten. Eine entsprechende Empfehlung für die sächsische Stadt verkündete die europäische Auswahljury am Mittwoch in Berlin. Damit haben Hannover, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg - die anderen Städte der Shortlist - das Nachsehen. Zuvor waren im vergangenen Dezember die Mitbewerber Dresden, Gera und Zittau ausgeschieden.

"Die Enttäuschung ist groß. Das ist sichtbar", sagte Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne) nach der Entscheidung der Europäischen Auswahljury. Die Titelvergabe erfolgte per Livestream. Hannover hatte coronabedingt kein Public Viewing veranstaltet, dagegen durften im rund 30 Kilometer entfernten Hildesheim mehr als 100 Menschen auf dem Rathausplatz mitfiebern. Sie hatten pinkfarbene Schirme dabei, vielen war nach dem Votum der Jury die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. "Es war ein fairer Wettbewerb zwischen starken Bewerberstädten, der Hildesheim und seine Region einen großen Schritt weitergebracht hat", sagte Oberbürgermeister Ingo Meyer (parteilos).

Niedersachsens Kulturminister Björn Thümler (CDU) sagte, der Wettbewerb habe das hohe kreative und kulturelle Niveau von Hildesheim und Hannover deutlich gemacht. "Ich bin mir sicher, dass beide Städte so auch ohne den Titel neue Akzente setzen können." Niedersachsen war als einziges Bundesland mit zwei Bewerbern in die Runde der letzten fünf gekommen. Die Landesregierung hatte die Bewerbungen von Hildesheim und Hannover mit jeweils 500 000 Euro unterstützt.

Die Empfehlung der Jury muss von Bund und Ländern in eine formelle Ernennung umgewandelt werden. Die zweite Europäische Kulturhauptstadt 2025 stellt Slowenien, die Entscheidung soll im Dezember verkündet werden. In diesem Jahr können sich Rijeka in Kroatien und Galway in Irland mit dem Titel schmücken.

Jüngste Europäische Kulturhauptstadt aus Deutschland war Essen mit dem Ruhrgebiet (2010). Ausgezeichnet wurden davor auch schon Weimar (1999) und West-Berlin (1988).

In den Bewerberstädten wurden jahrelang Ideen gewälzt, Programme aufgestellt und dicke Bewerbungen geschrieben. Die Kandidaten wurden aufgrund umfangreicher Bewerbungsbücher bewertet. Außerdem gab es zuletzt Stadtbesuche, wegen der Corona-Pandemie allerdings ausschließlich digital.

Chemnitz will "all die Leute und Orte sichtbar machen, die man nicht sieht, und damit auch ein Chemnitz, das in Europa - noch - keiner auf dem Schirm hat", so das Bewerbungsteam. Mit kulturellen Mitteln sollen Gräben überwunden werden.

Chemnitz war vor zwei Jahren tagelang im Ausnahmezustand gewesen, nachdem Daniel H. am Rande des Stadtfests von einem Asylbewerber erstochen worden war. Es folgten Demonstrationen, bei denen auch der Hitlergruß gezeigt wurde. Die Ereignisse des Sommers 2018 wurden genau wie brachliegende Flächen und leerstehende Häuser zunächst als Schwäche in der Bewerbung der drittgrößten Stadt in Sachsen betrachtet. Ob Wende, Strukturwandel oder jetzt die Corona-Pandemie: Mit Macher-Mentalität will Chemnitz aktiv werden.