Niedersachsen

Die jungen Wilden aus der Lüneburger Heide

Kein Hipster aus der Schanze: Frank Prohl röstet in der Lüneburger Heide feinen Kaffee.

Kein Hipster aus der Schanze: Frank Prohl röstet in der Lüneburger Heide feinen Kaffee.

Foto: Michael Rauhe

Sie gaben ihre Jobs in Hamburg auf und bringen frischen Wind in die Region: mit einem Hofhotel, einer Kaffeerösterei und Bulli-Touren.

Bispingen.  Der Großstadt haben sie den Rücken gekehrt, obwohl sie Jobs in guten Positionen hatten, um in der Lüneburger Heide neu durchzustarten: die jungen Wilden. Sie haben südlich von Hamburg im Heideörtchen Oberhaverbeck den Stimbekhof übernommen. Andere Gleichgesinnte gründeten eine Rösterei und bieten Touren mit alten VW-Bullis an. Was sie alle verbindet, ist die Liebe zu dieser Landschaft und die Leidenschaft für ihre Herzensprojekte. Denn eines ist klar: „Die Lüneburger Heide ist alles andere als verstaubt, sie ist modern, jung und unglaublich sportlich – unabhängig vom Alter“, sagt Björn Bohlen vom Stimbekhof.

Mit dem Stimbeckhof selbstständig gemacht

Früher haben Björn und seine Freundin Sabrina Walterscheidt in der Hamburger Hotellerie gearbeitet. Björn (32) war in guter Position im Henri Boutiquehotel in der City, Sabrina zuletzt im Le Méridien. Mit von der Partie auf dem Stimbekhof sind Björns Kollegin aus dem Henri, Jovitha James, und deren Freund Nico Kossenjans, ebenfalls aus dem Tourismus: Vier junge Menschen, die sich als Pächter und Geschäftsführer zusammengetan, ihre Festanstellung aufgegeben und den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben. Mit dem Stimbekhof mitten im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide auf einem 30.000 Qua­dratmeter großen Gelände, umgeben von Wäldern und Heide, haben sie eine charmante Hofanlage mit Reetdachhäusern übernommen. Dazu gehören Gebäude, die Schnucken- und Pferdestall oder Kutscherhaus heißen, inklusive Hofcafé.

Die 32 Zimmer sind alle individuell gestaltet und finden sich im Haupthaus und in weiteren Gebäuden des Hof­ensembles. Der Renner sind die selbst gebackenen Apfelwaffeln und der Apfelkuchen. Noch müssen sich die vier eingewöhnen, auch an den Rhythmus der Umgebung. „Heute standen um 10.30 Uhr Wanderer vor der Tür und wollten Kuchen essen“, sagt Sabrina Walterscheidt und lacht. Darauf war sie um diese Zeit noch gar nicht vorbereitet. „Aber es ist ja klar, dass die früh aufstehen und früh wieder Hunger haben.“

Erst am 10. August eröffnet, ist noch alles im Entstehen. Wenn wieder etwas mehr Zeit ist und sich alles eingespielt hat, wird die 30-Jährige auch regelmäßig Yoga anbieten. Der Stimbekhof soll ein Ort zum Wohlfühlen werden. Und ist es schon nach wenigen Tagen. Ein Gast hat es sich draußen auf dem geschwungenen Holzstuhl gemütlich gemacht und liest ein Buch. Wenn Sabrina über den Hof geht und das sieht, freut sie sich: „Es ist schön, wenn die Dinge, die wir uns überlegt haben, auch angenommen werden.“

Kooperationen mit ortsansässigen Unternehmen sind fester Teil des Konzeptes, etwa mit dem Heideröster in Dierkshausen, der Landschlachterei Hermann Meyer, dem Holzofenbäcker aus Sauensiek und dem Heidebulli-Team. Und die vier vom Stimbekhof sind nicht die einzigen Exil-Hamburger, die es in die Heide verschlagen hat.

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Vom Industriemechaniker zum Heideröster

Frank „Franky“ Prohl hat Hamburg den Rücken gekehrt und lebt und arbeitet in der Heide. Er nennt sich der Heideröster. Im Örtchen Dierkshausen betreibt er seine Rösterei, versorgt unter anderem den Stimbekhof mit Kaffee und gibt den jungen Pächtern Tipps, wie guter Kaffee zubereitet wird. Der gelernte Industriemechaniker hatte in Hamburg 14 Jahre lang in einem großen Konzern gearbeitet. „Das hat Spaß gemacht und gutes Geld gebracht, aber es hat mich nicht erfüllt“, sagt er. Als Betriebsratsmitglied hatte er es mit einer Kündigungswelle nach der nächsten zu tun. Das war nichts für ihn. Also hat er seine Leidenschaft zum Beruf gemacht, sich in etlichen Workshops weitergebildet, sodass er sich mit der Kaffeerösterei mittlerweile gut auskennt. Der Reiz an einem guten Kaffee: „Es ist die Gemütlichkeit und den Moment zu genießen.“

Der tätowierte 41-Jährige mit Bart sieht zwar aus wie ein Großstadthipster aus der Schanze. Tatsächlich ist er ein Landei. „Hier kann ich abends auf meiner Terrasse sitzen und die Milchstraße sehen“, sagt der Vater von zwei Kindern. Nirgendwo könne man so gut runterkommen wie in der Lüneburger Heide – „frische saubere Luft, sternenklare Nächte und eine bildschöne Natur haben meine Familie und mich ins beschauliche Handeloh gezogen.“ Neben der Heiderösterei mit Café hat er einen Foodtruck-Anhänger, mit dem er außerhalb von Corona-Zeiten auf Festivals unterwegs ist und seinen Kaffee verkauft. Die nächste Idee: „Ich möchte Workshops anbieten, Kaffeeseminare, und vielleicht können die Heidebullis meinen Kaffee mit auf ihre Touren nehmen.“

Touren durch die Heide mit einem Oldtimer-Bulli

Arne und Antje Soetebier von den Heidebullis gehören auch mit zu den Abenteurern, die sich in der Heide selbstständig gemacht haben, und bilden mit dem Team vom Stimbekhof und dem Heideröster eine berufliche Gemeinschaft. Sie profitieren voneinander und unterstützen sich. Vom 1. September an geht es für Arne und seine Frau los. Dann starten sie mit ihrem VW-Oldtimer-Bulli ihre Touren durch die Heide. Antje ist für die Verwaltung zuständig, Arne wird weiterhin als Flugzeugbauer in Hamburg arbeiten und nebenbei mit anderen Fahrern die Touren fahren.

Zur Flotte gehören Hilde, Frieda, Carl und Oskar. Oskar ist ein Volkswagen T1, ein sogenannter Elf-Fenster-Bus. In Hannover gebaut, kam er 1964 in die USA nach Washington und von dort aus nach Kalifornien, wo er bis 2013 fuhr. Dann fand er seinen Weg zurück nach Deutschland und landete nach der Restaurierung 2016 bei den Soetebiers. Weil sie viele Anfragen erhielten, Hochzeitspaare in dem Nostalgie-Fahrzeug zu fahren, kamen sie auf die Idee, Sightseeingtouren durch die Heide anzubieten. „Wir haben unser Herzblut daran verloren“, sagt Arne, der immer noch Gänsehaut bekommt. Vier verschiedene Touren werden angeboten: von 2,5 bis vier Stunden – basierend auf der Heidschnuckentour von Undeloh wieder nach Undeloh. „Wir können mit dem Auto nicht ins Naturschutzgebiet fahren, aber wir halten an vielen Orten mit tollen Ausblicken“, sagt Arne. Dazu wird er viel über die Gegend und die Orte erzählen, zum Beispiel über die Hünengräber.