Nordsee

Großstädter beleben die Nordseeinsel Wangerooge

| Lesedauer: 3 Minuten
Anja Höneise ist aus Hamburg nach Wangerooge gezogen – und mischt auf der Nordseeinsel mit.

Anja Höneise ist aus Hamburg nach Wangerooge gezogen – und mischt auf der Nordseeinsel mit.

Foto: Peter Kuchenbuch-Hanken / dpa

Fachkräfte fehlen, aber das ist nicht alles. Wie junge Hamburger, Hannoveraner und Berliner die Dorfgemeinschaft bereichern.

Wangerooge.  Abgeschiedener geht kaum: Auf Wangerooge sind die Bewohner gerade im Winter unter sich. Von der Nordseeinsel mit rund 1300 Menschen startet mitunter nur eine Fähre pro Tag, wenn sie bei Stürmen nicht sogar ausfällt. Die 26-jährige Annabel Thomas ist aus Hannover in die Abgeschiedenheit gezogen. Die Lehrerin unterrichtet seit einigen Wochen an der Inselschule. „Ich bin einmal auf die Insel gekommen, um mich zu bewerben. Das zweite Mal dann zur Wohnungssuche, da wurde ich schon erkannt: ,Ah, Sie sind die neue Lehrerin.‘“

Für Wangerooge ist Thomas ein Glücksgriff, denn junge Menschen zieht es aufs Festland: Wer Abi machen will, muss aufs Internat und auch für die Ausbildung gehen viele – vielleicht auch für ein bisschen Abwechslung. Denn ohne Touristen geht es beschaulich zu. Im Winter ist das Kino die meiste Zeit dicht. „Meine Schüler haben mir gleich am Anfang gesagt: Sie brauchen Netflix!“

Junge Großstädter beleben die Nordseeinsel

Warum sie sich ausgerechnet hierhin beworben hat? „Ich bin eh ein Meermensch. Geprägt durch Herbsturlaube in Dänemark, wo nur kaltes, nasses Wetter und Steilküste waren. Da haben wir uns immer wohl gefühlt, wir hatten Zeit als Familie.“ Die Inselkinder findet Thomas erstaunlich offen. „Die sagen: „Heute ist nicht mein Tag. Die Stunde war überhaupt nichts, ich hab nichts verstanden.“ Das würde mir auf dem Festland kaum jemand ehrlich zurückmelden.“ Außerdem arbeiteten die Schüler miteinander statt gegeneinander – „und das jahrgangsübergreifend. In der Großstadt hat man ja eher Grüppchenbildung.“

Bürgermeister Marcel Fangohr (parteilos) sorgt sich etwas um die Inselgemeinschaft. Auch wenn die Einwohnerzahl über die Jahre relativ konstant bleibe, würden die Bewohner im Schnitt älter. „Wir brauchen junge Leute“, sagt er. Solche, die Familien gründeten. „Wichtig ist, dass das dörfliche Gemeinschaftsgefühl erhalten bleibt, dass man miteinander was macht, sich Menschen im Verein engagieren.“ Erst recht, da die Bewohner nicht einfach ins Nachbardorf fahren können.

Wangerooge profitiert von den Zugezogenen

„Wenn die Urlauber weg sind, gibt es keinen Zumba-Kurs. Jeder muss sich selbst einbringen“, sagt Anja Höneise. Von Hamburg hat es die 36-Jährige nach Wangerooge verschlagen und dort bringt sie sich ein: Höneise bietet Mutter-Kind-Turnen an. Ihr Mann und sie übernahmen 2011 eine Bäckerei. Auf einer Insel ohne Autos beliefern sie Hotels mit dem Rad. „Wir arbeiten hier mit Urlaubern. Das ist entspannt. In der Stadt heißt es eher: ,Wie lange dauert das mit dem Kaffee noch?‘“

Fachkräftemangel herrscht auf den Inseln dennoch. Norderney will diesen Frühling ein eigenes Jobportal starten. Dort braucht man einem Sprecher zufolge nicht nur Rettungsschwimmer und Zimmermädchen, sondern auch Verwaltungskräfte und Ordnungsbeamte. Spiekeroogs Bürgermeister Matthias Piszczan (CDU) erzählt: „Das Problem ist nicht, dass die Leute nicht kommen wollen, sondern wo sie wohnen können.“ Denn: „Wir haben Großstadtpreise.“

Damit an Niedersachsens Küste das Inselleben nicht stirbt, ist von Borkum bis Wangerooge ein Projekt mit der Jade Hochschule in Wilhelmshaven geplant, bei dem es darum geht, wie sich die sieben Inseln besser vermarkten können. Nicht als Urlaubsziel, sondern Lebensmittelpunkt.