Kriminalität

"Wie viele noch?": Wut und Angst nach Terror in Hanau

Brandanschlag, Bombendrohung, eine rechte Terrorzelle - und jetzt Hanau. Trotzdem wollen sich die Menschen mit Migrationshintergrund im Norden nicht einschüchtern lassen. Aber sie sind wütend.

Bremen/Hannover. Angst? Ja. Aber sich deswegen einschränken? Das kommt für Fazli nicht in Frage. "Dann hätte der ja geschafft, was er wollte." Der 16-Jährige steht mit seinen Freunden nach dem Freitagsgebet vor der Fatih-Moschee in Bremen. Vor zwei Tagen ging hier eine Bombendrohung ein. Am selben Abend ermordete ein mutmaßlich rassistisch motivierter Täter neun Menschen mit Migrationshintergrund in Hanau. Andere wurden verletzt. "Gerade das Video mit dem Überlebenden hat mich sehr mitgenommen", sagt Fazli. "Die Jungs wollten doch nur was essen gehen."

Am Freitag treffen sich die Gläubigen nach dem Gebet zur Mahnwache. Bürgermeister Andreas Bovenschulte ist da und bekundet seine Solidarität. "Kein Fußbreit dem Rassismus", sagt der SPD-Politiker in die Runde. Aber wie fühlt es sich an, wenn man mit genau diesem Rassismus täglich konfrontiert ist? Und wie bedroht fühlen sich Menschen mit Migrationshintergrund in Niedersachsen und Bremen?

"Ich habe mich ertappt, dass ich mich vorsichtig umgeschaut habe, als ich heute an einer Shisha-Bar vorbeiging", sagt Emine Oguz. Dabei trage sie kein Kopftuch und sei nicht als Muslima zu erkennen, sagt die niedersächsische Ditib-Geschäftsführerin in Hannover.

Andere Gemeindemitglieder, die Kopftuch tragen, müssten seit ein, zwei Jahren dagegen abfällige Blicke in der Straßenbahn oder Sticheleien ertragen. In der muslimischen Community wachse die Angst vor Übergriffen, vor allem junge Mitglieder berichteten von Rassismus im Alltag. "Das Vertrauen in die Sicherheitsbehörden ist gebrochen. Viele fühlen sich im Stich gelassen."

Auch bei der Kundgebung in Bremen mischt sich Wut in die Trauer und das Entsetzen über die Tat in Hanau. "Wir fragen: Wie viele noch? Wann sind wir dran?", ruft Ekrem Kömürcü, der Präsident der Islamischen Föderation in Bremen, ins Mikrofon. Rassismus werde seit Jahren verharmlost, keine Konsequenzen aus dem NSU-Komplex gezogen. "Das sind nicht nur Einzeltäter", sagt Murat Çelik, der Vorsitzende des muslimischen Dachverbands Schura in Bremen. Politik und Medien hätten den Rechtsruck in der Gesellschaft zu lange unterschätzt.

Als Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) hatten sich die Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bezeichnet. Zwischen 2000 und 2009 erschossen sie acht türkischstämmige und einen griechischstämmigen Kleinunternehmer sowie eine Polizistin. Ihre Gefährtin Beate Tschäpe wurde 2018 als Mittäterin zu lebenslanger Haft verurteilt.

"Ich fühle mich nicht unsicher, aber ich weiß, dass Rechtsradikalismus Menschen tötet", sagt Salhattin Kizilye, der in Celle "Hattis Restaurant" betreibt. In seinem Lokal sei der Terroranschlag in Hanau seit zwei Tagen Thema, sagt der gebürtige Celler, dessen Eltern als Gastarbeiter aus einem kurdischen Dorf nach Deutschland kamen.

Schon nach den NSU-Morden hätten sich viele Restaurantbesitzer mit Migrationshintergrund Sorgen gemacht. "Der Staat hätte schon nach den NSU-Morden stärker durchgreifen müssen. Wir sind ein reiches Land, warum werden die sozialen Netzwerke nicht besser durchforstet?"

In Niedersachsen und Bremen haben sich Vorkommnisse mit rassistischen oder ausländerfeindlichen Hintergründen in den letzten Wochen gehäuft. In Uelzen wurde ein mutmaßliches Mitglied einer rechtsradikalen Terrorzelle verhaftet. In Syke brannte ein Restaurant, an den Mauern wurden Hakenkreuze und die Worte "Ausländer raus" gefunden - der Besitzer ist Zuwanderer. In dieser Woche dann die Bombendrohung in Bremen und die Nachrichten aus Hanau.

Viele muslimische Gemeinden wollen sich davon aber nicht beeindrucken lassen. "Sorgen machen, was heißt das?", fragt der Vorsitzende des Türkisch Islamischen Kulturvereins in Emden, Sükrü Timur. Sie seien regelmäßig mit der Polizei im Gespräch. "Mehr können wir nicht machen. Es gibt Verrückte." Die Tür der Moschee stehe den Großteil des Tages offen, und so solle es bleiben.

Ähnlich sieht das Murat Aydin von der türkisch-islamischen Gemeinde in Göttingen: "Wir haben nach Hanau keine Angst." Besondere Schutzvorkehrungen für die Moschee oder Änderungen im Alltag gebe es deshalb nicht. "Wir sind aber besorgt, dass derzeit der Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit erstarken, dass Rassisten auch im Bundestag sitzen und in der Politik mitmischen können", sagt Aydin.

Sein alltägliches Leben verändere sich nach einem solchen Anschlag nicht, sagt der Religionswissenschaftler Coşkun Sağlam von der Uni Osnabrück. Das beobachte er auch in seinem Umfeld. Den Terroristen dürfe man nicht den Erfolg geben, dass man seine Freiheit nicht mehr lebe. Eine Folge ist aus seiner Sicht aber eine latente Angst.

Unter Migranten greife wieder eine Grunddistanzierung gegen Deutschland um sich - man zweifele, ob man wirklich Teil dieser Gesellschaft sei. "Das könnte uns wieder um Jahre zurückwerfen, was die Atmosphäre und politische Entwicklung, die damit einhergeht, betrifft."

Die 15-Jährige Nazli steht mit ihren Freundinnen am Rande der Kundgebung in Bremen. Sie fühle sich mit ihrem Kopftuch oft angestarrt, erzählt sie. "Man muss aufpassen, ist immer unter Beobachtung." Dabei wäre die Lösung aus ihrer Sicht so einfach: "Die Menschen sollten einfach mehr aufgeklärt werden. Dann gibt es auch diesen Hass nicht mehr."