Agrarpolitik

Bauerndemo: Bald rollen wieder die Trecker durch den Norden

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Landwirte fahren mit ihren Traktoren im November durch die Hamburger Innenstadt.

Landwirte fahren mit ihren Traktoren im November durch die Hamburger Innenstadt.

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Während der Internationalen Grünen Woche soll es zahlreiche Protestaktionen geben. Das sind die Kritikpunkte der Bauern.

Hannover. 2019 war auch ein Jahr der Landwirtschaft: Mit grünen Kreuzen und großen Trecker-Demos in ganz Deutschland machten Bauern auf sich und ihren Frust aufmerksam und legten beispielsweise im November den Verkehr in der Hamburger Innenstadt lahm. Auch in diesem Jahr sind zahlreiche Proteste geplant. So sind vor und während der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 17. bis zum 26. Januar bundesweite Demonstrationen geplant. Die Bauern kritisieren dabei das geplante Agrarpaket und die Düngeverordnungen.

Anfang Dezember nahm sich Kanzlerin Angela Merkel der Probleme an und versicherte den aufgebrachten Landwirten, dass diese nach wie vor ein wichtiger Teil der Gesellschaft sind. Die Landwirte hörten es gerne - aber vor welchen Problemen steht die Branche?

Gülle

Aus Sicht des Präsidenten des niedersächsischen Landvolks, Albert Schulte to Brinke, sind die verschärften Düngeauflagen der Bundesregierung ein wichtiger Auslöser der Proteste gewesen. Diese seien ohne Abstimmung mit den Verbänden beschlossen worden. Er hält an der Kritik fest, dass die Auflage, in den überdüngten Gebieten nun pauschal 20 Prozent weniger düngen zu dürfen, nicht umweltgerecht sei. „Das würde dazu führen, dass Humus abgebaut wird und CO2 wieder freigesetzt wird.“ Anders sieht das der stellvertretende Landesgeschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Niedersachsen, Tilman Uhlenhaut: Aus Sicht des Umweltschutzes geht die Ausweisung der Roten Gebiete in Niedersachsen noch nicht weit genug. Die Landwirte bekämen jetzt die Quittung dafür, dass sie jahrelang nicht auf die Probleme reagiert haben: „Schon seit Ende der 70er Jahre spricht man davon, dass die intensive Düngung das Grundwasser beeinträchtigt.“

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Tierwohl

Landwirte sehen sich einer sich widersprechenden Auflagenflut ausgesetzt, die zulasten der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Bauern gehe, sagt Friedrich-Otto Ripke, Präsident des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft. Um eine artgerechtere Tierhaltung zu ermöglichen, müssten die Ställe umgebaut werden. Die Landwirte bekämen aber dazu nicht die Genehmigungen, weil dem Auflagen des Bau- und des Immissionsrechts entgegenstünden. Auch müsse der in Deutschland geforderte höhere Aufwand für eine artgerechtere Tierhaltung den Bauern über eine staatliche Tierwohlprämie erstattet werden. Ohne diese Perspektive würden immer mehr Landwirte aufgeben, der Importanteil werde steigen - und das aus Ländern, in denen es nicht so hohe Auflagen gebe: „Das können wir nicht gewinnen. Wir brauchen politische Entscheidungen, die uns die Zukunft sichern“, fordert Ripke. Auf der Grünen Woche in Berlin wird das Tierwohl wieder eines der wichtigen Themen sein.

Schweine

Beim Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration hatte die Politik der Branche Ende vergangenen Jahres Aufschub bis Anfang 2021 gegeben. Vor allem bei der Ebermast und der so genannten Immunokastration, bei dem die männlichen Tiere gegen den Ebergeruch geimpft werden, habe es aufseiten der Bauern gute Fortschritte gegeben, sagt Torsten Staack, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands. „Wir brauchen aber mehr Abnehmer, die das akzeptieren“, fordert Staack in Richtung Schlachthöfe und Lebensmittelhandel. Auch beim Verzicht auf das Abschneiden der Ringelschwänze in konventionellen Ställen sei nach dem Inkrafttreten eines Aktionsplanes in diesem Sommer deutschlandweit Bewegung gekommen: Jeder Betrieb muss nun Maßnahmen ergreifen, um die Zahl der nicht kupierten Schweine zu erhöhen. Stillstand herrsche aber in der Frage, wie künftig Sauen gehalten werden dürfen, nachdem ein Gerichtsurteil die bisher praktizierte Haltung der Muttersauen in Kastenständen verboten hatte. Bund und Länder konnten sich noch nicht auf gemeinsame Regeln einigen.

Die Zukunftsfrage

Grundwasserbelastung, Insektensterben, schockierende Bilder aus der Tierhaltung, etwa wegen des Schredderns männlicher Küken – das alles sind Negativschlagzeilen. Hinzu kommt die schlechte Ertragslage vieler Höfe, die bei manchem vielleicht die Frage aufkommen lässt: Wäre es nicht besser, wenn die Landwirtschaft aus Deutschland verschwände? Nein, sagen sowohl Funktionäre der Landwirtschaft als auch des Umweltschutzes. „Nicht jeder Schweinemäster ist der große Umweltverschmutzer, wir haben ganz viele Betriebe, die wir unbedingt brauchen, um eine vielgestaltige Kulturlandschaft zu erhalten“, sagt BUND-Agrarexperte Uhlenhaut. Die hiesige Landwirtschaft sollte seiner Ansicht nach aber mehr auf die regionale Vermarktung ihrer Produkte setzen, statt ihre Produkte weltweit zu verkaufen. Geflügelwirtschafts-Präsident Ripke sagt: Trotz aller Probleme gehört Deutschland bei den Tierwohlstandards und der Lebensmittelsicherheit zu den führenden Ländern. „Regionalität, Produktion unter den Augen der Verbraucher, das gibt Sicherheit.“ Bei der Versorgung mit Lebensmitteln dürfe sich Deutschland nicht abhängig von anderen Ländern machen.

Trecker rollen im November durch Hamburg

Treckerdemo auf der Ludwig-Erhard-Straße in Hamburg
Treckerdemo auf der Ludwig-Erhard-Straße in Hamburg
( dpa/dob )