„Nicht meckern, machen!“

Die erstaunliche Rettung des Bahnhofs Wintermoor

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Elisabeth Jessen
Die Retter vom Bahnhof Wintermoor: Karl-Ludwig von Danwitz (v.l.), Henrich Kirchner, Melissa Othmann, Peter Degen und Karin Meyer.

Die Retter vom Bahnhof Wintermoor: Karl-Ludwig von Danwitz (v.l.), Henrich Kirchner, Melissa Othmann, Peter Degen und Karin Meyer.

Foto: Mark Sandten / MARK SANDTEN / FUNKE FOTO SERVICES

Acht Menschen haben die geplante Schließung der für sie wichtigen Haltestelle verhindert. Wie sie das geschafft haben.

Wintermoor.  Es ist ein grauer Novembertag, aber die Gesichter von Henrich Kirchner, Melissa Othman und ihren Mitstreitern von der Wintermoorer Bahnhofsinitiative (WBI) strahlen um die Wette, als der Heidesprinter im Bahnhof Wintermoor einfährt. Ihnen ist es zu verdanken, dass der Bahnhof nicht wie mehrere andere stillgelegt wurde. Jahrelang haben acht Bürger unermüdlich dafür gekämpft, dass der kleine Heideort seine Anbindung ans Schienennetz behält. Mit Erfolg.

Im Moment ist gerade wieder mal ein Bereich am Bahnhof mit rot-weißem Flatterband abgesperrt, denn es sollen weitere abschließbare Fahrradboxen errichtet werden. Seit 2013 haben die Bürger auch dafür gekämpft, dass neben Zeitkarten auch Einzelfahrscheine im HVV-Großraum-Tarifgebiet eingeführt werden. Bald ist es so weit. „Ab dem 1. Dezember gibt es sie“, sagt Ortsvorsteherin Karin Meyer, ebenfalls Mitglied der WBI.

Es gibt Orte in der Lüneburger Heide, die mehr hermachen als Wintermoor, das zur Gemeinde Schneverdingen gehört. Denn Wintermoor hat keinen expliziten Ortskern, nur mehrere Straßen, an denen mal mehr, mal weniger Häuser stehen. Seit vielen Jahren versorgt der Lebensmittelladen Max Manke die etwa 1000 Bewohner mit den notwendigen Dingen des täglichen Lebens.

Wintermoors Vorteil: Der Ort liegt an der Heidebahn, die Buchholz in der Nordheide mit Hannover verbindet. Die Strecke wurde vor ein paar Jahren in mehreren Abschnitten für viele Millionen ertüchtigt und ausgebaut. Doch dabei wäre Wintermoor fast auf der Strecke geblieben. „Als die Pläne bekannt wurden, war aber nie von unserem Bahnhof die Rede“, erinnert sich Karin Meyer.

Kein Halt am Bahnhof Wintermoor? Für Anwohner unvorstellbar

Niemand im Ort mochte sich vorstellen, wie man zurechtkommen würde, wenn die Bahn ohne Halt durchrauschen würde. Immerhin war der Bahnhof seit 1901 in Betrieb. Die einzige Hoffnung: mehr Menschen auf die Schiene zu bringen, also mehr Pendler zum Umstieg auf den Zug zu bewegen. Denn viele der Dorfbewohner sind berufsbedingt Pendler. Karl-Ludwig von Danwitz beispielsweise, ebenfalls Mitglied der WBI, ist niedersächsischer Landtagsabgeordneter und fährt regelmäßig nach Hannover. Der Forstwirt Henrich Kirchner arbeitet in Hamburg und nutzt für den Arbeitsweg fast ausschließlich die Bahn.

Doch sie brauchten noch mehr Pendler. Und so wurde die Gruppe aktiv und entwickelte einen Schlachtplan, jeder bekam seine Aufgaben. Die WBI organisierte zwei Bahnhofsfeste, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. „Wir haben Handzettel verteilt mit der Aufforderung ,Leute, fahrt mit der Bahn‘“, sagt Meyer. Und Mitstreiter Kirchner ergänzt: „Mit der Überschrift ,Einmal im Monat kann jeder‘“, haben wir geworben. Die Rechnung sei ja einfach gewesen. Im Umkreis des Bahnhofs leben gut 1000 Einwohner, „wenn jeder einmal Bahn fährt, sind es 2000 Ein- und Ausstiege.“ Jeder sollte aber noch einmal öfter fahren.

Der Zug fährt von Wintermoor nun im Stundentakt

Inzwischen ist viel passiert. Die Zahl der Fahrgäste sei deutlich gestiegen. „Der Zug fährt im Stundentakt. Es gibt von Montag bis Freitag je 20 Züge Richtung Hannover und je 20 Richtung Buchholz/Hamburg“, sagt Karin Meyer. Der erste Zug der Heidebahn hält gegen 4.30 Uhr, der letzte kurz nach Mitternacht. Am Wochenende fährt der Zug bis Harburg durch, während der Woche müssen die Fahrgäste in Buchholz umsteigen.

Der Bahnsteig in Wintermoor wurde höher gelegt und verlängert, es gibt abschließbare Fahrradboxen, außerdem ausreichend Parkplätze. Und auch sonst haben Ortsvorsteherin Meyer und ihre Mitstreiter viel bewegt. Es gibt in Bahnhofsnähe einen Beachvolleyballplatz, eine Grillhütte und einen Picknickbereich. Auch um die Radwegbeschilderung hat sich die Initiative gekümmert und Fördergelder dafür eingeworben.

„Hier beginnt der Este-Radweg, der bis Cranz geht“, sagt Henrich Kirchner, auch nach Niederhaverbeck gebe es einen sehr schönen neuen Radweg durch einen Naturwald. Und wer zum Wilseder Berg oder nach Wilsede wolle, für den sei der Haltepunkt Wintermoor die nächstgelegene Bahnstation. Der Heideshuttle (Ring 1 und 2), ein kostenloser Freizeitbus während der Sommermonate, hält auf Betreiben der Initiative ebenfalls am Bahnhof Wintermoor.

Auch eine Internetseite für das Dorf ist entstanden

Zudem wurden alle Pensionen und Unterkünfte im Umkreis mit Fahrplänen versorgt und gebeten, den Fahrplan auf ihren Homepages zu verlinken. Auch eine Internetseite für das Dorf ist entstanden. Dort sind sämtliche Vereine verlinkt sowie die Termine, die für das Leben im Dorf wichtig sind. Schnelles Internet gibt es ebenfalls. Auch das Neubaugebiet, wo nach Angaben von Meyer etwa 30 Bauplätze mit Quadratmeterpreisen von 50 Euro angeboten wurden, ist inzwischen ausgebucht. Immerhin liegt Hamburg, in dem die Immobilienpreise deutlich nach oben geschnellt sind, in nur 50 Kilometern Entfernung. „Wir brauchen junge Leute“, sagt Meyer.

„Wir hatten einen langen Atem“, sagt Melissa Othman zufrieden. Aber es geht immer noch mehr. Wintermoor–Hamburg ohne Umsteigen in Buchholz – darum will sich die Initiative weiter bemühen. Da sei hoffentlich das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Das Abendblatt präsentiert die Aktion gemeinsam mit mehreren norddeutschen Zeitungen und NDR Info.