Högel-Prozess

Oldenburger Klinikchef bestreitet Einflussnahme auf Zeugen

Niels Högel (2. v. l.) wird am Mittwoch in den Gerichtssaal geführt

Niels Högel (2. v. l.) wird am Mittwoch in den Gerichtssaal geführt

Foto: dpa

Die Krankenhausleitung hatte allen Mitarbeitern Rechtsbeistand angeboten. Högel lehnt weitere Befragung zur Schuldfähigkeit ab.

Oldenburg. Der Oldenburger Klinikchef Dirk Tenzer hat im Mordprozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels Högel jegliche Einflussnahme auf Zeugen bestritten. In dem Prozess vor dem Oldenburger Landgericht befragte Richter Sebastian Bührmann am Mittwoch den Vorstandsvorsitzenden intensiv, warum das Klinikum allen Mitarbeitenden einen Rechtsbeistand angeboten habe. Zeugen hatten berichtet, den Beistand als "Aufpasser" zu empfinden. Bührmann sagte, ein solches Vorgehen eines Unternehmens in einem Strafprozess sei höchst ungewöhnlich und lege eine versuchte Einflussnahme nahe.

Tenzer verteidigte das Vorgehen der Klinik. Die Situation sei für alle Beteiligten sehr belastend. Es sei eine Frage der Fürsorge gewesen, den Mitarbeitenden einen Beistand anzubieten. Er habe nie Anweisungen gegeben, auf die Aussagen der Mitarbeitenden Einfluss zu nehmen. Er habe sie im Gegenteil dazu aufgefordert, offen und eng mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten.

Tenzer hatte Recherchen in Oldenburg initiiert

Tenzer war 2013 als Vorstandsvorsitzender ins Klinikum Oldenburg gekommen und hatte 2014 nach einem Zeitungsbericht über Högels Morde in Delmenhorst erste hausinterne Recherchen und Gutachten in Gang gebracht. Damals hatte Högel noch mögliche Morde in Oldenburg vehement abgestritten. Ihm sei jedoch früh klar gewesen, dass Högel auch in Oldenburg Patienten geschadet habe, sagte Tenzer: «Dazu stehe ich auch noch heute.»

Laut Anklageschrift soll Högel in den Jahren 2000 bis 2005 in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst 100 Patienten mit Medikamenten vergiftet haben, die zum Herzstillstand oder Kammerflimmern führten. Anschließend versuchte er, sie wiederzubeleben, um als rettender Held dazustehen. Der frühere Krankenpfleger hat im Verlauf des Prozesses, der Ende Oktober begann, 43 Morde eingeräumt. Fünfmal wies er die Anschuldigung zurück. An die weiteren Patienten könne er sich nicht erinnern, sagte er. Wegen weiterer Taten verbüßt Högel bereits eine lebenslange Haftstrafe.

Krankenschwester erinnert sich an grauenvolle Nacht

Ebenfalls am Mittwoch sagte eine frühere Kollegin von Högel im Prozess aus. Die ehemalige Krankenpflegerin hat den Patientenmörder Niels Högel als freundlichen und sehr hilfsbereiten Kollegen in Erinnerung. In einer Nachtschicht mit ihm habe es jedoch eine auffällige Häufung von Reanimationen im Oldenburger Klinikum gegeben, sagte die Zeugin. „Wir hatten in dieser Nacht sechs Reanimationen, es war grauenvoll“, sagte die 54-Jährige im Prozess gegen den Ex-Pfleger. „Hier spukt es wohl, wir mussten fast von einem Zimmer zum anderen rennen“, erinnerte sich die Zeugin. Högel sei als „reanimationsgeil“ bekannt gewesen, Kollegen hätten ihn auch als „Sensen-Högel“ bezeichnet.

Högel lehnt weitere Befragung zur Schuldfähigkeit ab

Niels Högel will sich nicht von einem neuen Gutachter zu seiner Schuldfähigkeit befragen lassen. Högel sei laut seiner Anwältin dazu nicht bereit, teilte der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann am Mittwoch am Landgericht Oldenburg mit. Für das Gutachten muss sich der Psychiatrie-Professor Henning Saß damit allein auf seine Erkenntnisse aus der Hauptverhandlung, die Aussagen von Zeugen und auf die Akten stützen. Er hatte auch im NSU-Prozess die Angeklagte Beate Zschäpe beurteilt. Saß soll neben der Schuldfähigkeit auch beurteilen, ob der frühere Krankenpfleger weiterhin für die Allgemeinheit gefährlich ist. Dann käme für ihn eine Sicherungsverwahrung in Betracht. Der bisherige Gutachter Konstantin Karyofilis war wegen einer schweren Erkrankung ausgefallen.