Niedersachsen

Stadt der Zukunft: Wie soll Lüneburg 2030 aussehen?

Das Lüneburger Rathaus entstand um 1230 und ist noch heute Hauptsitz von Rat und Verwaltung der Hansestadt Lüneburg

Das Lüneburger Rathaus entstand um 1230 und ist noch heute Hauptsitz von Rat und Verwaltung der Hansestadt Lüneburg

Foto: Kim Ly Lam und Fynn Freund / HA

Neue Kriterien bei der Wohnraumvergabe, mehr Grün und Local Data Maps. Am 1. März dürfen Bürgerinnen und Bürger mitdiskutieren.

Visionen haben die Lüneburger viele. Sie als konkrete Maßnahmen zu formulieren und umzusetzen kann jedoch eine Herausforderung sein. 125 Menschen aus der Stadt knöpften sich im vergangenen Herbst diese Aufgabe vor. Gemeinsam mit der Stadtverwaltung und Studierenden und Forschenden der Leuphana Universität sponnen die Teilnehmer zwei Wochen lang Ideen und diskutierten verschiedene Szenarien. Es standen viele Fragen im Raum. Wie kann dem Klimawandel begegnet werden? Was braucht die lokal-regionale Wirtschaft? Und welche Optionen muss es geben, damit die Bewohner das Stadtleben bunter und aktiver mitgestalten können?

„Wir haben versucht, viele verschiedene Menschen an den Tisch zu bringen“, sagt Dr. Antje Seidel. Sie koordiniert das Projekt Zukunftsstadt Lüneburg 2030+ mit. „Für diese Gespräche braucht es mehr als eine exklusive Expertenrunde.“ Stattdessen habe man nach Personen gesucht, die über den Tellerrand schauen und ihre Perspektive einbringen können. Vom Landwirt zur Einzelhändlerin bis hin zu unterschiedlichen Interessenvertretungen waren viele Stimmen mit dabei.

Das Motto: Kommunikation auf Augenhöhe statt Elfenbeinturm Uni. „Die Workshops waren lebhaft. Es haben Menschen miteinander diskutiert, die sonst selten in den Dialog kommen.“ Dass Lüneburg vor Ressourcen strotzt und trotzdem klein genug ist, um gut vernetzt zu sein, wolle man in diesem Projekt ausschöpfen.

Doch wie bekommt man all die Positionen auf einen gemeinsamen Nenner? „Es mag ungewöhnlich klingen, aber wir haben ein Spiel entwickelt.“ Seidel spricht von den beschriftbaren Lüneburg Stadtkarten und kleinen Spielkärtchen, die in den fünf verschiedenen Workshopgruppen verteilt wurden. Letztere haben sich getrennt mit den Themenfeldern Wirtschaft, Klimaanpassung, Vernetzung, Partizipation und Stadtleben befasst.

„Die Spielkarten geben die Zielvisionen und Ressourcen vor und veranschaulichen Ideen aus anderen Kommunen“, so Seidel. Mit sogenannten Schockkarten werden bestimmte Szenarien aufgegriffen, auf die die Spielenden mit gezielten Maßnahmen reagieren müssen. „So kann man mögliche Situationen durchspielen und wird sich den Problemen bewusst, die es zu lösen gilt.“

Das Ergebnis: Weniger Monologe, mehr Flexibilität. In Workshops komme es nicht selten vor, dass sich die Teilnehmenden in ihren Standpunkten verfahren. Seidel ist zufrieden. Doch abgeschlossen ist die Arbeit an den Maßnahmen noch lange nicht. „Wer mitdiskutieren will, kann am 1. März zu uns in die Uni kommen“, sagt die 40-Jährige. Dann würden alle Maßnahmeoptionen im Rahmen eines Thementages der Leuphana Konferenzwoche 2018 vorgestellt und bewertet werden. Welche Ideen tatsächlich ausprobiert und umgesetzt werden, müssten letztlich die Bürgerinnen und Bürger entscheiden. „Wir wollen wissen: Was ist den Lüneburgern wirklich wichtig?“

Um einen kleinen Eindruck davon zu bekommen, wie eine nachhaltige Zukunft Lüneburgs aussehen könnte, stellt das Abendblatt bereits jetzt vier der Lüneburger Lösungen vor.


Planen und entscheiden

Mobilitätsplattformen und -apps gibt es viele. Was fehlt sind jene, die sich den nachhaltigen Formen der Fortbewegung widmen. „Wenn ich drei Kisten Cola von Punkt A zu Punkt B bringen will, gibt es mehr Möglichkeiten als das Auto“, sagt Seidel. Ein Lastenrad zum Beispiel oder städtische Elektromobile. Auch der öffentliche Personennahverkehr wäre in einem solchen System eingebunden. Zentral ist jedoch die Feedbackfunktion, mit der die Nutzer die vorgeschlagenen Routen kritisieren und ergänzen können; beispielsweise wenn die Bustaktung zu gering ist. Nachhaltigkeit und Effizienz sollen sich nicht ausschließen.

Klimaanpassung

Um den zukünftigen Hitzeeffekten in der Innenstadt entgegenzuwirken, bräuchte man mehr Grün. Diese könnten den Starkregen absorbieren und speichern. Bislang wurden entsprechende Vorschläge jedoch abgeblockt. Der Grund: Bedenken zum Denkmalschutz. Nun wollen Uni und Stadt historische Landkarten, Gemälde und Schriften auf Grünflächen untersuchen, die in der Vergangenheit existiert haben. Wer an jenen Stellen Bäume, Sträucher und Gras anpflanzt, würde die geschichtliche Kultur nicht gefährden. Im Gegenteil: Sie könnte dadurch wiederbelebt werden.

Vernetzen und Versorgen

Digitale Dienstleistungen und Angebote wie Google Maps setzen auf Big Data. Das Problem: Sie werden den lokalen Bedürfnissen nicht gerecht. Was Google für Zweiräder vorschlägt, ist nicht immer die geeigneteste Strecke. Die Teilnehmenden der Workshops schlagen deshalb vor, hochwertige Datenbanken zu schaffen, die lokal verankertes Wissen aufgreifen, zur Verfügung stellen und kontinuierlich aktualisieren. Qualitative Fahrradrouten könnten so mittels Open Data bearbeitet und geteilt werden.

Stadtleben gestalten

Der Wohnraummangel ist auch in Lüneburg ein Problem. Besonders Gruppen wie Obdachlose, Arbeitslose und junge Familien sind davon bedroht, vom Wohnmarkt ausgegrenzt zu werden. Ein sozialer Vergabeschlüssel könnte dies richten: Er würde freiwilligen Investoren und Wohneigentümern einen prozentualen Richtwert an Wohnfläche nennen, den es für die Risikogruppen freizuhalten gilt. Auf diesem Wege könnte der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum gestreut und die Bildung von Ghettos vorgebeugt werden. Ob es Sinn macht, diesen Schlüssel verpflichtend zu machen, würde man nach der Probe ergründen.