Niedersachsen

Dorfläden von Bürgern beleben verlassene Orte

Eine Kundin kauft im Dorfladen in Sehnde-Bolzum in der Region Hannover ein. Engagierte Landbewohner gründen Dorfläden in Eigenregie und werden dabei von den Kommunen unterstützt.

Eine Kundin kauft im Dorfladen in Sehnde-Bolzum in der Region Hannover ein. Engagierte Landbewohner gründen Dorfläden in Eigenregie und werden dabei von den Kommunen unterstützt.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Stirbt der Bäcker, stirbt das Dorf: Vielerorts wollen sich die Menschen nicht damit abfinden, dass Geschäfte in der Provinz aufgeben.

Bolzum.  Vor einem Jahr war Bolzum tagsüber wie leergefegt. „Wenn man durchs Dorf ging, traf man höchstens Hundebesitzer, die ihre Runde drehten“, erzählt Michaela Oldeweme. In den 90er Jahren gab es in dem 1300-Einwohner-Ort südöstlich von Hannover noch einen Supermarkt, einen Schreibwarenladen, eine Post und eine Bank.

Ende 2012 machte mit dem Bäcker das letzte Geschäft dicht. Doch die Bolzumer wollten das Sterben auf Raten nicht hinnehmen und gründeten eine Genossenschaft. Im März eröffneten sie ihren eigenen Dorfladen an der Hauptstraße. Michaela Oldeweme ist eine der Geschäftsführerinnen.

„Hier trifft man sogar Neubürger und lacht mit ihnen“

An diesem Morgen um 9.30 Uhr herrscht reger Betrieb. Mütter kommen mit Kinderwagen, Rentnerinnen mit ihren Rollatoren. Die großzügige Verkaufsfläche erinnert eher an einen kleinen Supermarkt als an einen Tante-Emma-Laden. Marktleiterin Sandra Feldmann spricht jeden Kunden mit Namen an. Nach dem Bezahlen nehmen viele mit ihren Jute-Taschen noch im zum Markt gehörenden Café Platz, trinken einen Pott Kaffee und schnacken ein bisschen. So wie Gerda Busch, die seit 47 Jahren in Bolzum wohnt. „Hier trifft man sogar Neubürger und lacht mit ihnen an der Fleischtheke“, sagt die Rentnerin. „Es ist eine Bereicherung.“

Dorfläden haben nicht nur die Funktion, die Grundversorgung mit Milch, Brötchen und anderen Lebensmitteln sicherzustellen. Im Idealfall sind sie sozialer Mittelpunkt. Das gilt auch für den Pendlerort Bolzum. Vor der Eröffnung ihres Dorfladens mussten die Einwohner etwa vier Kilometer nach Sehnde fahren, um einzukaufen. „Mit meinem Rollator bin ich immer ganz schlecht in den Bus gekommen“ sagt Marie-Luise Gewiese, Stammkundin und Gesellschafterin.

Um das Eigenkapital von 72.000 Euro zusammenzubringen, haben die Initiatoren Anteilsscheine für 300 Euro verkauft. Mehr als 200 Gesellschafter bilden als stille Teilhaber das Fundament für den Dorfladen Bolzum. Die Region Hannover unterstützt die Startphase, indem sie den Gründern eine spezialisierte Unternehmensberatung zur Seite stellt. Ulrich Neumann ist an diesem Tag in Bolzum. Er begleitet bundesweit Neugründungen von Dorfläden. „Seit vier, fünf Jahren kommt das Konzept so richtig in Fahrt“, berichtet der Berater.

Bereits 200 Bürger-Läden in Deutschland

Ein Knackpunkt sei, die Bürger zu überzeugen, im eigenen Dorf einzukaufen - und zwar nicht nur die sogenannten Vergessartikel, sagt Neumann. Wenn sich die Bewohner mit dem Geschäft identifizierten, funktioniere es auch. „In viele Dorfläden kommen die älteren Kunden einmal morgens und einmal abends.“ Auch in Bolzum liegt der Umsatz in den ersten Monaten über den Erwartungen. Ziel ist eine schwarze Null, Gewinne erwartet keiner.

Nach Schätzung des Dorfladen-Netzwerkes werden in Deutschland mittlerweile gut 200 Bürger-Läden betrieben, davon die Hälfte in Bayern. Jeweils 15 bis 20 existieren in Niedersachsen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, schätzt der Sprecher des Netzwerkes, Günter Lühning, der vor 15 Jahren einen der bundesweit ersten Dorfläden in Otersen im Landkreis Verden gründete. In Ostdeutschland gibt es erst fünf derartige Selbsthilfe-Einrichtungen.

Lühning sagt aber: „Immer mehr Bürgermeister, engagierte Kommunalpolitiker und Bürger sind es leid, sich von den wenigen, aber großen Lebensmittelkonzernen vorschreiben zu lassen, wie weit die Menschen zum Einkaufen fahren müssen.“

(dpa)