Prozess in Lüneburg

KZ-Überlebende kann Auschwitz-Wärtern nicht vergeben

Die Zeugin und in Auschwitz geborene Angela Orosz-Richt neben ihrem Anwalt Heinrich Rothmann im Gerichtssaal in Lüneburg

Die Zeugin und in Auschwitz geborene Angela Orosz-Richt neben ihrem Anwalt Heinrich Rothmann im Gerichtssaal in Lüneburg

Foto: Philipp Schulze / dpa

Eine im KZ geborene Zeugin sagte am Dienstag im Lüneburger Prozess aus. Sie wendete sich direkt an den ehemaligen SS-Mann Gröning.

Lüneburg. Angela Orosz-Richt zog es vor, im Stehen auszusagen. Kaum 1,50 Meter misst die 70-Jährige aus Montreal, die am Dienstag im Lüneburger Auschwitz-Prozess gegen Oskar Gröning in den Zeugenstand trat. Sie kam unter widrigsten Umständen am 21. Dezember 1944 in dem Vernichtungslager zur Welt. „Ich wog nur ein Kilogramm“, sagte sie vor dem Lüneburger Landgericht. Sie sei so schwach gewesen, dass sie nicht schreien konnte. „Darum habe ich überlebt.“

Orosz-Richt schilderte den Leidensweg ihrer Mutter und des Vaters, den sie nie kennengelernt hat. Beide gehörten zu den rund 425.000 ungarischen Juden, die im Frühjahr 1944 per Zug nach Auschwitz deportiert wurden. Mindestens 300.000 von ihnen wurden in den Gaskammern umgebracht. Auch ihr Vater habe die unmenschlichen Bedingungen nicht überlebt, sagte Orosz-Richt. „Er wurde durch Erschöpfung ermordet.“ Vor dem Gericht muss sich der frühere Buchhalter von Auschwitz, Oskar Gröning, wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen verantworten.

Sie könne den Tätern nicht vergeben, sagte Angela Orosz-Richt. Sie wolle einen anklagenden Finger auf diejenigen richten, die verantwortlich gewesen seien und profitiert hätten: „Solche wie Sie, Herr Gröning.“ Dem heute 93-jährigen Angeklagten wird vorgeworfen, Spuren der Massentötung verwischt zu haben, indem er half, an der Bahnrampe in Auschwitz-Birkenau Gepäck wegzuschaffen. Dort sei es keineswegs geordnet zugegangen, wie Gröning es beschrieben habe, sagte Orosz-Richt, die zu den Nebenklägern gehört. „Im Bauch meiner Mutter wurde ich geschlagen.“

Immer wieder sprach sie Gröning direkt an

Hochschwanger sei die Mutter vom Lagerarzt Josef Mengele für Sterilisationsexperimente missbraucht worden, berichtete die Tochter. Er habe eine brennende Substanz in den Gebärmutterhals geleitet. „Direkt dahinter war der Fötus, das war ich.“ Nur durch Wunder, die unglaubliche Kraft und den Mut der Mutter habe sie überlebt. Während Gröning am Grab seiner Frau trauern könne, sei die Asche ihres Vaters in Auschwitz verteilt. „Wie kann ich vergessen?“ fragte sie und sah dabei den Angeklagten an.

Immer wieder sprach sie Gröning direkt an. Ihre Mutter, die nicht nur ihre Tochter durchbrachte, sondern auch selbst die Qualen überstand, sei in Auschwitz-Birkenau unter anderem zur Arbeit im sogenannten Kanada-Lager gezwungen worden, berichtete Orosz-Richt. Dort wurde das zurückgelassene Gepäck der ermordeten Juden sortiert. Zu Grönings Aufgabe gehörte die Verwaltung von Geld und Wertsachen, die dabei entdeckt wurden. Vielleicht erinnere er sich an die Mutter: „Sie war eine braunhaarige Schönheit.“

Angela Orosz-Richt war nach den Planungen des Gerichtes die letzte Auschwitz-Überlebende, die in dem Verfahren als Zeugin aussagen soll. „Der Schrecken von Auschwitz ist bei mir und wird mich mein Leben begleiten. Die Vergangenheit ist gegenwärtig“, sagte sie. Sie habe ihren Enkel mit nach Lüneburg gebracht, damit er später seiner Familie vom Schrecken des Holocaust erzählen könne. (epd)