Niedersachsen

Der Ruf der Wildnis - auf Tuchfühlung mit den Wölfen

Mensch und Wolf kommen sich ganz nah – in einem Gehege bei Hannover. Besucher erleben hier einen Abend lang die Tiere ohne trennende Zäune.

Hannover. Plötzlich ist er da, der Wolf. Matthias Vogelsang nickt: „Du kannst ihn ruhig anfassen“, sagt der Wolfs-Experte. Die Menschenhand gleitet zaghaft über den Rücken des Tieres. Das fühlt sich erst kalt an, die oberste Schicht des Fells ist hart, fast borstig. Dann versinken die Finger im fluffig-warmen Wolfspelz.

Nantan wendet abrupt seinen kräftigen Körper, nähert sich mit der Schnauze, hält kurz inne, leckt einmal diagonal durchs Menschengesicht – und trottet majestätisch zu den anderen Wölfen. Fünf Sekunden hat diese erste Begegnung von Wolf und Mensch gedauert. Höchstens. Ein Ur-Erlebnis mit Glücksgefühlgarantie: Das unzähmbare Tier hat aus freien Stücken die Nähe des Menschen gesucht, hat ihm Nase an Nase Sympathie bezeugt. Was für eine Ehre. Nantan ist längst zwischen den Bäumen verschwunden. Der Mensch bleibt beseelt auf einem Baumstamm sitzen. Für Leitwolf Nantan ist das Routine. Seit Jahren empfängt er hier regelmäßig Menschen in seinem Revier. An diesem Abend sind es 26, die dem Wolf in die Augen schauen wollen.

Nantan ist ein Timberwolf – eine Unterart des Wolfes. Seine Heimat ist eigentlich Nordamerika. Zu Hause ist Rudelchef Nantan allerdings im niedersächsischen Springe. Mit Tala und Akela bildet Nantan ein Rudel im Wildpark Wisentgehege.

Im Norden melden Bauern gerissene Schafe, Rudel kreuzen Spazierwege

Nantans Rudel, vier Polarwölfe im Nachbarrevier und drei europäische Grauwölfe – sie sind mehr als Bewohner eines Wildparks. Nantan und Co. sind Botschafter – Botschafter für den wilden Wolf, der sich seit 2000 Deutschland zurückerobert. Die Timber- und Polarwölfe leben im Wisentgehege unter der Obhut des Wolfsexperten Matthias Vogelsang und seiner Frau Birgit.

„Bis vor ein paar Monaten galt es als ein Sechser im Lotto, einen Wolf in freier Natur zu sehen“, sagt Birgit Vogelsang. In diesen Tagen scheint es, als tauche täglich irgendwo im Norden ein Wolf auf. Landwirte melden gerissene Schafe, Rudel kreuzen Spazierwege, Wölfe werden in Wohngebieten gesichtet und mit Handykameras gefilmt. „Weil der Mensch nicht an den Anblick von Wölfen gewöhnt ist, nennt er sie verhaltensauffällig, wenn sie in der Nähe von Häusern auftauchen“, sagt Birgit Vogelsang. Dabei seien es meist durchziehende, unerfahrene und neugierige Wölfe auf der Suche nach einem neuen Territorium.

Der Wolf ist zurück in Deutschland. Das fasziniert die einen, anderen macht es Angst. „Es gibt zwei tief verwurzelte Wolfsbilder. Das eine ist der böse Wolf aus Märchen wie Rotkäppchen“, sagt Eckhard Fuhr, Autor des Buches „Die Rückkehr der Wölfe“. „Das andere Bild ist das vom Wolf als Heiligen der Wildnis, als Vertreter der Natur.“

Ein natürliches Verhältnis zum Wildtier Wolf hat kaum jemand in Deutschland. Wie auch? Waren sie doch 150 Jahre ausgerottet. Mit der Wiedervereinigung 1990 wurde der Wolf in Deutschland unter Schutz gestellt. Im Jahr 2000 gelang es einem aus Polen zugewanderten Wolfspaar in der Oberlausitz in Sachsen erstmals wieder Welpen in Deutschland aufzuziehen. Von dort aus breiteten sie sich in nordwestliche Richtung aus.

Das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin (IZW) schätzt, dass es aktuell 31 Rudel, beziehungsweise Paare in fünf Bundesländern gibt mit insgesamt 150 erwachsenen Tieren. Die meisten sind in Sachsen und Brandenburg angesiedelt. In Schleswig-Holstein sind nach Angaben des Wolfsinformationszentrums seit der ersten Sichtung eines Wolfs 2007 bislang 17 Tiere, beziehungsweise ihre Spuren, entdeckt worden: Zuletzt wurde ein junger Wolf bei Bordesholm von einem Auto überfahren.

In Niedersachsen wurde 2008 erstmals wieder ein Wolf gesichtet, 2012 das erste Rudel. Dort wird die Zahl der Wölfe derzeit auf 50 bis 60 geschätzt: fünf Rudel und zwei Paare ohne Nachwuchs. Und es gibt immer wieder durchziehende Wölfe auf der Suche nach einem Revier.

Und nun sollen ausgerechnet von Hand aufgezogene Wölfe dem Menschen die Angst vor den wilden Artgenossen nehmen? Ja. Das ist die Mission von Matthias Vogelsang. Per Kontakt zu seinen Timberwölfen soll die Bevölkerung den wilden Wolf akzeptieren lernen.

Matthias Vogelsang lebt mit seinen Timber- und Polarwölfen, kennt den Charakter jedes einzelnen Tieres, kennt die Rangordnung im Rudel. Und um mit einem Missverständnis aufzuräumen: Der Mensch kann nicht der Leitwolf im Rudel sein. Warum? Ganz einfach. „Weil er kein Wolf ist“, sagt er.

Vogelsang ist ein Wolfsvater. Er hat seine Wölfe als Welpen gewärmt, ihnen die Flasche gegeben, sie – wie es die Wölfe tun – mit dem Mund gefüttert und auch dadurch eine enge Beziehungen zu ihnen aufgebaut. „Die beste Beziehung muss ich zum Leitwolf pflegen. Nur dann werde ich auch von den anderen im Rudel akzeptiert“, sagt der 52-Jährige. Er muss die Stimmung der Wölfe im Rudel wahrnehmen, erkennen, verstehen können. Das ist überlebenswichtig. Dieses Gespür für den Wolf hat Vogelsang dazu veranlasst, die Menschenbesuche bei den Polarwölfen zu beenden. Der Nahkontakt kommt also nur noch mit den Timberwölfen zustande. „Und das auch nur, solange sie es zulassen“, sagt Vogelsang.

Wer für 119 Euro einen Wolfsabend mit Matthias und Birgit Vogelsang bucht, zählt in der Regel zu jenen, die den Wolf als „Heiligen der Wildnis“ verehren. Die Teilnehmerzahl an den geschlossenen Wolfsabenden ist auf 26 begrenzt. Die Wolfsfans kommen aus ganz Europa. „Wir hatten schon Besucher aus Skandinavien, Spanien, England und den USA“, sagt Melina Hennig, ehrenamtliche Helferin im Wisentgehege. Zu den offenen Wolfsabenden, die der Wildpark ein Mal im Monat anbietet, strömen bis zu 1200 Menschen. Ein Los entscheidet dann allerdings, wer zu den Wölfen ins Gehege darf. Die 26 Gäste an diesem Abend kommen überwiegend aus der Region. Markus Engemann und Svenja Brandt aus Hannover sind dabei. Sie sind neugierig auf den Wolf. „Es sind so schöne Tiere. Wir wollen sie kennenlernen“, sagt Svenja Brandt. Jennifer Erhard hat sich aus Brandenburg auf den Weg nach Springe gemacht. Viele Wolfs-Neulinge sind in der Gruppe, aber auch ein paar „Wiederholungstäter“ – wie das Ehepaar aus Wunstorf, das zum 13. Mal den Wölfen ganz nah kommen will. Zwei Jäger sind dabei. Marcel Lüer hat im Landkreis Peine ein Jagdrevier. Gert Hillebrecht jagt im Braunschweiger Land.

Jäger und Wolf – das birgt Konfliktpotenzial. Viele Jäger fordern ein Jagdrecht für den Wolf in Deutschland. Die Wolfspopulation müsse kontrolliert, sprich bejagt werden können. Verhaltensauffällige Wölfe sollten unbürokratisch eliminiert werden können.

Lüer und Hillebrecht zählen nicht zu jenen, die Wölfe schießen wollen. Natürlich gebe es Jäger, die den Wolf als Konkurrenten betrachteten, sagt Lüer. Schließlich zielten sie auf die gleiche Beute. Aber es sei Unsinn, dass der Wolf dem Jäger die Beute streitig mache. Das sagt auch der bayerische Biologe und Wolfsexperte Ulrich Wotschikowsky und erteilt der Jäger-Initiative eine klare Absage. „An eine Bejagung ist in naher Zukunft nicht zu denken. Denn die Wolfspopulation ist noch viel zu klein, um nachhaltige Eingriffe zu verkraften.“

Die Besucher dürfen die Grauwölfe von einer Brücke herab füttern

Zurück nach Springe. Nantan, Akela und Tala sind nicht zahm, aber sie erlauben den Vogelsangs, ihr Revier mit Besuchern zu betreten. „Sie sind und bleiben Wildtiere. Im Unterschied zum Wolf in der Natur haben wir ihnen ihre hohe Scheu vor uns Menschen genommen“, sagt Birgit Vogelsang.

Der Wolfsabend startet am späten Nachmittag mit einer Wanderung durchs Wisentgehege und der Einstimmung auf die Wildnis. Helferin Melina Henning stellt die Marderhunde vor und füttert fürs Publikum die Waschbären am Wasserfall. Als die Gruppe das Gehege der europäischen Wölfe erreicht, dämmert es bereits. Erster Höhepunkt des Abends ist die Fütterung der Wölfe Panja, Raoul, Paul und ihrer Reviergenossen, die Braunbären Sigi und Carla. Ein Eimer mit der Wolfsmahlzeit steht schon bereit. Daraus lugen die Vorderläufe eines Rotwilds heraus. Sie stammen von einem Tier aus dem Park. Es wurde getötet, weil es krank war. In diesen Fällen wird das Fleisch „dem natürlichen Kreislauf zugeführt“, sagt Birgit Vogelsang.

Die Besucher dürfen die Grauwölfe von einer Brücke herab füttern. Matthias Vogelsang achtet darauf, dass das Fleisch gleichmäßig verteilt wird. Kein Tier darf bevorzugt werden, sonst gibt es Streit im Rudel.

Von den europäischen Wölfen führt die Wanderung zu den Timber- und Polarwölfen – per Fackelzug durch die Dämmerung an den Wisenten vorbei und unter den uralten Eichen beim Rotwild hindurch. Als sich die Gruppe mit den Fackeln durch die Bäume hindurch bewegt, beginnen die europäischen Wölfe zu heulen. Ihre Artgenossen in den anderen Gehegen stimmen ein. Was bedeutet das Heulen? „Sie kommunizieren“, sagt Matthias Vogelsang.

Was erzählen sie sich? Dass die Menschen im Anmarsch sind? Das Heulen lässt die Anspannung bei den Besuchern steigen. Sobald es dunkel ist, dürfen die ersten zehn aus der Gruppe mit Vogelsang zu den Timberwölfen.

Ob Nantan und Gefolge auf die Menschen zugehen, kann Vogelsang vorher nicht versprechen und nicht beeinflussen. „Die Wölfe entscheiden das“, sagt er. Es komme immer wieder vor, dass er mit Besuchern ins Gehege gehe und kein Wolf auftauche. „Das kann ich dann nicht ändern, die Tiere lassen sich nicht locken.“ Diesmal hat die Gruppe Glück. Nantan, Akela und Tala sind an diesem Abend in Partystimmung. In Kleingruppen betreten die Wolfsfans durch eine Sicherheitsschleuse das Gehege mit Matthias oder Birgit Vogelsang. Die Wölfe beschnuppern die Gäste und verpassen dem einen oder anderen Nasenstüber. Bianca Blessing bekommt von Akela den berühmten Wolfskuss. Die Tiere lassen sich sogar mit Leckerlies füttern.

Natürlich sind die sogenannten Problemwölfe ein Thema auch an diesem Abend. Ein wilder, gesunder Wolf sei zwar neugierig, meide aber in jedem Fall die Nähe des Menschen, sagt Vogelsang. Der Mensch passe nicht in sein Beuteschema.

Die Scheu verlieren die Tiere nur, wenn sie krank sind oder angefüttert wurden

„Jäger entkommt Wolfsattacke“, titelt die Zeitschrift „Jäger“ aktuell einen Artikel über eine Begegnung zwischen einem Wolf und einem Jäger auf einem Acker nahe Göhrde in Niedersachsen. Geschichten wie diese bezeichnet der Jäger Marcel Lüer an diesem Abend am Lagerfeuer als „Hetzkampagne“ gegen den Wolf. Aus Vogelsangs Sicht gibt es nur zwei Gründe dafür, dass die wilden Wölfe die Scheu vor den Menschen verlieren. Entweder sie sind krank, oder jemand hat sie angefüttert.

Anna Othmer kehrt als eine der Letzten aus dem Timberwolf-Gehege ans Lagerfeuer zurück. Sie hat ihre Begegnung mit dem Wolf hinter sich. „Ein wunderbares Gefühl“, sagt die Hannoveranerin. „Wenn diese unglaublich kräftigen Tiere ganz zaghaft das Trockenfutter mit den Zähnen von der Hand nehmen.“

Es ist fast 21 Uhr. Die Wolfsfreunde wärmen sich am Feuer. Jeder hatte an diesem Abend sein individuelles Wolf­erlebnis. Alle Anspannung ist verschwunden. „Die Wölfe strahlen trotz ihrer Wildheit Ruhe aus“, beschreibt es Anna Othmer. „Der Mensch wird in seiner Gegenwart ganz ruhig.“

Eine letzte Frage an Vogelsang: Heult der Wolf tatsächlich den Vollmond an? „Nein“, sagt Vogelsang. „Bei Vollmond können die nachtaktiven Wölfe schlicht besser sehen und die Chance auf eine erfolgreiche Jagd ist bei Vollmond besser. Beim Jagen im Rudel kommunizieren die Wölfen übers Heulen.“ Daher stamme das uralte Bild vom Wolf, der den Mond anheult. Ein Blick in den dunklen Himmel. Der ist bedeckt. Kein Mond in Sicht. Die Wölfe sind ruhig.

Und dann reckt Matthias Vogelsang seinen Kopf in die Höhe und stimmt das Heulen an. Erst antworten die europäischen Wölfe. Die Timberwölfe stimmen ein und auch die Polarwölfe. Die Menschen schließen die Augen und lauschen dem Ruf der Wildnis – mitten in Niedersachsen.