Mord in Emden

Lenas Mörder muss in die Psychiatrie - Polizei entlastet

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Der Mörder von Lena aus Emden muss für lange Zeit in die Psychiatrie. Was ihn zu der Tat trieb, konnte der Prozess nicht eindeutig klären.

Aurich. Der Mord an der elfjährigen Lena aus Emden hätte auch bei einem früheren Eingreifen der Polizei gegen den als pädophil bekannten Täter nicht verhindert werden können. Dieser Auffassung ist Richter Werner Brederlow vom Landgericht Aurich. Er verurteilte den 19-jährigen Mörder des Mädchens am Mittwoch zur Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik und sprach die Strafverfolgungsbehörden im gleichen Atemzug von jeder Schuld frei.

Nach Lenas gewaltsamem Tod am 24. März in einem Emder Parkhaus war bekannt geworden, dass der jetzt verurteilte Täter sich bereits im November wegen seiner pädophilen Neigungen selbst angezeigt hatte. Eine angeordnete Hausdurchsuchung war von den zuständigen Polizisten aber nicht vollzogen worden. Erst nach dem Mord war die Wohnung des jungen Mannes inspiziert und dabei kinderpornografisches Material gefunden worden. Gegen mehrere Beamte laufen noch interne Ermittlungen.

"Das jugendliche Alter des Angeklagten hätte zum Zeitpunkt der Tat im März nicht zu seiner Festsetzung geführt", sagte Brederlow während seiner Urteilsbegründung. Selbst bei "optimalem Verlauf" wäre er somit nicht in Untersuchungshaft genommen oder in die Psychiatrie eingewiesen worden.

Eltern sitzen fünf Meter neben Angeklagtem

Überzeugt von dieser These waren auch Verteidigung und Nebenklage. "Er allein ist schuldig und für Lenas Tod verantwortlich", sagte Rechtsanwalt Bernhard Weiner über den Angeklagten. Eine mögliche Untätigkeit der Behörden sei nicht ursächlich. Weiners Kanzlei vertrat Mutter, Stiefvater und Bruder des Opfers. Ähnlich äußerte sich der Verteidiger des Angeklagten: Das Ergebnis sei nachvollziehbar, sagte Rainer Nitschke. Er werde seinem Mandanten nicht empfehlen, in Revision zu gehen.

Lenas Mutter und Stiefvater verfolgten die Urteilsverkündung im Gerichtssaal. Sie saßen nur fünf Meter vom Angeklagten entfernt. Weinend und von Freunden gestützt nahmen sie den Richterspruch zur Kenntnis. Kurz bevor Brederlow zu seinem Ende kam, verließen sie den Saal durch einen Nebenausgang. Zuvor mussten sie sich zahlreiche Details zum Tod ihrer Tochter anhören.

Der Angeklagte wurde zunächst in Handschellen in den Raum geführt. Seinen Kopf bedeckte er mit einem Aktendeckel und einer Kapuze. Beides nahm er erst ab, als Brederlow ihn wegen Mordes, versuchten sexuellen Missbrauchs und gefährlicher Körperverletzung zur Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik und Schadenersatzzahlung von fast 85.000 Euro verurteilte.

Das gesamte Tatgeschehen habe nicht aufgeklärt werden können, sagte Brederlow. Klar sei aber für ihn, dass der Angeklagte Lena "irgendetwas versprochen" habe. Sonst wäre sie ihm nicht in das Parkhaus gefolgt. Anhand der Spuren am Tatort und dem Opfer sei zu erkennen, dass zunächst stumpfe Gewalt gegen Lenas Kopf angewendet wurde. Anschließend folgte ein Messerstich in ihren Hals. Sie wurde teilweise entkleidet. Der Angeklagte begann mit sexuellen Handlungen.

Angeklagter: "Ich hatte die Hände am Hals"

Lena lebte zu diesem Zeitpunkt noch. Dann sei dem damals 18-jährigen Mann deutlich geworden, dass er Gefahr laufe, entdeckt zu werden. Er habe daraufhin den Entschluss gefasst, "Lena zum Schweigen zu bringen", und erwürgte sie. "Ich hatte die Hände am Hals", zitierte Brederlow aus einem polizeilichen Vernehmungsprotokoll. Vor Gericht habe sich der junge Mann dazu nicht eingelassen und auf Erinnerungslücken verwiesen.

Wegen einer Persönlichkeitsstörung und eingeschränkten Schuldfähigkeit wurde der junge Mann nach dem Jugendstrafrecht verurteilt. Da von ihm aber weiterhin eine latente Gefahr für die Allgemeinheit ausgehe und er derzeit kaum therapiefähig sei, wurde die Unterbringung in der Psychiatrie angeordnet. Die Dauer des Aufenthalts könne weit über die Jugendhöchststrafe von zehn Jahren Haft hinausgehen, hieß es im Urteil. Brederlow sprach von einem "sehr langen Wegschließen".

Ermittlungspannen im Mordfall Lena

Vor und nach dem Mord an der elfjährigen Lena in Emden hat es mehrere Ermittlungspannen gegeben.

Untätigkeit der Polizei: Gegen Lenas Mörder wurde schon Monate vor der Tat erstmals ermittelt, weil der Stiefvater den jungen Mann wegen des Besitzes von Kinderpornos angezeigt hatte. Später zeigte sich der Jugendliche auch selbst an, weil er ein kleines Mädchen nackt fotografiert hatte. Ein Gericht ordnete eine Hausdurchsuchung bei dem jungen Mann an, die aber unterblieb.

Festnahme eines falschen Verdächtigen: Drei Tage nach dem Mord an Lena nahm die Polizei einen 17-Jährigen als Tatverdächtigen fest. Der Berufsschüler kam in U-Haft. Bei Facebook wurden Lynchaufrufe gegen ihn verbreitet, rund 50 Menschen belagerten stundenlang das Emder Polizeigebäude, als der Schüler vernommen wurde. Die Polizei griff nicht ein. Erst drei Tage später stellte sich dann die Unschuld des 17-Jährigen heraus. Für den Internet-Aufruf zur Lynchjustiz wurde ein 18-Jähriger später zu zwei Wochen Jugendarrest verurteilt.

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