"Miss Deaf Germany 2011"

Karin Keuter gewinnt Misswahl der Gehörlosen

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Die 19-jährige Emsländerin Karin Keuter ist seit ihrer Geburt taub. Jetzt wurde sie in Berlin zur schönsten Gehörlosen Deutschlands gewählt.

Meppen. Karin Keuter ist hochgradig hörgeschädigt. Das Handicap ist der 19-Jährigen aus dem emsländischen Meppen aber nicht auf den ersten Blick anzumerken. Ins Auge fallen blonde Haare, lange Beine, eine schlanke Figur und ein fröhliches Lächeln. Karin Keuter ist die schönste Gehörlose Deutschlands. In Berlin wurde die angehende Abiturientin jüngst zur "Miss Deaf Germany 2011" gewählt.

Die 19-Jährige ist, wie so viele andere Gehörlose auch, seit der Geburt gehandicapt. Ihre Großmutter war hörgeschädigt, ihre Mutter Elisabeth ist es auch, ihr Zwillingsbruder nicht. Schuldzuweisungen sind der jungen Frau aber fremd und Selbstzweifel hat sie auch nicht. "Die Gehörlosigkeit habe ich von meiner Mama geerbt. Das ist halt so", sagt sie.

Karin Keuter hat früh gelernt, mit ihrem Handicap umzugehen. Im Alter von sechs Monaten wird die Hörlosigkeit diagnostiziert. Es folgen Frühförderung, Sprachförderung und das erste Hörgerät. "Ich kann mich schwach daran erinnern, dass das alles unangenehm war. Die ersten Geräte habe ich weggeschmissen", sagt Keuter. Heute zeigt sie selbstbewusst ihr Hightech-Gerät, auf dem sich per Knopfdruck spezielle Programme einstellen lassen, etwa zum Telefonieren oder Fernsehen.

Mit technischen Helfern wird der Alltag gemeistert

Technische Helfer wie das Hörgerät, ein Vibrations-Handy oder ein unscheinbarer Metallkasten, der Lichtblitze sendet, sobald das Festnetz-Telefon klingelt, sind notwendig, um die Kommunikation im Alltag zu meistern. "Wenn ich das Hörgerät rausnehme, höre ich nichts", sagt Keuter. Selbst bei einer zuschlagenden Tür kommt kein Ton an. "Ich spüre dann nur eine Art Druck".

Auch der Schulalltag ist von jeher speziell auf sie zugeschnitten. In der Grundschule kommuniziert die Blondine per Mikrophon und Kopfhörer mit den Lehrkräften. "Einige der Lehrer hatten Probleme damit, aber eine schlechte Schülerin war ich eigentlich nicht", erinnert sich die Emsländerin.

Schon zur fünften Klasse wechselt sie an das Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte im 100 Kilometer entfernten Oldenburg, macht dort den erweiterten Realschulabschluss und steht jetzt am Rheinisch-Westfälischen Berufskolleg in Essen kurz vor dem Abitur. Parallel hat sie die Gebärdensprache gelernt. "Das Internatsleben hat mir von Anfang an gut gefallen", sagt Karin Keuter. Die erlangte Selbstständigkeit habe das Heimweh überflügelt.

Eine weitere Charaktereigenschaft der 19-Jährigen ist ihre Zielstrebigkeit. Schon weit vor der Hochschulreife hat sie einen dualen Studienplatz beim Landschaftsverband Rheinland in Köln sicher. Ähnlich zielstrebig geht sie ihre Model-Karriere an. Bei einer Miss-Wahl an ihrer Schule gewann sie Spaß daran, bewarb sich um einen Startplatz bei der erstmals nach sechs Jahren wieder aufgelegten Wahl zur "Miss Deaf Germany" und wurde angenommen.

Im März wird "Miss Deaf World" gewählt

Vor 200 Zuschauern präsentierten sich die 16 Teilnehmerinnen im September in einem Berliner Hotel in Kleidern einer Gehörlosen-Designerin und einheitlichen Bikinis. Karin Keuter wird von einer Fachjury zur Schönsten unter den gehörlosen Schönen gewählt. Damit hat sie sich auch für die Wahlen zur "Miss Deaf Europe" und "Miss Deaf World" im März 2012 in Prag qualifiziert.

Vor einer Teilnahme an "normalen" Miss- oder Model-Wettbewerben schreckt die Emsländerin noch zurück. "Dort wird man sich nicht den Aufwand machen, mir alles in Ruhe zu erklären. Alles geht zackzack. Ich brauche aber Rücksicht."

Im Alltag beugt sie solchen Situationen vor. Die 19-Jährige telefoniert nur mit Freunden und Verwandten, achtet an der Supermarktkasse immer darauf, wo der Endpreis steht, den sie bezahlen muss und vermeidet es, zu oft die Gebärdensprache zu benutzen, weil "sich die Ohren sonst hinlegen" würden. "Ich habe ein kleines Handicap und muss mich halt mehr anstrengen als andere", sagt sie ganz nüchtern. (dapd)

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