Ostsee

Wustrow: Mecklenburgs vergessenes Naturparadies

Hinter einem Zaun beginnt die menschenleere Halbinsel Wustrow.

Hinter einem Zaun beginnt die menschenleere Halbinsel Wustrow.

Foto: Bernd Wüstneck / picture alliance/dpa

Menschenleere Strände im Sommer: Das gibt es nur auf der Halbinsel Wustrow. Ursache ist ein Streit zwischen Stadt Rerik und Investor.

Rerik.  Eine Halbinsel in der Ostsee mit Stränden und viel Natur – die eine Seite zum offenen Meer gerichtet, die andere von den sanften Fluten des Haffs umspült: Für viele Erholungssuchende wäre dieses 1000 Hektar große Areal gerade in Corona-Zeiten ein idealer Urlaubsort. Aber Wustrow in Mecklenburg-Vorpommern führt seit nun fast 90 Jahren ein rätselhaftes Eigenleben.

Die liebreizende Halbinsel nordöstlich von Wismar bleibt nicht nur Touristen, sondern nahezu allen menschlichen Wesen verschlossen – und ist damit einzigartig an der deutschen Küste. Der Eigentümer der Halbinsel, die Fundus-Gruppe, will nun, 22 Jahre nach dem Erwerb, einen neuen Versuch unternehmen, um das Areal zu erschließen. „Seit 2019 nehmen wir das wieder in die Hand, wir wollen die Entwicklung vorantreiben“, sagte Birger Birkholz von der zur Fundus-Gruppe gehörenden Entwicklungs-Compagnie Wustrow.

In Wustrow gab es von Anfang an Probleme

Die Fundus-Gruppe hat in Mecklenburg-Vorpommern einen etwas zwiespältigen Ruf. In der Nachwendezeit hatte sich die Firma des Dürener Unternehmers Anno August Jagdfeld, gut bekannt mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, im großen Stil an der mecklenburgischen Ostseeküste eingekauft. 1996 erwarb er in Heiligendamm die berühmten weißen Häuser direkt am Strand, 1998 kam die gesamte Halbinsel Wustrow dazu. „Catch your Island“ war damals die Verkaufsbroschüre der Treuhand überschrieben. Jagdfeld griff zu. Rund 12,5 Millionen D-Mark (umgerechnet rund 6,25 Millionen Euro), soll er für die Halbinsel bezahlt haben.

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In Heiligendamm investierte dann ein von der Fundus-Gruppe aufgelegter Immobilienfonds einen dreistelligen Millionenbetrag. 2003 wurde das Grand Hotel Heiligendamm eröffnet. Doch es lief nicht. 2012 kam die Insolvenz, viele Anleger verloren ihr Geld.

In Wustrow hingegen gab es bereits von Anfang an Probleme. Die Stadt Rerik, direkt am Wustrower Hals gelegen, der schmalen Landverbindung zwischen dem Festland und der Halbinsel, konnte sich mit den Plänen der Fundus-Gruppe nicht anfreunden. Eine Bürgerinitiative gründete sich, die das Projekt komplett ablehnt. Seit mehr als 20 Jahren wird über einen Bebauungsplan verhandelt, mittlerweile sind die Fronten verhärtet.

Die Halbinsel ist wieder Sperrgebiet

Die Reriker haben es nicht leicht mit der Halbinsel direkt vor ihrer Haustür, die sie nicht ganz zu Unrecht als die ihre verstehen. Als die Wende kam, dachten sie, es sei nun endlich vorbei mit dem Leben neben einem Sperrgebiet. Denn seit 1932 war die Halbinsel Militärgelände: Zutritt für Zivilisten verboten. Die Wehrmacht hatte dort, direkt am Wus­trower Hals, Deutschlands größte Flak-Artillerie-Schule gebaut – eine damals sehr moderne Anlage mit Kasernen, einem Schwimmbad, einem Flughafen und Wohnhäusern im Gartenstadt-Stil. Rerik-West hieß der zivile Teil der Anlage. Dort lebten damals deutlich mehr Menschen als auf der Festlandseite des Wustrower Halses, im echten Rerik. Auch Helmut Schmidt, der spätere Bundeskanzler, soll hier kurze Zeit als Ausbilder stationiert gewesen sein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg machten die Sowjets auf Wustrow weiter. Jahrzehntelang mussten die Reriker mit dem Lärm von Militärfahrzeugen, von Flugzeugen und von Flak-Feuer leben. Die Halbinsel war Sperrgebiet.

Dann die Wende. Wer dachte, nun würde alles besser werden, der irrte sich. Die Fundus-Gruppe wollte dort eine Ferienanlage bauen - komplett mit Yachthafen, Golfplatz und Reiterhof. Die Zufahrt musste notwendigerweise über den Wustrower Hals erfolgen. Viel mehr Verkehr in Rerik – das wäre die Konsequenz gewesen. 2013 sperrte die Stadt im Streit mit der Fundus-Gruppe die Zufahrt zur Halbinsel, die Fundus-Gruppe wiederum sperrte den Zugang zur Insel. Nun durchzieht wieder ein Zaun die Halbinsel. Und damit auch ja niemand hinüberschwimmt, reicht er weit in die Ostsee und weit ins Haff hinein. Nein, geschossen wird nicht mehr auf Wustrow. Dennoch: Die Halbinsel ist wieder Sperrgebiet. Die Reriker haben ein Paradies vor Augen – aber genießen können sie und ihre Gäste es nicht.

SPD gab das Versprechen, die Halbinsel wieder zu öffnen

Wie kann es weitergehen? Bei der Kommunalwahl im Jahr 2019 haben die Reriker Sozialdemokraten einen Kantersieg errungen. Fast 60 Prozent der abgegebenen Stimmen entfielen auf die SPD. Zentraler Punkt im Wahlkampf: Wustrow soll zurückgekauft und der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden. Ohnehin stehen 90 Prozent der Halbinsel unter Natur- oder Landschaftsschutz. Wustrow könnte bleiben, was es in den Jahren des Stillstands geworden ist: ein Naturparadies. Dann aber mit Menschen als gelegentlichen Gästen. „Wir sind ein kleiner, gemütlicher Urlaubsort“, sagt die SPD-Gemeindevertreterin Maria Pinkis. „Wir wollen sanften Tourismus. Die Fundus-Gruppe plant ein Luxusresort.“

Aber Fundus will nicht verkaufen. Auf dem Gelände der ehemaligen Gartenstadt sollen 550 Wohneinheiten entstehen: Erst- und Zweitwohnsitze sowie Ferienwohnungen. Hinzu kommen eine Jugendherberge, ein Hotel und Betreutes Wohnen. Die Marina ist längst vom Tisch, der Golfplatz auch. Dennoch gibt es keine Einigung mit der Stadt. Wustrow bleibt einzigartig.