Corona-Krise

Wie ist die Lage in Boltenhagen, Herr Bürgermeister?

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Matthias Popien
Raphael Wardecki vor dem malerischen Fischereihafen von Boltenhagen.

Raphael Wardecki vor dem malerischen Fischereihafen von Boltenhagen.

Foto: picture alliance/Ulrike Pawandenat/Montage: HA

Corona verlangt den Ferienzielen am Meer viel ab. Wie funktioniert der Urlaub in der Pandemie? Teil 3 unserer Serie: Raphael Wardecki.

Boltenhagen.  Er ist als selbst ernannter „Harmonie-Bürgermeister“ in den Wahlkampf gegen den Amtsinhaber gezogen und hat zur Überraschung vieler Beobachter das Rennen gemacht: Seit gut einem Jahr leitet Raphael Wardecki (Grüne) die Gemeinde Boltenhagen (Mecklenburg-Vorpommern). Der 29-Jährige ist in Westfalen aufgewachsen und wohnt erst seit 2019 im Ostseebad. Er joggt gern am Strand und sammelt Schallplatten. 2016 gründete er in Detmold ein Bestattungsunternehmen, seit 2017 ist er mit Seebestattungen auch in Lübeck aktiv.

Wie ist bei Ihnen im Ort aktuell die Lage?

Seit dem 10. Juli sind weitere Lockerungen auf den Weg gebracht, und abgesehen vom Tagestourismus aus anderen Bundesländern normalisiert sich die Situation Tag für Tag. Dennoch achten auch viele Gäste darauf, dass gewisse Spielregeln herrschen: Abstand halten, Mundschutz in geschlossenen Räumen und das reduzierte Angebot von Veranstaltungen. Viele freuen sich aber, dass es einfach in irgendeiner Form vorangeht. Wir als Gastgeber freuen uns auf den Besuch insbesondere auch der vielen Stammgäste, die unseren Ort genauso in ihr Herz geschlossen haben wie wir sie.

Haben Sie zu viele oder zu wenige Badegäste?

An sonnigen Tagen ist unser schöner Strand wirklich gut gefüllt, kein Wunder: Superschöner, morgens gereinigter Sand, langsamer Anstieg der Wassertiefen sind für Senioren und Kinder gut geeignet, drei Hundestrände, kommunikative Strandkorbvermieter. Wer will hier denn bitte keinen Urlaub machen?

Warum sollten wir in Ihrem Ort Urlaub machen?

Boltenhagen ist ein Urlaubsort mit einer unvergleichbaren Seele. Es gibt keine Bauten, die höher als die Baumkronen sind. Vielmehr ist dieser Ort wunderbar eingebettet in die Natur. Denken Sie an den Küstenwald und die vielen Rad- und Wanderwege im Umland: überall Natur, super Luft und ein riesiges Erholungspotenzial. Dies können andere vollerschlossene Tourismusmetropolen mit ihren Betonwelten nicht bieten. Dazu die ehrliche Art der Mecklenburger und drum herum Naturschutzgebiete.

Was ist das Highlight in dieser Saison?

Bei aller Liebe für unseren Ort und was wir zu bieten haben: Wir sollten demütig anerkennen, dass das Highlight in dieser Saison die Möglichkeit des freien Reisens ist. Die Möglichkeit, in Restaurants einzukehren. Die Möglichkeit, sich mit anderen Menschen zu treffen. Wenn wir das gemeinsam bis zum Saisonende durchhalten, dann haben wir alle, Gäste und Gastgeber, gemeinsam das Highlight der Saison erarbeitet. Auch das ist nachhaltiger Tourismus.

Wie lang ist Ihr Strand?

Unser Strand ist fast fünf Kilometer lang. Er startet im Westen an der Steilküste mit dem Naturstrand, erstreckt sich dann bis Tarnewitz im Osten, wo er an das Naturschutzgebiet der Halbinsel grenzt.

Was tun Sie, wenn er überfüllt sein sollte?

Wir haben ein System entwickelt, mit dem die Zunahme der Besucherzahlen analysiert wird und dann schrittweise Maßnahmen eingeleitet werden. Das geht von der Einrichtung von Behelfsparkplätzen über Verkehrsumleitungen bis hin zu stückchenweiser Abschnittssperrung. Dies ist aber das letzte Mittel.

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Wo baden Sie selbst am liebsten?

Ich gehe am liebsten abends zum Strand und bade an der Stelle, an der ich schon als kleiner Junge als Tourist hier Sandburgen gebaut habe. Das ist auch für mich eine große emotionale Bindung an unseren Ort.

Nennen Sie die drei am häufigsten zu hörenden Vorurteile über Touristen.

Wie immer im Leben gibt es viele Halbwahrheiten und auch Vorurteile. Sie haben aber immer einen Kern: Respektlosigkeit. Natürlicherweise legt man im Urlaub Werte und Normen eher ab als im Alltag. Darauf sollten Touristen achten und gleichzeitig Einwohner Verständnis für das Informationsdefizit von Touristen haben. Beide wollen jedoch das Gleiche: im Miteinander schöne Zeit in Boltenhagen verbringen. Wenn da beide Seiten aneinander und füreinander arbeiten, dann verbindet uns das und lässt keinen Platz für Vorurteile.

Wo muss Ihr Ort besser werden, um mehr Touristen anzulocken?

Provokante Gegenfrage: Wollen wir überhaupt mehr Touristen? Wir wollen nicht an der Quantität arbeiten wie andere Seebäder, sondern an der Qualität. Es soll ein großes Erlebnis sein, Boltenhagen zu besuchen. Die Punkte der emotionalen Bindung und der besondere Aspekt der Naturbelassenheit seien erwähnt. Wir wollen dies weiter verbessern. Zum Beispiel, indem wir im Sinne von nachhaltigem Tourismus das Umland besser einbinden.

Was wäre Ihr Ort ohne Touristen?

Ein schöner, kleiner Ort. Vielleicht ein Stück noch Fischerdorf, vielleicht ein Kleinod für Familien. Definitiv ohne die Infrastruktur wie Restaurants, Einzelhandel, Ärzte, Bäderbibliothek, Strandreinigung und noch viel viel mehr. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Tourismus liegt bei annähernd 100 Prozent. Unsere etwa 1,5 Millionen Übernachtungen prägen den Ort wesentlich.

Was wird sich in den kommenden Jahren in Ihrem Ort ändern?

Wir werden an wesentlichen Grundsätzen erfolgreich festhalten: was Bebauung angeht, was die Ausrichtung im Großen angeht. Dazu kommen Verbesserungen wie die angesprochene Tourismuslinie und Verbesserungen im Verkehr. Mir persönlich ist es auch wichtig, die Einwohner im Vordergrund zu sehen: Spielplatzbau, Nachbarschaftshilfe, Arzttaxi, Kümmererfunktion als Bürgermeister – das sind Beispiele, um im Ort zusammenzuwachsen.

Welche wirtschaftlichen Folgen hat Corona für Ihren Ort?

Wir haben ganz konkret das komplette Ostergeschäft und drum herum verloren. Viele Inhaber und Gastronomen sagen, dass sie das nicht aufholen können. Auf der anderen Seite ist es das gemeinsame Ziel, eine „schwarze Null“ zu schaffen. Momentan höre ich von den Leistungsträgern hier eine große Zuversicht. Einige wenige Betriebe haben das aber auch nicht überstanden, hier leide ich mit den Inhabern mit und hoffe sehr, dass es im zweiten Anlauf wieder klappt. Was den Haushalt der Gemeinde und der Kurverwaltung angeht, sind wir gerade in der Analyse.

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Wann sind diese Folgen überwunden?

Finanziell für die Betriebe hoffentlich im nächsten Jahr, in der Hochphase von Corona haben wir schon gesagt: Wir bauen auf die zweite Saisonhälfte 2020. Sofern ein Lockdown nicht wiederkommt, steht einem soliden 2021 nichts im Wege. Wir können froh sein, dass unsere Gemeinde über Jahrzehnte ohne Schuldenmacherei gearbeitet hat. Das wollen wir gemeinsam fortführen, auch wenn es in dieser Zeit anspruchsvoll ist. Als Tourismusort haben wir übrigens einen kleinen Standortvorteil gegenüber den Industriestandorten im Land, dort wird es noch hart. Wir alle, von Hamburg über Lübeck bis nach Boltenhagen und weiter, werden die Auswirkungen auf unser gesellschaftliches Bewusstsein noch nicht erahnen können. Eventuell wird diese Corona-Erfahrung zu einer Gesellschaftserfahrung, wie es zuvor in den 1920ern die Inflation war. Hoffentlich nehmen wir nicht nur die negativen Aspekte wie Angst, sondern auch die positiven Lehren wie Rücksichtnahme, Füreinanderdasein und Hygieneakzeptanz mit.

Wo machen Sie Urlaub – und wann?

Ich bin Anfang 2019 nach Boltenhagen gezogen und erlebe seitdem meinen Dauerkurzzeiturlaub ­– morgens, in der Mittagspause und abends. Da ich 2021 auch für den Landtag in Mecklenburg-Vorpommern kandidieren möchte – zusätzlich zum ehrenamtlichen Bürgermeisteramt –, bin ich viel im Land unterwegs und erlebe weitere tolle Orte und Menschen. Wenn man seine Berufung gefunden hat, dann braucht man keinen Urlaub, zumindest nicht, wenn man das Privileg genießt, hier wohnen zu dürfen.