Urlaubsserie

Fischland-Darß-Zingst: Deutschlands schönste Halbinsel

| Lesedauer: 10 Minuten
Nico Binde
Wild und schön: Der Weststrand auf dem Darß ist  ein naturbelassenes Paradies.

Wild und schön: Der Weststrand auf dem Darß ist ein naturbelassenes Paradies.

Foto: Tourismusverband_Mv / picture-alliance/

Die schönsten Urlaubsorte an Nord- und Ostsee, Teil 5. Fischland-Darß-Zingst: Fast weißer Sand, ungezähmte Natur, traumhafter Bodden.

Ganz im Westen, wo Wald zu Strand und Land zu Meer wird, sollte man barfuß sein. Für die wild-romantische Grundstimmung. Also: Fahrrad anschließen, Schuhe aus und immer dem Rauschen folgen. Füße versinken im Sandteppich, Salzluft kitzelt die Nase, Wind krümmt die Kiefern. Bis man am Ende durch die letzten bizarr gebogenen Windflüchter auf eine türkis schimmernde Ostsee blickt, die Weite atmet und nur noch leise „Wow!“ flüstern kann.

Fast weißer Sand, umgestürzte Stämme, ungezähmte Natur – that’s the Wild-Wild-Weststrand, Baby! Spätestens jetzt wird barfuß zur Lebenseinstellung und der Darß zum Sehnsuchtsort wild-romantischer Großstädter. Der sechs Kilometer lange, ultrafeinsandige Strand darf hier noch nahtlos in Urwald übergehen. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es etwas Vergleichbares.

Hier küssen sich Grün, Gelb und Blau – und immer wieder gern: sehr verliebte Paare. Weil die Sonne abends perfekt am Horizont ins Meer taucht, dürften an diesem schlicht magisch zu nennenden Ort schon einige Heiratsanträge positiv beschieden worden sein (nur so als Tipp).

Genug Nischen, um dem Massentourismus zu entkommen

Der Weststrand ist die fotogene Visitenkarte der schönsten Halbinsel der Republik, die sich korrekt Fischland-Darß-Zingst nennt – einst zusammengewachsen aus den drei Inseln Fischland, Darß und Zingst. Doch die vereinigte Peninsula kann mehr als nur naturbelassenen Traumstrand. Der Darß kann eigentlich alles außer Hochhäuser. Kultur, Natur, Sport, Erholung – auf der bumerangartig gebogenen Halbinsel findet jeder Reisende sein Leitmotiv. Das spricht sich natürlich herum.

Ein Geheimtipp ist das von Bodden und offener See umgebene Land deshalb nicht mehr. In der Hochsaison wird es an den insgesamt 60 Kilometern Küste genauso eng wie anderswo. Doch selbst dann gibt es in dieser schmalen, von Wind und Wellen geformten Welt aus Wäldern, Wiesen, Deichen, Steilküste und Postkartenstränden genug Nischen, um dem Massentourismus zu entkommen. Sogar in den Badeorten Wustrow, Ahrenshoop, Prerow und Zingst.

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Die meisten Erholungsuchenden dürften wegen der Natur kommen. Denn die von Wasser umspülte Wildnis wird vielerorts noch in Ruhe gelassen. Im Herbst kommen die Hirsche sogar bis ans Meer. Warum? Weil sie’s können. Der urwüchsige Küstenwald ist Teil des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft (und darf trotzdem betreten werden).

Bei Sturm nagen vor allem im Westen die Elemente am Land, bei Sonnenschein muten die Farben fast karibisch an. Für Kinder ist das Ursprüngliche dieser Region ein riesiger Abenteuerspielplatz, Eltern wähnen sich mancherorts auf hippiesker Zeitreise.

Drei Tipps:

  • Radtour durch den Darßwald. Denn: Wer den Weststrand nicht gesehen hat, war nicht wirklich da. Leihräder für die vier Kilometer lange Tour gibt’s in Prerow, Zingst oder Ahrenshoop (ab 5 Euro pro Tag/E-Bike ab 25 Euro). Proviant und Trinken nicht vergessen! In der Natur gibt’s keine Eisbuden.
  • Fisch und Fotokunst in Zingst. Am schmucken Hafen gibt’s direkt vom Kutter „Frieden“ leckere Fischbrötchen (Hafenstraße). Davor oder danach das Max- Hünten-Haus (Fotografiemuseum) besuchen (Schulstraße 3).
  • Krumm und schief im Hein und Stin. Lecker und rustikal können Tage in Prerow ausklingen. Das vegane Eis des kleinen Ladens gilt als das schmackhafteste der Halbinsel, die Waffeln sind doppeldick und hausgemacht (Adresse: Waldstraße 11).

Klarstes Ostseewasser zwischen Flensburg und Usedom

Nicht grundlos schwärmen Besucher und Residenten – unter ihnen die Familie von Ex-Bundespräsident Joachim Gauck – vom klarsten Ostseewasser zwischen Flensburg und Usedom, besangen Künstler „dieses ganz besondere Licht“. Ein Grund dafür, dass Ahrenshoop am südlichen Ende des Urwaldes vor mehr als 100 Jahren zur Künstlerkolonie wurde.

Die bunten Reetdachhäuser mit Ateliers und Galerien zeugen bis heute davon. Aber nicht nur Landschaftsmaler und Kulturbeflissene finden an der dramatischen Steilküste des Ortes ästhetische Erfüllung. Das „Worpswede des Ostens“ ist inzwischen allen Darß-Reisenden ein Begriff. Motive gibt es ja genug – von der alten Mühle bis zum kleinen Boddenhafen.

Zeesboote schippern für Ausflugsfahrten hinaus

Überhaupt, die Boddenhäfen! Fast jeder Ort der Halbinsel besitzt diese windgeschützten Relikte einer langen Seefahrertradition – der erste Kapitän der „Pamir“ etwa war der Zingster Carl Matthias Ernst Prützmann. Dort werden respektable Fischbrötchen verkauft. Und mit Sicherheit sind auch einige Zeesboote vertäut. Seit mehr als 650 Jahren werden diese Boote mit ihren charakteristischen rostroten Segeln für die Fischerei genutzt und kommen nur auf dem Darß vor. Heute schippern sie auch für Ausflugsfahrten hinaus. Sie sind für die Region ebenso Alleinstellungsmerkmal wie die aufwendig geschnitzten, meist überbordend farbigen Türen.

Ansonsten duckt sich die Architektur hier angenehm unaufdringlich hinter die Dünen. Das lässt die Weite noch weiter, die Küste noch unberührter wirken. Klotzbauten sucht man zum Glück vergebens, Orientierung bieten die Kirchtürme. Die Orte wurden behutsam und maßvoll erneuert. In Zingst, dem östlichen Hauptort, lässt sich das besichtigen. Mit 800 Metern zwischen Ostsee und ­Bodden gibt es wenig Platz, und doch fügt sich das erst 2006 eröffnete Steigenberger Strandhotel als schneeweißes Vier-Sterne-plus-Haus harmonisch ins Gesamtbild ein.

Allein in Zingst gibt es mehr als 13.000 Betten bei etwa 3000 Einwohnern. Das verschafft dem Ort eine geschäftige Anmutung, lässt ihn aber nicht überlaufen wirken. Zumal Laufen ohnehin nur die zweitbeste Fortbewegungsart auf der Halbinsel ist. Denn der Darß fährt Rad. Die Deiche sind voll mit Zweirädern, die man sich in jedem Ort leihen kann. Tier- und Naturfreunde gelangen so in fast jeden Zipfel der Nationalparks. Die Vogelinsel Kirr oder das über Stege und Holzbohlen erschlossene Ringelnatterparadies am Darßer Ort sind unbedingt empfehlenswert.

Lagunenartige Küstenzugänge für Badefreunde

Wer will, kann an der Nordwestspitze einen der ältesten Leuchttürme an der Ostsee aus dem Jahr 1884 besteigen. Badefreunde finden mit dem Rad sonst schwer zugängliche, lagunenartige Küstenabschnitte – und haben sie fast für sich allein. Zumindest im Mai, Juni und September, wenn die meisten noch nicht da oder schon wieder weg sind.

Ende Mai etwa lässt sich am Strand bestaunen, warum Zingst den Preis des Deutschen Tourismusverbandes gewonnen hat. Dann werden die Bilder des Umweltfotofestivals „Horizonte“ auf einer Leinwand am Strand gezeigt, während Familien im Sand lümmeln und Pärchen ihre Sundowner schräg stellen.

Einzigartig und innovativ verknüpft der Ort Tourismus und Umweltschutz. Das zieht Hipster und Familien gleichermaßen an. Hunderte Lichtbildner suchen in diesen Wochen rund um das Fotozentrum im Max-Hünten-Haus nach dem besten Motiv – der Strand ist ihre Ausstellung.

Jeder Ort hat seinen eigenen Charakter

Zum Abwechslungsreichtum trägt bei, dass jeder Ort seinen ziemlich eigenen Charakter hat. In Wustrow etwa der denkmalgeschützte Ortsteil Barnstorf mit alten Bauernhöfen. In Ahrenshoop sind es die Kunstkaten. Prerow wird durch alte Kapitänshäuser, den legendären Dünen-Zeltplatz „Regenbogen-Camp“ sowie den breitesten Strand der Gegend geprägt.

Touristen aus ganz Deutschland dürfen wieder an die Ostsee
Touristen aus ganz Deutschland dürfen wieder an die Ostsee

Zingst wiederum wuchert mit einer Dorfkirche nach Entwürfen des Schinkel-Schülers Friedrich August Stüler oder den „Sundischen Wiesen“ – einem ehemaligen Sperrgebiet. Und wer das Glück hat, als Hauptgewinn eines der Ferienhäuser „An der Nebelstation“ in Wustrow zu ergattern, kann sich auf das sauberste Wasser der Ostsee und totale Entspannung freuen. Keine Straße, wenig Nachbarn, keine Parkplätze.

Kurzum: Nur auf dem Darß stellt sich oft das Gefühl ein, das wir hatten, als wir zum ersten Mal über eine Düne geklettert sind und auf die Weite des Meeres geblickt haben. Diese diffuse Empfindung aus Glück und Erhabenheit, umspielt vom Duft der Freiheit (oder waren es Kiefern?). Auf dem Darß ist dieses Gefühl jedenfalls schneller wieder da, als man Timmendorfer Strand sagen kann. Schwer zu beschreiben, aber sehr, sehr schön. Vor allem barfuß.

Anreise und Informationen:

  • Zwischen Rostock und Stralsund (mit Unesco-Welterbe-Altstadt) ragt Fischland-Darß-Zingst weit in die Ostsee. Mit dem Auto ist die Halbinsel von Hamburg über A 1, A 20, B 105 und L 21 gut und zügig zu erreichen. Mit der Bahn (ICE) dauert es über Ribnitz-Damgarten und einer Busverbindung über Barth etwas länger. Die Zeit ist aber auch für einen Wochenendausflug vertretbar.
  • Entfernung: 240 km
  • Anreise: mit dem Auto gut 2,5 Stunden, mit der Bahn 3 Stunden
  • Infos: Tourismus­verband Darß, Telefon: 038324/64 00. www.fischland-darss-zingst.de
  • „Nord? Ost? See!“ Am 28. Mai erscheint das neue Abendblatt-Magazin „Nord? Ost? See!“ mit den schönsten Ausflugszielen und Hotels, interessanten Ferienimmobilien und vielem mehr.
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