Covid-19

„Ungeliebte Wessis“: Hamburger wollen in Mecklenburg bleiben

| Lesedauer: 5 Minuten
Catharina Jäckel
Urte Lindemann-Kegel und ihr Mann Karl-Philipp aus Sasel werden aus ihrem Ferienhaus in Groß Schwansee in Mecklenburg-Vorpommern vertrieben – doch sie weigern sich, nach Hamburg zurückzukehren.

Urte Lindemann-Kegel und ihr Mann Karl-Philipp aus Sasel werden aus ihrem Ferienhaus in Groß Schwansee in Mecklenburg-Vorpommern vertrieben – doch sie weigern sich, nach Hamburg zurückzukehren.

Foto: Kegel

Familie Kegel weigert sich, ihr Ferienhaus in Groß Schwansee in der Coronakrise zu verlassen. Die Polizei kündigt harte Maßnahmen an.

Hamburg/Groß Schwansee. Die Situation zwischen Zweitwohnungsbesitzern aus Hamburg und Einheimischen in Mecklenburg-Vorpommern in der Coronakrise spitzt sich weiter zu. Nachdem vergangene Woche bereits einige Hamburger am Schaalsee unter der Androhung von Schutzhaft von der Polizei ihre Zweitwohnungen räumen mussten, berichtet nun auch eine vierköpfige Familie mit Ferienhaus in einem kleinen Dorf in Nordwest-Mecklenburg von unangenehmen Begegnungen mit der Polizei.

Coronakrise: Polizei spioniert offenbar Zweitwohnung von Hamburgern aus

Urte Lindemann-Kegel und ihr Mann Karl-Philipp Kegel aus Sasel haben sich vor zwei Jahren ein Ferienhaus in dem 250 Einwohner zählenden Dorf Groß Schwansee (Gemeinde Kalkhorst/Landkreis Klützer Winkel) gekauft. Wohl fühlen sich das Ehepaar und ihre zwei Kinder dort seit einigen Tagen jedoch nicht mehr. Denn seit Dienstag patrouilliert die Polizei durch die Straßen des beschaulichen Dorfes.

Die Beamten seien zunächst durch die wenig bewohnte Siedlung gefahren, hätten sich ortsfremde Kennzeichen notiert und schriftliche Aufforderungen zum Verlassen des Bundeslandes unter die Scheibenwischer von Autos geklemmt. „Das war wirklich auffällig in unserem Mini-Dorf“, sagt Lindemann-Kegel, „die haben unsere Häuser ausspioniert“.

Polizei droht mit Zwangsgeld

Statt die wenigen Bewohner der Siedlung persönlich anzusprechen, sei am Mittwoch vergangener Woche ein Polizeifahrzeug mit Megafon durch die Straße gezogen. Ein Beamter habe Ausreiseaufforderungen für Touristen und Zweitwohnungsbesitzer hinausgeplärrt. Kinder, die draußen spielten, seien dadurch verschreckt worden und hätten angefangen zu weinen, berichtet Familie Kegel.

Laut der Familie sollte durch diese Aktion Angst geschürt werden, an einem Gespräch seien die Beamten nicht interessiert gewesen. Doch damit nicht genug. Einen Tag darauf hätten Vertreter des Ordnungsamtes bei den Kegels geklingelt und sie darauf hingewiesen, dass sie gegen das Infektionsschutzgesetz verstoßen und das Bundesland sofort verlassen müssten, sonst drohe ein Zwangsgeld.

"Einheimische verraten Gäste an Polizei"

Einheimische Anwohner aus dem Ort sollen den Vertretern den Hinweis gegeben haben. „Seit der Krise sind wir ungeliebte Wessis“, sagt Urte Lindemann-Kegel. Auch persönlich seien sie von Anwohnern bereits angesprochen worden.

Dass Einheimische nun gegen Gäste hetzten und diese anzeigten, habe sie fassungslos gemacht. Diese „Mauer in den Köpfen vieler Einheimischer“ vergifte die Stimmung und sorge für einen erheblichen Imageschaden des tourismusabhängigen Landstriches Nordwest-Mecklenburg, sagt die 49-Jährige.

Polizei kündigt Strafanzeige an

Ein weiterer Besuch des mit Megafon ausgestatteten Polizeiwagens sei gefolgt. Die Beamten kündigten laut Familie Kegel an, Strafanzeige zu stellen. Bis Montagmittag hätten sie jedoch noch nichts Schriftliches dazu vorliegen, sagt Urte Lindemann-Kegel.

Familie Kegel hat nach eigener Auffassung nicht gegen das Gesetz verstoßen. Im Gegenteil: Nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel dazu aufgerufen hat, zu Hause zu bleiben und im Homeoffice zu arbeiten, hielt das Ehepaar das Haus in der wenig bewohnten Siedlung direkt in der Natur für einen perfekten Rückzugsort.

Zudem wohnten sie bereits zu diesem Zeitpunkt, also seit mehr als zwei Wochen, in dem Haus. Zurück nach Hamburg zu fahren würde bedeuten, eine unnötige Reise auf sich zu nehmen.

Appell an Bürgermeister Tschentscher

„Es ist eine absolute Unverschämtheit, Zweitwohnsteuer zu kassieren, aber die Besitzer dann in Krisenzeiten nicht in ihren eigenen Häusern wohnen zu lassen“, sagt das Ehepaar Kegel.

Sie und einige ihrer Nachbarn, die ebenfalls aus westlichen Nachbarländern kommen, hätten sich nun schriftlich an den Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) gewandt. Ihre Forderung: Er solle sich für Zweitwohnbesitzer, die nicht erst kürzlich angereist sind, einsetzen und mit Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) sprechen.

In Schleswig-Holstein hatten Einheimische Hamburger ebenfalls attackiert. Die Situation konnte auch durch ein Gespräch zwischen Peter Tschentscher und Daniel Günther geklärt werden. Dort dürfen Zweitwohnungsbesitzer nun in ihren Ferienwohnungen bleiben. Das ist auch die Hoffnung von Familie Kegel.

Hamburger in Mecklenburg-Vorpommern: "Wir halten durch!"

Auch den Bürgermeister der Gemeinde Kalkhorst, Dietrich Neick, hat die Familie kontaktiert. Per E-Mail hatte darauf am Sonnabend das Bürgeramt Klützer Winkel geantwortet. Man sei zu dem Ergebnis gekommen, dass der Aufenthalt der Familie in Groß Schwansee rechtswidrig sei. Die Begründung des Amtes: „Nur Personen, deren Zweitwohnsitz in Mecklenburg-Vorpommern liegt und die dort einer erwerbsmäßigen bzw. selbstständigen Tätigkeit nachgehen, dürfen den Zweitwohnsitz weiter nutzen.“

Dass sowohl Urte Lindemann-Kegel als freie Redakteurin als auch ihr Mann Karl-Philipp Kegel als Jurist einer selbstständigen Tätigkeit nachgehen, gelte nicht. "Nur wenn es erforderlich ist, die Selbstständigkeit zwingend in Mecklenburg-Vorpommern zu verüben, dürfen Zweitwohnungsbesitzer bleiben", sagt ein Mitarbeiter des Bürgeramts auf Anfrage des Abendblatts.

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Einige Nachbarn, die aus Hamburg oder Schleswig-Holstein kommen, hätten sich verschrecken lassen und seien bereits abgereist. Nicht so Familie Kegel. „Wir halten durch!“, sagt Urte Lindemann-Kegel. Sie ist gespannt, wie es jetzt weitergeht.

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