Sportangeln

Von der Elbe in die Weltspitze der Brandungsangler

| Lesedauer: 7 Minuten
Markus Steinbrück
Sebastian Lucklum (35) zeigt am Strand der Biskaya eine Meeräsche.

Sebastian Lucklum (35) zeigt am Strand der Biskaya eine Meeräsche.

Foto: Privat

Sebastian Lucklum aus Marschacht gewinnt im Tandem mit Fabian Frenzel Bronze bei den Weltmeisterschaften in Frankreich – nicht der erste Erfolg.

Marschacht.  Wenn Sebastian Lucklum demnächst ins Wohnmobil steigt und mit seiner Familie in den Urlaub fährt, ist eines für ihn klar: „Die Rute bleibt zu Hause.“ Mit seiner Angelausrüstung hat der 35-Jährige aus Marschacht in den vergangenen Wochen mehr als genug Zeit verbracht. Im Urlaub will er uneingeschränkt für seine Ehefrau und die vier Töchter da sein. „Wenn ich die Rute zu Hause lasse, ist das für alle entspannter“, sagt er mit einem Schmunzeln.

Die Auszeit von seinem liebsten Hobby hat sich Lucklum wohlverdient. Er hat eine im wahrsten Wortsinn unglaubliche Reise hinter sich, die vom Gewinn einer Medaille bei den Weltmeisterschaften im Brandungsangeln gekrönt wurde.

Monatelange Vorbereitung und zehn Tage Training vor Ort

„Stolz wie Bolle sind wir mit einer Bronzemedaille im Gepäck aus Frankreich zurück“, erzählte er. „Monatelange Vorbereitung, eine 4009 Kilometer lange Autofahrt, zehn Tage Training vor Ort, unzählige Stunden der strategischen Ausrichtung für die Angelei, tolles Teamwork und etwas Glück haben dazu geführt, dass wir in Mimizan erfolgreich waren.“ Wir – das sind in diesem Fall Fabian Frenzel aus Freden bei Hildesheim und eben Sebastian Lucklum vom Sportanglerverein Tespe, dessen Jugendwart er ist.

Seit fünf Jahren treten die beiden erfolgreich in der Disziplin Tandem an. WM-Bronze 2022 im Süden Frankreichs war schon ihre dritte Medaille bei Weltmeisterschaften. 2019 hatten sie sowohl im Tandem als auch mit der deutschen Mannschaft den Titel geholt, 2021 mussten sie sich mit Rang sieben zufriedengeben. „So ein Teamwork wie wir leistet kein anderes Tandem. Bei uns wird jeder Wurf abgesprochen. Wir denken und arbeiten wie eine Person“, schwärmt der Mann, der in seiner Jugend auch Fußball bei Eintracht Elbmarsch spielte und Leichtathletik in der LG Nordheide betrieb, von der Zusammenarbeit.

Leichtathletik-Erfahrung macht sich beim Auswerfen der Rute bezahlt

Die Erfahrungen als guter Diskus- und Speerwerfer kämen ihm heutzutage zugute, meint Lucklum. Das Auswerfen der Angelrute aus einer halben Drehung sei vergleichbar mit der Speerwurf-Bewegung. Bei sehr guten Würfen könne er den an der Angelschnur befestigten Köder bis zu 200 Meter weit ins Meer werfen. „Ich hab auch schon 218 Meter geschafft, das war aber auf einer Wiese“, sagt er.

Beim Brandungsangeln stehen die Sportler am Strand und versuchen, innerhalb von vier Stunden möglich viele Fische aus der Brandung zu ziehen. Dafür werden ihnen im Vorfeld die Köder und ein 30 Meter breiter Abschnitt zugelost, in dem sich jedes Tandem frei bewegen darf. Die Rute muss immer am Strand bleiben, nur die Sportler dürfen zum Bergen der Fische bis zum Knie ins Meer gehen.

Jeder Fisch wird sofort vermessen, entscheidend ist sein Gewicht

Jeder Fisch wird von einem Stewart sofort vermessen und vielfach zurück ins Wasser gesetzt. Die Maße werden in Gewicht umgerechnet. So wisse man zum Beispiel, dass eine 41 Zentimeter lange Meeräsche 629 Gramm wiege, so Lucklum. Das innerhalb von vier Stunden von jedem Tandem erreichte Gesamtgewicht entscheidet über die Tagesplatzierung.

Nach vier Wertungstagen an den Sandstränden der Biskaya stand fest, dass die Medaillen an Weltmeister Frankreich, Vizeweltmeister Schottland und die Bronze-Gewinner Frenzel/Lucklum gingen. Die weiteren deutschen Tandems landeten auf den Rängen 16 und 23 – in der Summe Rang fünf für Deutschlands Mannschaft.

„Das Angeln war diesmal sehr anspruchsvoll. Man musste genau wissen, auf welchen Entfernungen man die Fische beangeln muss und welche Köder für die unterschiedlichen Fischarten die besten sind“, so Lucklum. An der Atlantikküste bissen vornehmlich Wolfsbarsch, Meeräschen, verschiedene Meerbrassen-Arten und eines der giftigsten Tieren Europas – das Petermännchen.

Erste Angel als Fünfjähriger, heute Jugendwart im Sportanglerverein Tespe

Schon im zarten Alter von fünf Jahren hatte Sebastian Lucklum seine erste Angel bekommen. Nach entsprechenden Prüfungen war er vor allem an den Fischteichen der Umgebung und der Elbe aktiv. „Irgendwann haben mich ein paar Verrückte mitgenommen zu einer Jugendfahrt nach Dänemark“, erzählt der Weltmeister von 2019. „Große Fische und zusammen mit den Kumpels auf dem Meer – das fand ich gut.“ Schon als Jugendlicher sei er eingeladen worden zu einer Sichtung im Brandungsangeln. Es lief so gut, dass er mit zur Jugend-WM durfte und Dritter mit der Mannschaft wurde.

In all den Jahren hat ihn die Faszination nicht losgelassen. „Es ist dieser Überraschungsmoment. An einem Forellenteich weißt Du, was Du rausholst. Wenn aber im Meer einer beißt, weißt Du nicht, was Du an der Angel hast“, sagt Sebastian Lucklum. „Dazu ist es wie Urlaub. Ich hab schon tolle Sonnenuntergänge erlebt und liebe auch den Wettkampf an sich.“

Athletische Grundlagen kann man auch am Elbdeich trainieren

Um dem durchaus anstrengenden Hobby gewachsen zu sein, trainiert Lucklum daheim seine Rumpfmuskulatur, macht Dehnübungen und Treppenläufe am Elbdeich, um die stundenlange Arbeit im tiefen Sand zu imitieren. Seine Ausdauer trainiert er vor allem auf dem Fahrrad. Zum Angeltraining an die Ostsee fährt er höchstens alle zwei Monate, ansonsten angelt er hauptsächlich regional.

Brandungsangeln auf diesem Niveau ist kein preisgünstiges Hobby. Für eine gute Rute könne man 800 Euro ausgeben, für eine gute Rolle weitere 700 Euro. „Und davon hat man dann vier oder fünf Stück“, erzählt der 35-jährige Marschachter. Angeln gilt in Deutschland anders als in vielen anderen Ländern nicht als Sport, die Angler sind nicht im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) organisiert. Daher gibt es so gut wie keine Förderung.

Für die WM-Reise nach Frankreich und die anschließende Weiterreise nach Dänemark musste Lucklum, der als Maschinenbauingenieur arbeitet, drei Wochen Urlaub nehmen, die Gesamtkosten summieren sich auf mehrere tausend Euro. Das erfolgreiche Tandem wird von einigen Sponsoren unterstützt. Zudem hat Lucklum kürzlich ein Gewerbe angemeldet, um über Artikel für Angelmagazine und Lehrgänge für andere Angelsportler zumindest einen Teil der Kosten refinanzieren zu können.

Von Frankreich weiter nach Dänemark, die nächste WM ist sicher

Für die WM-Bronzemedaillengewinner ging es nach einem Abstecher nach Paris direkt weiter nach Hvide Sande in Dänemark, wo es um die Qualifikation für die nächste WM ging. „Da war die Spannung aber weg und uns fehlte der letzte Elan“, berichtet Sebastian Lucklum. Aufgrund der Zwei-Jahres-Wertung, die der nationale Verband für die Nominierung zugrunde legt, sind Frenzel und Lucklum aber für die Weltmeisterschaft 2023 auf Sardinien qualifiziert. „Darauf freue ich mich schon sehr, das ist ein tolles Revier.“ Zunächst aber bleibt die Angelausrüstung zu Hause und die volle Aufmerksamkeit von Sebastian Lucklum gilt seinen fünf Mädels.

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