"Bombastische" Perspektiven

Foto: Maike Schade

Lüneburger Immobilienmakler verzeichnen bis zu 30 Prozent mehr Umsatz im vergangenen Jahr

Lüneburg. Finanzkrise, schwächelnder Euro, drohende Inflation: Die Zeiten sind unsicher. Die klassischen Kapitalanleger haben deshalb die Immobilie wieder als Anlageform wiederentdeckt. Auch in Lüneburg boomt deshalb der Immobilienmarkt.

So erklärt es sich, dass die Makler, die noch vor kurzem über einbrechende Einnahmen klagten, nun unter der Last der Anfragen stöhnen. Vor Entzücken, versteht sich: 50 Prozent mehr Immobilien als im Vorjahr hätten sie 2010 vermitteln können, schwärmt beispielsweise Sabine Wenzel, Prokuristin bei Sallier Immobilien. Auch beim Immobilienzentrum der Sparkasse rollte der Rubel. Hier stieg der Umsatz laut Berater Stefan Peter um etwa 30 Prozent. Beim Maklerbüro Engel und Völkers wuchs der Gewinn um einen "deutlich zweistelligen Prozentsatz".

Dabei sind hochpreisige Objekte, wie sie Engel und Völkers vornehmlich anbieten, nicht die begehrtesten Immobilien. Vielmehr sind es Kleinanleger und Häuslebauer, die sich in Anbetracht der derzeit (noch) niedrigen Kreditzinsen zum Kauf entschlossen haben. Gekauft werde fast alles: Baugrundstücke, Eigentumswohnungen, Mehrfamilienhäuser. Die Renditeerwartung ist ansehnlich: Im Neubaubereich liege sie bei 4,5, im Bereich Bestandsimmobilien gar bei fünf Prozent, erklärt Wenzel von Sallier Immobilien.

Sogar vermietete kleine Eigentumswohnungen im Preisbereich zwischen 50 000 und 70 000 Euro sind gefragt. "Die waren früher sehr problematisch, und jetzt muss ich noch nicht einmal in die Werbung gehen, um so ein Objekt zu verkaufen", sagt Jörn Schneider von Ärzte und Apotheker Immobilien. Ein Blick in die Kartei genüge.

Besonders begehrt sind allerdings Baugrundstücke. Sabine Wenzel: "Nahezu alle Stadtteile sind interessant. Je nach Lage und Grundstücksgröße darf das Bauland für Familien 120 bis 160 Euro pro Quadratmeter kosten."

Stefan Peter vom Sparkassen-Immobilienzentrum sieht diese Preise bereits überholt. Im Neubaugebiet Rosenkamp habe der Quadratmeter Bauland etwa 120 Euro gekostet. Im neuen Projekt, dem Hanseviertel, würden bereits 150 bis 170 Euro verlangt. Dies liegt seiner Meinung nicht nur an der zentraleren Lage, sondern grundsätzlich am Anziehen der Preise. Das Ende der Fahnenstange sei hier noch lange nicht erreicht, das beweise die enorme Nachfrage: "Wir haben gerade mit dem Verkauf der ersten 15 Grundstücke im neuen Hanseviertel begonnen, und wir haben 400 Interessenten dafür."

Insgesamt sollen 450 Wohneinheiten entstehen; reichen wird dies nicht, da sind sich alle Makler einig. Sallier Immobilien fordert deshalb "Sanierungskonzepte und Umnutzungsideen, um der großen Nachfrage nach Wohnraum in der Altstadt gerecht werden zu können".

Nicht ganz so euphorisch klingt der aktuelle Grundstücksmarktbericht des Gutachterausschusses für Grundstückswerte (GAG) Lüneburg. Auch hier ist der Tenor zwar positiv, jedoch wird lediglich ein Umsatzplus von 5,6 Prozent verzeichnet. Dies habe mehrere Gründe, klärt Rainer Leppel (GAG) auf. Zum einen sei der Berichtszeitraum leicht verschoben, die Erfassung ende am 31. Oktober. Der Anstieg des Grunderwerbszinses zum 1. Januar von 3,5 auf 4,5 Prozent habe aber gerade im November und Dezember zu einer verstärkten Nachfrage geführt, was im aktuellen Bericht aber nicht berücksichtigt werden konnte. Zum anderen würde nur ein Bruchteil der Verkäufe über Makler abgewickelt - "die meisten Verträge werden privat abgeschlossen".

Die Situation sei ähnlich wie nach dem Wegfall der Eigenheimzulage. Auch da habe es einen Boom gegeben. Leppel zufolge werde sich die Lage wieder normalisieren - was in diesem Falle dennoch ein solides Plus bedeutet.

Glaubt man dem aktuellen Städtevergleich des Marktbeobachters Thomas Daily, so wird Lüneburg bis 2020 um etwa 13 000 auf 88 429 Einwohner anwachsen. Leppels Erklärung: Lüneburg sei durch seine historische Altstadt, die guten Verkehrsanbindungen und die attraktiven Miet- und Kaufpreise in den vergangenen Jahren für Hamburg-Pendler zunehmend interessant geworden.

Leppels Einschätzung deckt sich mit dem Trend, der sich im restlichen Deutschland bemerkbar gemacht hat. Sowohl der HPX-Index des Berliner Finanzdienstleisters Hypoport als auch der erstmals veröffentlichte Wohn-Index Deutschland der Beratungsgesellschaft F+B vermerken für das vierte Quartal 2010 eine Abkühlung des Immobilienmarkts. Sogar eine Preisblase aufgrund des gestiegenen Angebots wird mancherorts befürchtet. In Lüneburg könne davon aber keine Rede sein. Peter: "Hier stagniert gar nichts!"