Großes Frösteln trotz sieben "Häuten"

Die Akteure des Historischen Christmarkts mussten sich am Wochenende warm anziehen

Lüneburg. An ihnen kam am Wochenende so schnell keiner vorbei. Zumindest nicht, ohne den stattlichen und respekteinflößend gekleideten Männern Wegezoll zu zahlen: Stephan Daniel und Johannes Gärtner bewachten kurz nach der Eröffnung des Historischen Christmarkts am Sonnabend als Stadtknechte die Zugänge an der Sankt Michaeliskirche.

Ein ziemlich frostiger Job bei minus fünf Grad. "Wir frieren uns hier ganz schön den Arsch ab", gesteht Stephan treffend. Damit das nicht wirklich passiert, kommen die Lüneburger Stadtwachen in den Genuss eines besonderen Cateringservice: Die "Marketenderinnen" Anna Rese und Lisa Beneke versorgen die beiden jungen Männer mit heißen Getränken (überwiegend Glühwein) und Speisen (überwiegend Bratwurst). Die beiden Schülerinnen haben sich auf ihre Sieben-Stunden-Schicht bestens vorbereitet. Lisa zählt auf: "Ich trage drei Strumpfhosen, eine Jeans, drei Tops, zwei T-Shirts und zwei Pullover." Darüber das Kostüm: "Aber so ist es auch warm."

Stephan Daniel macht der Job in der Kälte trotzdem Spaß. "Wir können hier ordentlich die Leute anpöbeln", sagt er nicht ganz ernst. Seit acht Jahren mimt der 24-Jährige schon die Stattwache, und diese Erfahrung merkt man dem Metallbaumeister an. Schon von weitem spricht er die Passanten laut und direkt an, immer schlagfertig und barsch genug, dass sich die meisten motiviert fühlen, den einen oder anderen Euro für den Erhalt der Lüneburger Altstadt zu spenden.

"Wenn natürlich ein Touri-Bus mit 150 Leuten auf einmal kommt, dann hast du keine Chance", gibt Stephan zu. Trüge er nicht seine Uniform und seine imposante Lanze - so mancher Besucher wäre wohl empört über seine Direktheit. Auch seine Marketenderinnen stehen ihm darin in nichts nach: Einem älteren Herrn, der mit einer Digitalkamera ein Foto von ihnen macht, rufen sie energisch und laut entgegen: "Seelenraub mit eurer seltsamen Gerätschaft kostet extra!"

Wer dann doch einmal drin ist, der kann an den Hütten aus Balken und Planen teils Ungewöhnliches wie im 16. Jahrhundert entdecken. Auch wenn die Bewegungsfreiheit in den sich durch die Gassen schiebenden Menschenmassen meist - wie in jedem Jahr - als eher eingeschränkt zu bezeichnen ist. Aber auch das gehört angeblich zum Mittelalter-Feeling.

Neben den Klassikern "Würzwein", "Met" und "Renaissance-Bratwurst" ist auch der Stand von Wolfgang Bechtel dicht umlagert. Der Mann aus der Prignitz trifft mit seiner "Fell-Gerberey" und "Ziegenkäserey" offenbar regelmäßig den Nerv des zahlenden Publikums. Kuschelige Schaffelle, würzige Ziegensalami und kräftiger Ziegenkäse in vielen Varianten ("Aber keiner fettreduziert!"), sind immer wieder begehrt.

Deutlich weniger Andrang herrscht dagegen bei Dorothea Wendt und ihrer "Luna Apoteck". Dabei ist ihr Angebot nicht minder interessant. Die Apothekerin, die ursprünglich aus Lübeck kommt, ist eine der letzten in der Region, die selbst "Rotulae" (runde Zuckerplätzchen) oder "Magen-Morsellen" herstellt, ein aufwendig karamellisiertes Konfekt, das intensiv nach Spekulatius-Gewürzen schmeckt, genau wie vor 400 Jahren.

Natürlich versieht die Hobby-Alchemistin die Zuckerwaren nicht mehr wie damals mit schlecht schmeckenden Tinkturen. "In der Renaissance haben Apotheken nur Magen-Darm-Erkrankungen behandelt", erklärt Dorothea Wendt. "Aber wenn man die alten Rezepte liest, muss man sich wundern, dass die Leute überhaupt wieder von der Toilette runtergekommen sind."

Auf die Toilette gehen, das ist für Volker Schulz ein eher umständliches Unterfangen. Der Reppenstedter ist als "Volker von der Bille" auf dem historischen Weihnachtsmarkt unterwegs und trägt eine 36 Kilogramm schwere Ritterrüstung aus Eisen mit sich herum. Oft ist er auf mittelalterlichen Märkten unterwegs, und oft wird er - in den unterschiedlichsten Varianten - gefragt, ob das nicht schwer sei, was er da trage.

An diesem lausig kalten Wochenende hört er öfter noch die Frage, ob das nicht kalt sei, was er da trage. "Ich kann verstehen, dass die Herren früher Kriege im Winter gemieden haben", gibt Volker Schulz zu. "Das Eisen kühlt gut aus." Und so kommen bei ihm zu den 36 Kilo Eisen noch einige Kilo Textilien: "Zwei Thermo-Sohlen in den Schuhen plus zwei Paar Socken, drei Schichten auf dem Kopf und an den Armen, sieben ,Häute' am Oberkörper und drei Hosen." Trotz aller Liebe zum Mittelalter dürfte er zumindest froh gewesen sein, dass die Textilindustrie inzwischen Angora-Wollhosen und Funktionskleidung herzustellen vermag.