Ein Herz für Castor-Gegner

Foto: Martin Jäschke

Ehemalige Kinderärztin stellt Betten für Demonstranten zur Verfügung. Schlafplätze im Wendland gefragt wie nie

Lüneburg. Bis zu 50 000 Menschen werden in gut zwei Wochen im Wendland erwartet, um gegen den Castor-Transport zu demonstrieren. Das bedeutet aber auch: Viele von ihnen werden eine Unterkunft benötigen. Schon oft wurden vor Ort Schlafplätze an angereiste Demonstranten vermittelt. In diesem Jahr aber sind die privaten Übernachtungsgelegenheiten besonders gefragt. So sehr, dass schon im Vorfeld "Bettenbörsen" zur Vermittlung eingerichtet wurden - sogar im verhältnismäßig fernen Lüneburg.

Auch Gisela Nolte will einigen der Demonstranten eine Unterkunft bieten und hat sich daher bei der Lüneburger Bettenbörse angemeldet. Sie ist Kinderärztin im Ruhestand, 74 Jahre alt und wohnt in einem großen, alten Bauernhaus in Rohstorf. Das kleine Dorf ohne Straßennamen liegt ein paar Kilometer südlich der B 216, genau zwischen Lüneburg und Dahlenburg.

Sie habe gehört, dass sehr viele Menschen von außerhalb kommen wollen, erzählt Gisela Nolte. "Und da hab ich gedacht, die müssen ja auch irgendwo untergebracht werden." Acht Gäste will sie in ihrem großen Haus beherbergen. Zur Not könne sie aber auch noch mehr unterbringen, so die Seniorin.

Bis jetzt ist Gisela Nolte jedoch eine von wenigen: Bei der Bettenbörse des Lüneburger Aktionsbündnisses gegen Atom (Laga) sind bislang nur wenige Angebote und Anfragen eingegangen. "Viele werden sich sicherlich auch privat einen Schlafplatz organisieren", sagt Jacqueline Loos vom Bettenbörsen-Telefon: "Ich denke aber, dass hier kurz vorher die Telefone noch richtig klingeln werden."

Ganz anders sieht es dagegen jetzt schon bei der Bettenbörse im Wendland aus, bei der erstmals gleich ganze Patenschaften für Besucher vermittelt werden. Die Idee der Aktion "Patenschaften gegen den Castor" ist, dass Demonstrationsneulinge von Wendländern empfangen und zu den Anti-Atom-Aktionen begleitet werden.

"Ich bin völlig fassungslos, was uns hier alles angeboten wird", berichtet Vermittlerin Christina Schuster begeistert: "Die Leute stellen sogar kostenlos ihre Ferienwohnungen zur Verfügung." Auch der Schlafplatzbedarf sei in diesem Jahr riesig: "Es wollen ganz viele von außerhalb kommen, die noch nie hier waren." 500 bis 600 Schlafplätze hat sie allein in den vergangenen Tagen vermittelt, schätzt Christina Schuster.

Für Gisela Nolte jedenfalls ist es nicht ganz neu, Atomkraftgegner daheim zu beherbergen. Vor einigen Jahren rollten acht Mitglieder einer mobilen Küche für Demonstranten in ihrem Haus ihre Schlafsäcke aus. Das genaue Jahr kann Gisela Nolte aber nicht sagen. "Mit Zahlen hab ich es nicht so", sagt sie und lächelt. "Die kamen aus Holland. Gegenüber von meinem Haus stand damals die ganze Zeit ein Polizeiauto mit Beamten aus Leipzig, die uns beobachtet haben. Aber die waren nett."

Die Hilfsbereitschaft für ihre Gäste war schon damals groß: "An einem Tag hat die Polizei viele Demonstranten in großen Mannschaftswagen mitgenommen." Dort saßen die Atomkraftgegner dann auf der Wache fest. Also holte Gisela Nolte kurzerhand "ihre" Demonstranten aus dem 20 Kilometer entfernten Lüneburg wieder ab - mit ihrem Kleinbus.

Gegen Atomkraft auf die Straße zu gehen, so scheint es, wenn man sich mit ihr über dieses Thema unterhält, ist für Gisela Nolte eine Selbstverständlichkeit. "Es ist ja überall dasselbe Problem", sagt die 74-Jährige. "Ob mit der Gentechnik oder mit der Dritten Welt - da, wo ein paar Leute das dicke Geld machen können, da bleiben viele andere auf der Strecke."

Früher ist sie noch selbst gegen Castor-Transporte demonstrieren gegangen, beteiligte sich schon am Widerstand gegen die Pläne für den Bau einer Wiederaufbereitungsanlage in Dragahn Anfang der 1980er-Jahre. Heute muss sie den aktiven Widerstand den Jüngeren überlassen. "Es freut mich besonders, dass immer mehr junge Leute dabei sind", sagt sie.

Gisela Nolte plädiert für friedlichen Protest. "Die Aktionen der Initiativen wie 'X-tausendmal quer' oder 'Ausgestrahlt' sind ja immer betont friedlich - aber dafür geistreich", sagt sie. Was aber sagt sie zur aktuellen Debatte um die Aufrufe zum "Schottern"? "Ich selbst werde niemanden dazu anstiften. Ich werde aber auch niemanden anzeigen, der mir erzählt, er geht zum Schottern." Niedersachsens früherer Ministerpräsident Ernst Albrecht habe einmal gesagt, erinnert sich die Rohstorferin: "So lange die hier friedlich demonstrieren, stören die uns ja nicht." Und das heißt für die Kinderärztin im Ruhestand im Umkehrschluss, "dass man auch mal etwas drastischer werden muss."

Dass Menschen aus ganz Deutschland anreisen wollen, um hier zu demonstrieren, freut Gisela Nolte jedenfalls: "Zum Glück passiert das inzwischen nicht mehr nur hier vor Ort. So langsam kommen die Leute dahinter, was in der Welt los ist."