Streik in Kindertagesstätten

Eltern und Erzieher liegen im Clinch

Die Pädagogen demonstrieren weiter, doch jetzt opponieren auch Mütter und Väter - gegen den Streik.

Lüneburg. Die Stimmung ist gekippt. Am neunten Tag des Kita-Streiks in Lüneburg machten gestern rund 30 Eltern vor dem Rathaus ihrem Unmut Luft über die gescheiterten Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft Ver.di und der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände. Eine halbe Stunde später demonstrierten an selber Stelle 300 Erzieherinnen aus dem Ver.di-Bezirk Lüneburger Heide. Zu einem Zusammentreffen kam es nicht.

Einen Tisch und zwei Stühle in Kindergröße hatte der Vorstand des Kita-Stadtelternrats mitgebracht. "Wir wollen, dass sich die Tarifparteien an den Verhandlungstisch setzen", sagte Corinna Maria Dartenne.

Lüneburgs Erster Stadtrat Peter Koch tat es. Der Sozialdezernent nahm zunächst einen Stapel symbolischer roter und gelber Karten entgegen und setzte sich dann auf einen der kleinen Stühle. Der andere blieb leer - die Ver.di-Vertreter waren noch im Gewerkschaftshaus. Schließlich nahm Karsten Opitz vom Kita-Stadtelternrat fürs Foto Platz.

Peter Koch: "Wir verstehen, dass es den Eltern reicht. Uns reicht es auch." Die roten Karten reiche er weiter an den kommunalen Arbeitgeberverband. Von dessen Seite seien neue Angebote zum Thema Gesundheitstarif gemacht worden, sagte Koch. Und was die Vergütung und Arbeitsbedingungen angehe, gebe es einen bestehenden Tarifvertrag.

Dass es bei dem mittlerweile vier Wochen dauernden Streik nicht um Rahmenbedingungen der Arbeit in den Kitas geht, stört viele Eltern. "Durch diesen Streik wird sich die Situation in den Kitas nicht verändern", sagte Corinna Maria Dartenne. Kollege Ulrich Wessolek berichtete: "Der Streik gefährdet inzwischen Jobs, und damit gefährden die Gewerkschaften ihre eigene Klientel. Ihr rituelles Kampfverhalten ist nicht zeitgemäß."

Nach dem Rathaus gingen die Eltern ins Ver.di-Büro an der Katzenstraße, gaben dort ebenfalls einen Stapel gelbe und rote Karten ab. Als Ver.di-Geschäftsführer Achmet Date dazukam, rief Wessolek: "Wir fordern viel mehr als Sie!" Gemeint war damit die Initiative "Besserer Bildungsrahmen", die sich für eine Veränderung der Rahmenbedingungen im Kita-Gesetz einsetzt. "Sie haben uns mehr als genug belastet - und nicht mal informiert."

Date darauf: "Sie reden von Dingen, von denen Sie sehr wenig verstehen. Sie fallen Ihren Kindern in den Rücken." Auf ein Gespräch mit Date wollten sich die Eltern nicht einlassen, um ihm keine Möglichkeit für "Gewerkschaftsparolen" einzuräumen. "Sehr bedauerlich" fand das der Ver.di-Mann.

Auf die Frage nach der Kritik über zu wenig Information sagte Date: "Ein Streik hat einen besonderen Charakter, und wir müssen sehen, dass er Wirkung entfaltet." Stellvertreterin Christel Schack-Ristau ergänzte: "Zunächst gab es für uns keinen Handlungsbedarf, die Kommunikation war einvernehmlich. Als der Unmut bei den Eltern entstand, haben wir sofort reagiert."

Doch diese Meinung teilen nicht mal alle der von Ver.di vertretenen Erzieherinnen. So gibt es Kritik an der Organisation des Streiks und am späten Termin des Informationsabends in der dritten Streikwoche. Stehen sie selbst noch hinter ihrer Gewerkschaft und der andauernden Niederlegung der Arbeit? "Ich stehe hier", sagte eine Erzieherin, "bin aber verunsichert."

Der Streik geht heute weiter. Offenbar mit Billigung auch von Müttern und Vätern der Kita Stadtmitte. In einem Brief heißt es: "Wir stehen weiter hinter dem Streik.