Finderlohn

Wentorferinnen vermissen Goldring mit Familiengeschichte

Harriet Spanhake (90, links) ist traurig, weil sie den Ring ihrer Großmutter verloren hat, fast gleichzeitig hat ihre Tochter Corinna diesen goldenen Siegelring mit blauem Achat gefunden. Sie sucht den Besitzer

Harriet Spanhake (90, links) ist traurig, weil sie den Ring ihrer Großmutter verloren hat, fast gleichzeitig hat ihre Tochter Corinna diesen goldenen Siegelring mit blauem Achat gefunden. Sie sucht den Besitzer

Foto: Susanne Tamm

Harriet Spanhake (90) hat den Goldring ihrer Großmutter verloren – ein Erinnerungsstück an schwere Kriegszeiten. Finderlohn ausgesetzt.

Wentorf. Harriet Spanhake ist sehr traurig: Die 90-jährige Wentorferin hat auf dem Heimweg vom Friseur in Bergedorf ihren Goldring verloren. „Dabei geht es uns gar nicht um die drei Gramm Gold“, erläutert ihre Tochter Corinna Spanhake. „Vielmehr hat er einen hohen emotionalen Wert für unsere Familie.“ Denn den Ring habe Harriet Spanhake als junge Frau von ihrer Mutter Erika Rosa Paasch geschenkt bekommen, die ihn wiederum von ihrer Mutter Rosa Harrison zur Hochzeit bekommen habe. Der Schmuck sei ein Stück gelebte Familiengeschichte.

„Ich liebe das Schmuckstück daher sehr und habe es als junge Frau viel getragen“, erzählt die Seniorin. Sogar ihre Garderobe habe sie farblich auf die geschliffene Koralle abgestimmt, die den Ring ziert. Ihre Mutter hat den Ring über den Krieg und ihre Flucht von Südpolen bis in die Lüneburger Heide gerettet. „Ich vermute, dass sie ihn gut versteckt hat, vielleicht hat sie ihn irgendwo eingenäht“, sagt Enkelin Corinna Spanhake.

Mutter verliert Goldring, der große Bedeutung hat

„Meine Mutter war Jüdin, oder Halbjüdin. Aber mein Vater hat ihre Urkunden gefälscht, um sie vor den Nationalsozialisten zu schützen“, erzählt Harriet Spanhake. Der Vater habe immer zu seiner Frau gehalten. Um von ihr abzulenken, hat Harry Gustav Paasch sich sogar zur Waffen-SS gemeldet. Er war Barbier, Bader und Heiler, und der Mediziner Dr. Schrader habe dafür gesorgt, dass er nicht eingezogen, sondern 1940 samt Familie als Sanitäter in Zakopane in der Tatra Südpolens in einem Genesungsheim eingesetzt wurde.

„Wenn die verletzten Soldaten das Hauptlazarett in Krakau verlassen durften, kamen sie zu uns ins Genesungsheim. Sie durften sich drei Wochen erholen, dann ging es zurück an die Front – schrecklich, das waren so nette Jungs“, erinnert sich Harriet Spanhake. Zuerst sei es für sie als Zehnjährige in Polen langweilig gewesen, weil sie noch kein Polnisch verstand. Das änderte sich jedoch. Heute sagt sie: „Ich liebe die Polen und die polnische Sprache!“

Sommer 1943: Verlassenes Zuhause wurde bombadiert

Sie sei Jungmädelführerin geworden. Ihre Tochter wendet ein: „Aber so richtig mit Begeisterung warst Du nicht dabei?“ „Nein, das stimmt“, bestätigt Harriet Spanhake. Auch ihre Mutter habe nie „Heil Hitler!“ gesagt, sondern oft erwidert: „Ach, heilt ihn doch selbst!“ Niemand habe in dieser Zeit etwas von ihren und den jüdischen Wurzeln ihrer kleinen Tochter geahnt.

Im Sommer 1943 erreichte ihre Familie die Nachricht, dass ihr verlassenes Zuhause in Hamburg bombardiert worden war. „Mein Vater und ich reisten nach Hamburg, um nach unserer Wohnung in Borgfelde zu schauen“, erzählt die 90-Jährige. Als sie vor dem Haus ankamen, stand nur noch die Fassade. „Die Blumen blühten, aber das Haus war ausgebrannt. Meine Puppe Goldi, meine Bücher – alles war weg. Wir haben kein einziges Foto mehr.“

Großmutter wurde deportiert und ermordet

Ihre Großmutter Rosa Harrison sei bereits vorher verschwunden. „Sie wurde wohl deportiert und ermordet“, sagt Harriet Spanhake traurig. Wo sie gestorben ist, weiß sie bis heute nicht. Desto mehr schmerzt sie der Verlust ihres Rings.

1943 wurde der Vater zu den estnischen Divisionen versetzt, weil er den jüdischen Zwangsarbeitern des Genesungsheims dasselbe Essen zukommen ließ wie den Soldaten. Seine Frau blieb mit den zwei Töchtern in Polen zurück. Ihre jüdischen Wurzeln blieben unentdeckt und sie flüchteten wohl 1944 Richtung Hamburg. „Ich weiß nicht mehr genau wann“, sagt Harriet Spanhake. „Ich hatte als Zwölfjährige noch eine Schwester bekommen. Das beschäftigte mich als Kind mehr als irgendwelche Daten. Wir waren mit zwei Koffern und Baby im Zug auf der Flucht. Schließlich wurden wir als Ausgebombte in der Lüneburger Heide in einem Zimmer auf dem Dorf einquartiert.“

Dem ehrlichen Finder winkt ein Lohn von 100 Euro

Ihr Vater geriet in Gefangenschaft. „Sein Sanitätsdienstgrad hat ihn gerettet. Sonst hätte man ihn an die Wand gestellt“, sagt Corinna Spanhake über ihren Großvater. 1946 fand er seine Familie wieder. Seine Tochter erinnert sich: „Es klopfte Ostern an die Tür und wir fragten: ,Wer ist denn da?’ Da kam die Antwort: ,Der Osterhase!’ Humor hilft. Ohne ihn hätte unsere Familie nicht überlebt.“

Corinna Spanhake bestätigt: „Meine Großeltern hatten keine Reichtümer, aber bei ihnen wurde viel gelacht. Sie waren Überlebenskünstler. Er hat nach dem Krieg als Herrenfriseur gearbeitet. Sie war Buchhalterin, hat alles gemacht, was sie an Arbeit finden konnte.“

Harriet Spanhake hat Goldring am 11. September verloren

Sie und ihre Mutter hoffen jetzt, dass jemand den schlichten Goldring mit Koralle-Cabochon gefunden hat. Harriet Spanhake hat ihn am 11. September entweder im Taxi oder auf dem Weg von dort nach Hause am Mühlenweg verloren. Den ehrlichen Finder möchten sie mit 100 Euro belohnen. Verrückt: Fast gleichzeitig hat Corinna Spanhake einen goldenen Siegelring mit blauem Achat und Gravur auf einem Parkplatz am Südring gefunden. Hinweise zu beiden Ringen unter Telefon 040/53 26 55 86.