Schloss Friedrichsruh

Den Rehrücken im Koffer nach Monte Carlo geschmuggelt

Ann-Mari Fürstin von Bismarck (1907-1999) wurde vom Personal Durchlaucht genannt, „außer von mir“, sagt Werner Thiele, der hier mit ihr im Garten sitzt.

Ann-Mari Fürstin von Bismarck (1907-1999) wurde vom Personal Durchlaucht genannt, „außer von mir“, sagt Werner Thiele, der hier mit ihr im Garten sitzt.

Foto: privat

Aumühle. Werner Thiele berichtet vom schillernden Leben als Leibkoch der Bismarcks. 40 Jahre stand er im Dienst der Fürstenfamilie.

Friedrichsruh.  Karl Lagerfeld wollte ihn abwerben. Mehrfach sogar. In handgeschriebenen Briefen schwärmte der weltberühmte Modezar von der Kochkunst Werner Thieles. Doch der blieb seinen „Durchlauchtigkeiten“ stets treu. Vier Jahrzehnte lang war der inzwischen 81-Jährige Leibkoch der Familie von Bismarck in Friedrichsruh. Er erlebte glamouröse Partys, jettete nach Monte Carlo und aß Vanille-Parfait mit dem Hochadel in der Schlossküche. Weihnachten verbrachte er traditionell in Marbella – mit frischem Hummer und Tannenbaum aus Friedrichsruh.

Vom Kumpel zum Leibkoch

Naturgemäß drängt sich zunächst die Frage auf, wie ein Mann, der den Beruf Koch nie gelernt hatte, zum langjährigen Leibkoch einer hochangesehenen Fürstenfamilie werden konnte. Der Weg dahin gleicht einem Märchen: 1934 in Hamburg geboren, wuchs Thiele nach dem Zweiten Weltkrieg in einer zertrümmerten Stadt auf. Er begann eine Ausbildung zum Imker, brach sie ab und machte stattdessen im Ruhrgebiet eine Lehre im Bergbau, arbeitete vier Jahre lang unter Tage. Dann zog es ihn zurück in die Hansestadt. Dort fuhr er zunächst als Bote Blumensträuße aus und durfte als Fahrer eines Bauunternehmers zum ersten Mal Luxusluft schnuppern. Als dieser starb, folgte 1966 das lebensverändernde Bewerbungsgespräch bei Otto Christian Archibald Fürst von Bismarck. Und das verlief alles andere als glamourös.

Herzog von Windsor abgeholt

„Wo ist der dumme Kerl?“, hatte der Enkel des Reichskanzlers über den Flur des Schlosses in Friedrichsruh gebrüllt. „Ich war fünf Minuten zu spät“, sagt Thiele und lacht schallend. „Ein Desaster!“ Eingestellt wurde der damals 32-Jährige dennoch, zunächst als Chauffeur. „Mit feinem Anzug und Hut aus demselben Stoff. Dann bin ich so einen alten Rolls-Royce gefahren“, sagt Thiele und scheint sich an goldene Zeiten zu erinnern. „Da habe ich den Herzog von Windsor vom Flughafen abgeholt und mit ihm erst mal eine Runde durch Hamburg gedreht“, berichtet Thiele, als sei das etwas Alltägliches. Doch die Aufgabe als Chauffeur unterforderte ihn. Letztlich galt seine Passion dem Essen.

Schon als Kind lugte Werner Thiele in die zerbeulten Blechtöpfe, wenn Tante Milly Krabbenschalensuppe kochte. Das war in Friedrichsruh später nicht anders. „Ich schaute immer lieber in die Schlossküche, als den Wagen zu waschen“, gesteht Thiele. Als die Köchin schließlich ihren Dienst beendete, sah der Hanseat seine Chance und wurde prompt von Ann-Mari Fürstin von Bismarck zum Leibkoch der Familie berufen. Fortan lebte er in der Dachgeschosswohnung über dem heutigen Bismarck-Museum in Fried­richsruh auf knapp 150 Qua­dratmetern.

Königin Silvia bekocht

An Freizeit war jedoch nicht zu denken. „Ich habe schwer geschuftet. Als Leibkoch und gelegentlich als Chauffeur musste ich 24 Stunden lang jeden Tag bereitstehen, bis Ann-Mari wieder rief ,Wo ist Thiele?‘!“ In freien Minuten brütete er über Kochbüchern. Tausende von Mark gab Thiele vor Banketten für Delikatessen in Feinkostläden aus und bekochte Adel und Industrielle. König Carl Gustaf und Königin Silvia von Schweden, Prinz Alfonso zu Hohenlohe-Langenburg, Fürst Johannes von Thurn und Taxis, der Prinz von Hessen, die Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, Familie Wallenberg, die Darbovens und natürlich Karl Lagerfeld – alle waren sie bei den Bismarcks zu Gast und Thiele stets verantwortlich für das Dinner. „Geld war nie ein Thema“, sagt Thiele. In sogenannten Table Books hielt die Hausdame alles fein säuberlich fest. Eines dieser wertvollen Bücher besitzt Thiele noch heute.

Darin finden sich dann Einträge wie der Folgende. 31. August 1973: Gekocht wurden für 40 Gäste Canapés mit Kaviar und Lachs, Lauchcremesuppe mit Jacobsmuscheln, dazu mit Limonen gebeizter Saibling mit süßer Senfsoße, Rinderfilet à la Tournedos Rossini mit Spargel sowie Crêpe Suzette. Dazu feinster Champagner, ausgesuchte Weine, Mokka und edler Digestif. Festgehalten wurden die Namen der Gäste, wer neben wem gesessen hat und wie die Tischdekoration auf das Outfit der Hausherrin, Fürstin Ann-Mari, abgestimmt wurde. Zu einem Kleid von Balmain wurden Tischtücher in Silber neben roten Kerzen und feinem Porzellan aufgestellt.

Thiele bekochte edle Gesellschaften, schmuggelte für die Fürstin einen Rehrücken im Koffer nach Monte Carlo, verbrauchte im Familiensitz in Marbella rund fünf Liter Olivenöl die Woche und erfand Ann-Maris liebste Schildkrötensuppe neu. Er begleitete die Familie von Bismarck bei ihren Reisen und übernachtete in den Fünf-Sterne-Hotels Europas. In Friedrichsruh saß er einst mit der schillernden Fürstin Gloria von Thurn und Taxis in der Schlossküche. „Wir erzählten uns Geschichten, lachten und aßen Vanille-Parfait“, sagt Thiele.

Gibt jetzt Kurse für Flüchtlinge

Doch über allem stand stets die Hierarchie. „Ich blieb immer ,Thiele‘, die Fürstin stets ,Durchlaucht‘“ – zur Familie gehörte Thiele trotz aller Verbundenheit nie. Mit dem Tod der ihm zugeneigten Fürstin Ann-Mari 1999 und dem folgenden Generationswechsel im Hause Bismarck veränderte sich auch für Thiele so einiges. Gut gekocht wurde noch immer. Doch die goldenen Zeiten waren zweifelsohne vorbei. 2006 ging er in den Ruhestand und lebt seither ein ruhiges Rentnerdasein in Holm bei Wedel. Nun ja, nicht ganz: Am Wochenende gibt Werner Thiele wieder eine seiner beliebten Dinnerpartys, Seezunge soll es geben. Doch jetzt müsse er weiter, sagt der Gourmet. Er gebe einen deutsch-syrischen Kochkursus für die Flüchtlinge im Ort.

Festgehalten hat Werner Thiele seine Rezepte und Erlebnisse im „Fürstlichen Kochbuch – aus dem Leben eines Leibkochs.“ Erhältlich ist das im Privatdruck erschienene Buch bei Werner Thiele unter der E-Mail-Adresse werner@t-wedel.de selbst.