Schuldnerberatung

Bezahlbare Wohnungen: Fehlanzeige

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Susanne Tamm

Wentorf. Die Schulden in den Griff bekommen - das nehmen sich viele für 2009 vor. Nicht alle schaffen das allein. Doch die Hemmschwelle, kompetente Hilfe zu suchen, ist hoch: Die Wentorferin Maria S. beispielsweise kam erst zur Schuldnerberatung ins Rathaus, als ihr Energieversorger mit einer Stromsperre drohte.

31 Wentorfer suchen bisher kompetenten Rat bei Christine Tiedemann in der Schuldnerberatung.

Eine Woche vor dem angekündigten Termin saß die alleinerziehende Mutter (34) zweier Kinder verzweifelt bei Christine Tiedemann in der Beratung. "Als alleinerziehende Frau hat sie leider das höchste Risiko, unseren Rat in Anspruch nehmen zu müssen", weiß die Wirtschafts- und Arbeitsjuristin.

Seit September bietet sie einmal im Monat ihre Hilfe im Rathaus als Außenstelle des Diakonischen Werkes im Kreis Herzogtum Lauenburg an. Schon in der Hauptstelle Geesthacht zeichnete sich ab, dass sie auch in Hamburgs Speckgürtel gebraucht wird: 27 Wentorfer gehörten bereits zu ihren Klienten. "Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist Geesthacht jedoch von Wentorf nicht gut zu erreichen", sagt sie. Vier Ratsuchende sind seit September hinzu gekommen. In elf Fällen ist die Beratung mittlerweile abgeschlossen: durch einen Vergleich oder ein privates Insolvenzverfahren. Eine Beratung erstreckt sich meist über sechs bis 24 Monate.

"Wentorf wächst und entgegen aller Erwartungen auch der Bedarf an Schuldnerberatungen", bestätigt Heiko Steiner, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes im Kreis. Die Wentorfer Klientel spiegele die in anderen Beratungsstellen wider: alte und junge Menschen, Alleinstehende und Alleinerziehende. Auch die Gründe, warum Menschen in der Schuldenfalle landen, ähneln sich: Trennung, Arbeitslosigkeit, aber auch die erheblichen Nachzahlungen für steigende Energiekosten seien ein Problem. "Eine besondere Schwierigkeit gibt es zudem in Wentorf", betont Tiedemann: "Es gibt keine bezahlbaren Wohnungen mit anerkennungsfähigen Mieten." Die Ausgaben mit einer günstigen Wohnung zu senken, sei kaum möglich.

Bei Maria S. war die Trennung der Auslöser ihrer Sorgen. "Der Regelsatz für Alleinerziehende liegt bei etwa 350 Euro im Monat. Davon müssen sie alles bezahlen: Lebensmittel, Kleidung oder die Reparatur für die Waschmaschine", erläutert die Beraterin.

Das Erstgespräch dauert meist bis zu einer Dreiviertelstunde. Wichtig: Die Beratung ist kostenlos, die Mitarbeiter der Diakonie sind dem Datenschutz verpflichtet, behandeln also alle Informationen vertraulich. Tiedemann ist sehr zufrieden mit dem Büro der Gemeinde: "Ratsuchende können uns diskret im ersten Stock des Rathauses aufsuchen."

Bedingungen gibt es dennoch: Die Beratung soll Hilfe zur Selbsthilfe sein. Deshalb müssen Klienten sich auf ihren Termin vorbereiten. Tiedemann erläutert: "Sie sollten Einkommens- und Ausgabennachweise, wie Mietvertrag oder Steuerbescheide, mitbringen. Aber auch Vermögens- und Gläubigerunterlagen sind Beratungsgrundlagen."

Maria S. empfahl sie zuerst, sich mit dem Energieversorger in Verbindung zu setzen und bei der Arge ein Darlehen für rückständige Stromkosten zu beantragen. Gleichzeitig händigte sie der 34-Jährigen Anschreiben an die Gläubiger aus. So musste S. sich nicht den Kopf über Formulierungen zerbrechen. In der nächsten Sitzung erstellte Tiedemann mit der Wentorferin eine Übersicht: S. hatte unter anderem noch gemeinsame Schulden mit ihrem geschiedenen Ehemann aus dem Kredit einer Bank. Insgesamt ergab sich auf ihrem Konto ein Soll von etwa 15 000 Euro. Aufgrund ihres Einkommens entwickelte die Expertin ein Regulierungsangebot mit niedrigen Monatsraten. Dieser außergerichtliche Plan scheiterte allerdings. Deshalb beantragte Maria S. die Eröffnung eines Verbraucherinsolvenzverfahrens. In diesem Verfahren wird ihr ein Anwalt zur Seite gestellt. Tiedemann sagt: "Sie hat nach sechs Jahren die Chance, wieder auf eigene Füße zu kommen. Jetzt erleben gerade die Ersten, die vor sechs Jahren die damals neue Privatinsolvenz beantragt hatten, den Abschluss - meist wie eine finanzielle Wiedergeburt."

* Die nächste Beratung im Rathaus ist am Freitag, 23. Januar. Terminvereinbarung unter Telefon (041 52) 729 77.

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