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Zehn Jahre Hilfe für Sterbende und Trauernde

| Lesedauer: 5 Minuten
Frauke Maaß
Nadine Beyer, Trauerbegleiterin in Schwarzenbek, präsentiert Schildkröte Sammy. Mit ihr ist sie viel in Kitas und auch Pflegeheimen unterwegs.

Nadine Beyer, Trauerbegleiterin in Schwarzenbek, präsentiert Schildkröte Sammy. Mit ihr ist sie viel in Kitas und auch Pflegeheimen unterwegs.

Foto: Frauke Maaß (FMG) / BGZ

Sterbeammen begleiten todkranke Menschen durch die schwere Zeit. Nadine Beyer weiß aus eigener Erfahrung, wie sich Trauer anfühlt.

Schwarzenbek. Mit Trauer verbinden die meisten Menschen etwas Düsteres, Schwarzes. Ein dunkles Loch, in das Angehörige nach dem Verlust eines geliebten Menschen fallen. Nadine Beyer hingegen sagt „Trauer hat Farben. Sie ist bunt“. Nicht von ungefähr ist das Beratungszimmer der zertifizierten Sterbeamme in einem fröhlichen, hellen Grün gestrichen. Vor zehn Jahren hat die 49-Jährige das Sterbeammen-Netzwerk in Schwarzenbek gegründet. Seitdem berät und begleitet sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Heike Vetter Sterbende und Trauernde.

Es ist nicht nur ein Beruf für Nadine Beyer, eher eine innere Haltung. Vor 18 Jahren hat sie ihre Tochter im Alter von nur 13 Monaten verabschieden müssen. Nur wenig später bekam sie eine Krebsdiagnose. „Trauer kann krank machen“, hat die Erfahrung sie gelehrt. Sie suchte eine Möglichkeit für sich, mit ihrer Trauer und ihrer Angst umzugehen. Ihr Weg führte sie zu der Ausbildung an der Hamburger Sterbeammen-Akademie.

Die 49-Jährige kennt die Trauer aus eigener Erfahrung

Nadine Beyer weiß aus eigener Erfahrung, wie sich Trauer und Todesangst anfühlen. Und dennoch geht es ihr in ihrer Arbeit um viel mehr als nur um Mitfühlen. Das könnten auch Freunde und Verwandte leisten, sagt sie. Ihren Auftrag sieht sie vielmehr in der professionellen und individuellen Hilfe zur Selbsthilfe.

„Ich arbeite lösungsorientiert und möchte den Menschen Werkzeuge an die Hand geben, wie sie durch die Trauer hindurch gehen und wieder zurück ins Leben finden können beziehungsweise in ihr neues Leben.“ Denn das Leben, sagt sie, wird nach einem Verlust nie wieder so, wie es war. „Es kommt ein neuer Alltag, das kann auch eine Chance sein, aber das muss erst einmal begriffen werden.“

Trauerbegleitung ist an kein Alter gebunden

Zu ihr kommen Menschen nach einem kürzlichen Verlust, aber auch Menschen, die jemanden vor vielen Jahren verabschieden mussten und noch immer nicht die notwendige Trauerarbeit geleistet haben. Es sind junge Paare, die ein Kind in der Schwangerschaft verloren oder auch eine Abtreibung hinter sich haben.

Es sind Frauen, die zur Witwe wurden und so damit beschäftigt waren, die Kinder durch die Trauer zu begleiten, dass sie selbst auf der Strecke geblieben sind. Es sind alte Menschen, die sich wünschen, ihren Schmerz rauslassen zu können, sich aber manchmal schwer damit tun und unverrichteter Dinge gehen. Es sind auch Kinder, die dort in Kleingruppen Verlust und Schmerz ausdrücken.

Tabletten lösen die Probleme der Hinterbliebenen nicht

„Ich möchte traumatische Abschiede in heilsame verwandeln“, sagt Nadine Beyer. „Nach einem Verlust gehen viele zum Arzt und erhalten Tabletten. Aber Tabletten lösen das Problem nicht, denn Trauer ist keine Krankheit.“ Sie sei eine natürliche Reaktion von Körper und Seele nach einem schweren Verlust.

Sie arbeite daran, den Tod zu enttabuisieren. „Der Tod sollte Thema in Familien und unter den Generationen sein dürfen.“ Sie wünscht sich eine sinnstiftende Trauerkultur zurück, wie sie in anderen Ländern schon lang aktiv gelebt wird.

Trauer hat in der Pandemie eine zusätzliche Dimension bekommen

Die Pandemie hat ihre Arbeit verändert, aber sie ist nicht weniger geworden – im Gegenteil. Sie hat beobachtet, dass die Trauer durch die Pandemie häufig stärker geworden ist. Durch die fehlende Möglichkeit, im Krankenhaus oder Seniorenheim Abschied von Angehörigen zu nehmen. Weil Nähe und Austausch mit Freunden durch die Kontaktbeschränkungen nicht mehr möglich sind.

„Trauer wird kälter und schwerer empfunden.“ Das Überwinden und Verarbeiten langwieriger. Nadine Beyer möchte den Abschied nachholen – ein wichtiger Schritt, um loslassen zu können, was wichtig ist für einen Neuanfang. Und gleichzeitig müsse niemand die liebevolle Beziehung loslassen.

Hilfe in Einzelgesprächen, Kursen oder auf Spaziergängen

Die Sterbeammen bieten Einzelgespräche nach Voranmeldung in Präsenz oder digital, machen Hausbesuche sowie „Walk & Talk“, das heißt Spaziergänge, auf denen miteinander geredet wird. Darüber hinaus bieten sie Vorträge und Fortbildungen in Kitas, Schulen und Berufsschulen an. Auch Mitarbeiter von Pflegeeinrichtungen werden von den Sterbeammen im Umgang mit Trauer geschult.

Eine Sitzung von 90 Minuten Beratung kostet 60 Euro. Vier Beratungen sind im Schnitt notwendig, sagt Beyer. Für Menschen mit wenig Einkommen bietet der Verein „sterbeheilkunde e.V.“ unbürokratische Trauerhilfe und im Todesjahr zwei kostenfreie Beratungen durch eine zertifizierte Sterbeamme des Vereins.

Beratungspraxis für Trauerhilfe, Hamburger Straße 33, Schwarzenbek, www.sterbeammen-netzwerk.de, Terminabsprache und Information unter 04151/834 41 10.