Sorge ums Stadtzentrum

Innenstädte im Wandel: Von der Shoppingmeile zum Erlebnisort

| Lesedauer: 4 Minuten
Elke Richel
Das Kaufhaus Nessler gibt es in Geesthachts Innenstadt seit 1999.

Das Kaufhaus Nessler gibt es in Geesthachts Innenstadt seit 1999.

Foto: Matthias Reitenbach

Online-Handels lässt lokale Läden aussterben und führt zu trostlosen Stadtzentren. Online-Konferenz benennt Wege aus der Krise.

Schwarzenbek/Geesthacht. Im Juli vergangenen Jahres hatten sich Vertreter der Wirtschaftlichen Vereinigungen der Region mit dem Ziel getroffen, sich künftig besser zu vernetzten. Ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit war am Dienstagabend eine virtuelle Konferenz zu einem Thema, dass derzeit allen Kommunen auf den Nägeln brennt: „Was können und was sollen unsere Innenstädte in Zukunft leisten?“

Eingeladen hatten Doris Lehman, Vorsitzende der Wirtschaftlichen Vereinigung Schwarzenbek, und ihr Geesthachter Vorstandskollege Jürgen Wirobski. Insgesamt 35 Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung hatten sich zugeschaltet. Kern der Veranstaltung war ein Vortrag von Prof. Frank Schwartze von der TU Lübeck. Locker und keineswegs staubtrocken brachte der Experte für Stadtplanung seine Thesen vor.

Es geht in der Innenstadt um mehr als nur Handel und Konsum

„Früher gab es nur den Kampf zwischen der Innenstadt und der grünen Wiese. Inzwischen ist der Online-Handel ein weitaus größerer Aspekt“, sagte er. Dies sei unumkehrbar und es mache keinen Sinn, mit Einzelhandelskonzepten dagegen zu arbeiten.

„Der Leerstand wird noch größer, dagegen können Sie gar nichts tun“, appellierte Frank Schwartze. Sein Tipp: Die Eigentümer der freiwerdenden Flächen mit ins Boot holen.

Entwicklung zum Online-Handel lasse sich nicht umkehren

„Wenn Sie Leute fragen, was sie an einer Stadt vermissen, dann sind es vor allem Dinge, die in ihrer Erinnerung liegen. Geräusche und Gerüche eines bestimmten Ladens zum Beispiel. Dabei geht es gar nicht so sehr um den Konsum, sondern um die Identifikation mit dem Ort“, so seine These.

In Vorbereitung seines Vortrages hatte sich der Professor einige Einzelhandelskonzepte aus der Region angesehen. Sein Fazit: „Die meisten Waren, die für die Innenstadt als schützenswert erachtet werden, sind Produkte, die auch im Online-Handel am besten laufen. Diese Entwicklung lässt sich nicht umkehren“, ist er überzeugt. Man müsse also einen Weg finden, die Innenstädte zu Identifikationsorten zu machen. Dabei ginge es um mehr als Handel und Konsum.

Kleine Manufakturen und Produktionen bereichern Innenstädte

Schwartze geht in seiner Forschungsarbeit davon aus, dass Stadtplaner künftig den Fokus mehr auf Ambiente und Erlebnismöglichkeiten setzen werden. Er formulierte es so: „Schönheit gewinnt, Funktion verliert“.

Auch das Thema Arbeit spiele in der Innenstadt künftig mehr eine Rolle – und zwar nicht nur als Bürotätigkeit, sondern auch als kleinteilige Produktion. „Kleine Manufakturen zum Beispiel sind nicht nur für den Konsum da, sondern schaffen auch einen Erlebnisraum.“

Politik und Verwaltungen haben Innenstädte bereits im Blick

Seine Überzeugung: „Eine moderne Innenstadt lebt von Aufenthaltsqualität. Es muss Spaß machen, in die Stadt zu gehen. Einkaufen wird dabei immer mehr in den Hintergrund rücken. Dann warf er eine gewagte Frage in den virtuellen Raum: „Warum soll es im Stadtzentrum nicht zum Beispiel einen Beachvolleyballplatz geben?“

Zugeschaltet zur Zoom-Konferenz hatten sich nicht nur Vertreter aus Politik und Wirtschaft, auch einige Bürgermeister wollten sich die Anregungen des Experten nicht entgehen lassen. Geesthachts Bürgermeister Olaf Schulze meldete sich augenzwinkernd aus der „südlichsten Stadt des Landes“. Denn aus Lauenburg hatte sich trotz Einladung kein Vertreter zugeschaltet.

Geesthachter Fußgängerzone soll „Wohnzimmer unserer Stadt“ sein

„Unsere Fußgängerpassage ist das Wohnzimmer unserer Stadt“, hatte Schulze im Jahresinterview mit unserer Zeitung gesagt. Es seien Plätze geschaffen worden, auf denen man sich treffen kann. Der Fokus werde künftig darauf liegen, Gastronomie, Handel und Kultur harmonisch miteinander zu verbinden. „Das ist uns schon ganz gut gelungen, aber wir müssen weiter darüber nachdenken. Wer sich mit dem Erreichten zufrieden gibt, geht rückwärts“, sagte der Verwaltungschef.

Der neue Schwarzenbeker Bürgermeister Norbert Lütjens hatte die Innenstadtentwicklung und die Wirtschaftsförderung bereits im Wahlkampf zur Chefsache erklärt. „Wir müssen zugeben, unsere Innenstadt ist nicht sexy“, räumte er ein. Allerdings hätte er in den ersten Monaten nach seinem Amtsantritt die Erfahrung gemacht, dass in Schwarzenbek viele an einem Strang ziehen, um das zu verändern. Das Argument „Leere Kassen“ dürfe es bei der Innenstadtentwicklung nicht geben.