Gewalt

Frauenberatungen: Corona lässt familiäre Krisen eskalieren

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Stefan Huhndorf
Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen (gestellte Szene). In Corona-Zeiten spitzt sich in Partnerschaften und Familien manche Situation gefährlich zu, haben Beraterinnen viel zu tun. Foto: dpa

Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen (gestellte Szene). In Corona-Zeiten spitzt sich in Partnerschaften und Familien manche Situation gefährlich zu, haben Beraterinnen viel zu tun. Foto: dpa

Foto: dpa

Homeoffice, Homeschooling und Kurzarbeit sind ein gefährliche Mix, der in häuslicher Isolation zu einer Explosion der Gewalt führen kann.

Schwarzenbek. „Eine Trennung ist der gefährlichste Augenblick im Leben einer Frau“, sagt Sabine Wöhl von der kreisweiten Beratungsstelle Frauen helfen Frauen in Schwarzenbek. In Corona-Zeiten wächst der Bedarf, manche Situation in Familien spitzt sich zu. Wenn sonst schon der „Haussegen schief hing“ und es Streit gab, eskaliert die Situation durch die Enge, Kontaktbeschränkungen, Isolation, Homeoffice, Homeschooling, Kurzarbeit und nicht zu vergessen, die finanziellen Probleme, die durch den Lockdown entstehen.

„Schon beim ersten Lockdown ab März 2020 hat der Bedarf an Beratung im Bereich Trennung und Scheidung deutlich zugenommen“, sagt die Frauenberaterin. Im vergangenen Jahr haben die drei Mitarbeiterinnen des Vereins Frauen helfen Frauen 439 Klientinnen betreut — 65 mehr als 2019. Insgesamt gab es 1372 sogenannte Beratungskontakte. Darunter sind allerdings diverse Mehrfachnennungen. „Mitunter konnten wir einer Hilfe suchenden Frau nach einem Gespräch helfen, manchmal waren aber auch bis zu sieben Termine erforderlich“, erläutert Sabine Wöhl.

Beratungsbedarf von Frauen steigt während der Pandemie

Corona lässt seit Langem schwelende Konflikte eskalieren, so die Erfahrung der Beraterinnen. So können sich Partner nicht mehr so aus dem Weg gehen, weil Freizeitaktivitäten und oft auch der Kontakt zu Freunden fehlen. Durch die Enge nehme die häusliche Eskalation zu. „Wir erleben es immer öfter, dass eine Frau zum Beratungstermin bereits mit gepackter Tasche und ihren Kindern an der Hand bei uns vor der Tür steht. Deshalb brauchen wir auch Platz in den Frauenhäusern und greifen auch auf Hotelzimmer zurück“, sagt Sabine Wöhl. Rund 40 Prozent der Hilfesuchenden sind Frauen mit Migrationshintergrund.

Ein Problem durch die Corona-Pandemie für diese Personengruppe besteht unter anderem darin, dass der „Überwachungsdruck“ durch die dominanten Ehepartner steigt und auch die Gewalt wächst. Da Frauen aus Flüchtlingsfamilien oft mehrere Kinder haben, wächst der Bedarf an Plätzen in den Frauenhäusern der Landes.

Gewalttätige Männer werden in Obdachlosenunterkünfte eingewiesen

„Oft versuchen die Frauen auch, bevor sie zu uns kommen, eine Wohnung zu finden. Das ist angesichts der Wohnungsnot schwierig. Aber das Problem gibt es auch bei sogenannten Wegweisungen von gewalttätigen Männern durch die Polizei. Zu Beginn der Corona-Krise wusste man einfach nicht, wo sie hin sollten. Mittlerweile haben die Kommunen reagiert und weisen gewalttätige Männer in Obdachlosenunterkünfte ein“, so Sabine Wöhl.

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Das Land hat schon beim ersten Corona-Lockdown reagiert und zusätzliche Plätze in de Frauenhäusern bereit gestellt. Seitdem hat das einzige Frauenhaus des Kreises Herzogtum Lauenburg in Schwarzenbek 20 Plätze – 14 in einem seit mehreren Jahren angemieteten Gebäude im Stadtgebiet der Europastadt und sechs weitere in einer großen Wohnung. Im Juli stellte Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) weitere 500.000 Euro für die Anmietung zusätzlicher Plätze zur Verfügung.

Eine bessere Beratung per Telefon oder Video

„Auch in diesem Jahr stehen rund 350.000 Euro zur Verfügung. Damit können die Möglichkeiten einer Beratung per Telefon oder Video verbessert, das Beratungsangebot insgesamt erhöht oder zusätzliche Schutzplätze für von Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder vorgehalten werden“, so Sütterlin-Waack. Das Paket sieht unter anderem vor, dass die vorübergehende Einrichtung von zusätzlichen Schutzplätzen für sogenannte Hochrisikofälle möglich ist, die bei den meist voll belegten Frauenhäusern nicht untergebracht werden können. „Die Schaffung von bis zu 16 Plätzen ist möglich.

Die Verteilung kann von den Kreisen und kreisfreien Städten in eigener Verantwortung erfolgen“, erläutert Ministeriumssprecher Dirk Hundertmark. Außerdem ist eine Ausweitung des Beratungsangebotes durch die Frauenberatungsstellen von bis zu zehn Stunden pro Woche möglich. „Diese Möglichkeit werden wir nutzen. Bislang haben wir die Mehrarbeit dadurch aufgefangen, dass wir keine Prävention und Öffentlichkeitsarbeit in der Pandemie machen konnten. Aber jetzt benötigen wir zusätzliche Beratungsstunden. Aktuell leisten wir mit unseren drei Beraterinnen 80 Wochenstunden“, erläutert Sabine Wöhl.

Wo können Betroffene Hilfe bekommen?

  • Hier gibt es Hilfe: Betroffene bekommen in den Schleswig-Holsteinischen Frauenfachberatungsstellen Unterstützung, momentan durch telefonische Beratung. Rund um die Uhr ist das bundesweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen unter 0800/011 60 16 erreichbar. Die Beratung ist kostenlos und kann in 17 Sprachen erfolgen. Eine weitere Möglichkeit Hilfe zu bekommen, ist das Kinder- und Jugendtelefon (0800/111 03 33) oder die Erziehungsberatung in Schwarzenbek (04151/51 65) sowie der Verein Frauen helfen Frauen (04151/8 13 06). Frauenberaterin Sabine Wöhl empfiehlt Frauen in Not auch, in Notfällen, Nachbarn auf sich aufmerksam zu machen und die Polizei zu informieren.