Schwarzenbek

Neues Dach für das jüngste Denkmal der Stadt

Dachdeckermeister Andreas Peters (l.) und Winfried Kober (ID Plus) auf dem Gerüst.

Dachdeckermeister Andreas Peters (l.) und Winfried Kober (ID Plus) auf dem Gerüst.

Foto: Marcus Jürgensen

Seit einen Jahr steht das 1912 erbaute „Doktorhaus“ in Schwarzenbek unter Denkmalschutz – auf Antrag seiner Besitzer.

Schwarzenbek. Als Unternehmer Winfried Kober (ID Plus) vor einem Jahr die Denkmalpflege des Kreises aufsuchte und um die Eintragung seiner Firmenimmobilie als geschütztes Baudenkmal bat, war man in Ratzeburg verwundert. Tatsächlich kommt es nicht oft vor, das Hausbesitzer so einen Antrag stellen, weil mit der Unterschutzstellung zahlreiche Auflagen verbunden sind. Auf die Frage warum er das stadtbekannte alte „Doktorhaus“ als Denkmal angemeldet
habe, antwortet Kober jedoch schlicht: „Weil es eines ist.“

Denkmalschutz sichert Bestand des Hauses auf Dauer

Darin ist er sich mit Ehefrau Anja Kober, Chefin der Immobilienverwaltungsfirma ID Nord, die ebenfalls an der Lauenburger Straße 18 ihren Sitz hat, einig: „Es ist quasi eine Selbstverpflichtung: Auch wenn wir das Haus eines Tages verkaufen, kann es nicht abgerissen und das Grundstück mit neuen Wohnhäusern bebaut werden.“ Das war nämlich 2009 eine Option, als Kobers das Haus drei Jahre nach der Gründung ihrer Immobilienfirma erwarben: Jutta Mützelfeldt, Urenkelin des Erbauers Dr. Gustav Frank (1852–1931), hatte zuvor vergeblich versucht die Villa mit der angegliederten Arztpraxis, in der sie mit einer Pflegerin lebte, zu verkaufen. Letztlich ist es dem damaligen Wirtschaftsförderer Andreas Thiede zu verdanken, dass die Villa heute noch steht: Er hatte die Kobers, deren Büros damals noch in der Alten Meierei waren, auf das Kleinod aufmerksam gemacht.

Dass jetzt ein neues Dach erhält: Nach 108 Jahren ist es an der Zeit, die tönernen Dachpfannen, die an einigen Stellen schon einmal ausgetauscht wurden, zu erneuern. Mit Dachdeckermeister Andreas Peters aus Valluhn/Gallin in Mecklenburg hat Kober einen Handwerker gefunden, der ähnliche Dächer schon öfter saniert hat. „Wir machen derartige Arbeiten etwa alle zwei Jahre, wobei nicht jedes Haus unter Denkmalschutz steht.“ Für die etwa
700 Quadratmeter Dachfläche mit Giebeln, Fledermaus- und Schleppgauben hat Peters etwa acht Wochen Bauzeit berechnet.

700 Quadratmeter S-Pfannen kommen neu aufs Dach

In Abstimmung mit der Denkmalpflege wird das Dach wieder mit einer roten S-Pfanne (wegen der charakteristischen Form) aus Ton gedeckt. Damit sich das Bild bei
der Draufsicht von unten nicht von den alten Pfannen unterscheidet, kommt die Achat-Pfanne von Braas zum Einsatz, die an der Unterkante einen speziellen Gratschnitt hat, der sich an alten Pfannen orientiert. Einziger Unterschied: Die neuen Pfannen verfügen über Falz und Nut, werden ineinander gelegt und brauchen dank Unterspannbahn nicht mehr wie früher mit Mörtel verstrichen werden.

Knapp 180.000 Euro kostet die Neueindeckung samt Dachlattung, Unterspannbahnen sowie neuen Kehlbrettern, Ortgangverkleidungen und Dachrinnen, die allesamt grün gestrichen werden müssen – als Kontrast zum Rot der Ziegel und dem Weiß der Fensterrahmen. Damit ist das Haus aber auch für die nächsten 60 Jahre gerüstet, so Peters: „Betonpfannen halten 25 bis 30 Jahre, Tonpfannen mindestens 60 Jahre, aber oft auch länger.“ Dabei komme es weniger auf den Brand als vielmehr auf die Qualität und Mischung des Tons an, so der Experte: Weise ein Dachziegel Schäden auf, war oft im Ton ein Fehler. Das betreffe aber zumeist nur einzelne Pfannen, die dann ausgetauscht werden können.

Arzt baute das Haus als Wohnort und Praxis für seinen Sohn

Als Dr. Gustav Frank, Namensgeber der neben seinem Haus von der Lauenburger Straße abzweigenden Stichstraße, 1877 nach Schwarzenbek kam, hatte er bereits eine Stelle in Berlin sicher. In der damals knapp 700 Seelen zählenden Gemeinde, die als „Gartendorf des Sachsenwaldes“ gerade einen Aufschwung als Ausflugsort nahm, sollte Frank nur den alten Dr. Franck vertreten.

Als dieser starb, ließ Frank Berlin sausen, blieb und übernahm die Praxis an der Lauenburger Straße 18. Als sich Dr. Gustav Frank 1912 zur Ruhe setzte und sein Sohn Walter die Praxis weiterführte, zog er in ein neues Domizil, das sein Vater anstelle des alten Arzthauses errichten ließ. Bereits 1911 hatte der Bardowicker Architekt Wilhelm Matthies den Auftrag für die repräsentative Villa erhalten. Matthies hatte bereits 1904 in Schwarzenbek für den damaligen Tierarzt Neumann ein Haus entworfen.

Matthies entwarf das Haus im damals von vielen Architekten bevorzugten Heimatschutzstil, bei dem die natürlichen Eigenschaften des Baumaterials im Vordergrund stehen, und orientierte sich zudem an englischen Landhäusern. 1915 wurde das Haus in der Zeitschrift „Bauwelt“ als ein „vorbildliches Haus für einen Landarzt“ bezeichnet.

Mediziner Lutz Lehmann ist in Neubau am Markt gezogen

Generationen von Schwarzenbekern wurden dort behandelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg stiegen Franks Schwiegersöhne Hermann Wellein und Rudolf Reichel in die Praxis ein. „Die erste Gemeinschaftspraxis im Land“, erinnerte sich Mützelfeldt zum 100. Geburtstag des Hauses vor acht Jahren. „Es gab damals eine Köchin, ein Zimmermädchen, ein Kinderfräulein, einen Gärtner und einen Kutscher, der später Chauffeur wurde und das Auto auch reparierte“, so die Urenkelin.

Der Mediziner Lutz Lehmann, der damals noch die Praxisräume nutzte, ist mittlerweile in den Neubau am Markt 6 umgezogen. Damit hat der letzte Arzt das „Doktorhaus“ verlassen, in dessen Keller vor 105 Jahren auch die „Sanitätskolonne“ als Vorläufer des heutigen DRK-Ortsvereins gegründet wurde. In den ehemaligen Praxisräumen ist jetzt Winfried Kober mit der Immobilienfirma ID Plus eingezogen.