Städtepartnerschaft als Friedensarbeit

Von Marcus Jürgensen

Schwarzenbek.
Er ist der einzige Ehrenbürger der Stadt: Hans Koch (1909-1993) war als Bürgermeister nicht nur für die Stadtwerdung (1953) des Ortes zuständig, sondern sorgte auch dafür, dass Schwarzenbek seinen Beinamen "Europastadt" (1961) erhielt. Eine Auszeichnung für die europäische Versöhnungsarbeit, die Koch nur zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begonnen hatte und deren 60-jähriges Bestehen am letzten Augustwochenende gefeiert wird. Stadtarchivarin Dr. Anke Mührenberg hat im Vorfeld des Verbrüderungsfestes Kochs Leben erforscht.

Geboren wurde Hans Koch am 12. September in Neuruppin. Als er 1930 in die Neuruppiner Verwaltung eintrat, galt der damals 21-Jährige als jüngster Kommunalbeamter Preußens. 1934 wechselte er als Verwaltungsinspektor nach Schulzendorf bei Teltow und 1938 in die Reichstheaterverwaltung in Berlin, bevor er zum Ende des Zweiten Weltkriegs noch zum Militärdienst eingezogen wurde. 1945 kam der damals 35-Jährige in den Kreis Herzogtum Lauenburg und wurde sofort Bürgermeister von Sandesneben. Der nächste Beleg stammt aus dem Jahr 1947: Koch wird Leiter des Kreissozialamtes in Ratzeburg und Kreisflüchtlingskommissar.

Mührenberg hat nun Hinweise gefunden, was in der Zwischenzeit mit Schwarzenbeks späterem Bürgermeister geschehen ist: "Er wurde entnazifiziert." Die britische Besatzungsmacht hatte zunächst schnell Fachleute anstelle der Nazis in den Verwaltungen eingesetzt. "Dann lief die Maschinerie an", so die Archivarin: Soldaten, Lehrer und Verwaltungsfachleute mussten zunächst Fragebögen ausfüllen und wurden danach von den Briten interviewt. Mührenberg geht davon aus, dass Koch wie viele andere Deutsche zur Entnazifizierung im Lager Neuengamme interniert war. Fest steht: Er wurde Ende 1946 als unbelastet entlassen.

Bis 1950 bleibt Koch bei der Kreisverwaltung, bewirbt sich dann auf das Bürgermeisteramt in Schwarzenbek: Der Ort, dessen Bevölkerungszahl sich durch den Zustrom von Flüchtlingen auf fast 7000 Menschen verdreifacht hatte, war aus dem Amtsverband ausgeschieden und brauchte eine hauptamtliche Verwaltung. Koch wird Bürgermeister und bleibt es 24 Jahre.

1950 lag die Arbeitslosenquote bei 22 Prozent, stieg bis zum Jahresende auf 30 Prozent an. Die Firma Bauer & Schaurte, in der Kriegs- und Vorkriegszeit größter Arbeitgeber im Ort, hatte geschlossen und suchte per Makler einen Käufer für die Immobilie an der Grabauer Straße. Koch schrieb selbst zahlreiche Unternehmen an: 1951 zeigte die Firma Wilhelm Fette aus Hamburg-Altona Interesse. Ein Jahr später nahm Fette (heute LMT-Group) die Produktion in Schwarzenbek auf. 1953 erhält Schwarzenbek die Stadtrechte: Koch schreibt für die Festlichkeiten ein Theaterstück und übernimmt darin die Rolle des Amtmanns Compe. Eine französische Wirtschaftsdelegation, die gerade Fette besucht, sieht sich das Stück an und regt eine Städtepartnerschaft an.

"Er springt auf diesen Zug auf und erkennt, was für eine Bedeutung dies hat: Die Verbrüderungsarbeit war für Hans Koch vor allem auch eine Friedensarbeit", sagt Mührenberg. 1955 feiert die ganze Stadt das erste Verbrüderungsfest: Hans Koch und seine Amtskollegen Joseph Chalmet (Zelzate), Marcel Molle (Aubenas) und Eli Zwissig (Sierre) reichen sich zehn Jahre nach Kriegsende auf dem alten Markt feierlich die Hände zum Verbrüderungsschwur. "Durch den Kontakt entstand zwischen den Bürgermeistern eine Freundschaft", weiß Mührenberg.

Beim Fest war die ganze Stadt - auch mangels Alternativen an Vergnügungsmöglichkeiten - auf den Beinen. Doch auch danach versuchte Koch, der auch Kreisvorsitzender der Europa-Union war, möglichst viele Menschen einzubinden: Jugendliche erhielten einen Zuschuss für die organisierten Fahrten in die Partnergemeinden. "Schwarzenbek war damals in aller Munde. Sogar der Spiegel berichtete über die Stadt, und Politiker aus Bund und Land gaben sich hier die Klinke in die Hand", sagt Mührenberg. Der Lohn: 1961 gab es zum Europapreis den Titel "Europastadt" - bis heute als einzige Stadt im Norden.