Wettbewerb

Schülerin aus Geesthacht begeistert Ausstellungs-Jury

| Lesedauer: 4 Minuten
Dirk Palapies
Schülerin Jennifer Lerchner (18) vom OHG überzeugte eine Ausstellungs-Jury mit ihrem meisterhaften Foto. Sie inszenierte mit einem jungen Migranten seine Zukunftsträume.

Schülerin Jennifer Lerchner (18) vom OHG überzeugte eine Ausstellungs-Jury mit ihrem meisterhaften Foto. Sie inszenierte mit einem jungen Migranten seine Zukunftsträume.

Foto: Dirk Palapies

Die 18-jährige Jennifer Lerchner fotografiert für ein bundesweites Projekt über Integration aus Afghanistan geflüchteten Jungen.

Ein Junge steht vor einer getünchten Wand. Es mag ein Labor sein, im Vordergrund des Bildes befindet sich ein Mikroskop. Der Junge ist erst zwölf, sieht aber deutlich reifer aus. Ob es an der langen, gefährlichen Flucht aus Afghanistan liegt, die er hinter sich hat? Oder am weißen Kittel, den er trägt, und der an einen Arzt denken lässt? Nasar balanciert auf den Fingerspitzen einen Totenkopf, blickt dem Schädel nachdenklich und forschend direkt ins bleiche Gesicht.

Wanderausstellung präsentiert die Werke von 15 jungen Künstlern

Es ist eine Szene wie aus William Shakespeares Drama „Hamlet“, die Jennifer Lerchner fotografiert hat. Die Schülerin des Otto-Hahn-Gymnasiums in Geesthacht begeisterte mit ihrem Bild die Jury des Wettbewerbs „Mit­ein­ander. Integration gestalten“. Als eine von bundesweit nur 15 jungen Künstlern ist sie in der Wanderausstellung mit den ausgewählten Werken zu sehen. Ab 7. Juni ist die Ausstellung für zwei Wochen im Otto-Hahn-Gymnasium am Neuen Krug aufgebaut. Wegen der Pandemie haben allerdings nur Schulangehörige Zutritt.

Pech für die 18-Jährige, der nur noch die mündliche Prüfung zum Abitur fehlt. Bereits die große Eröffnungsveranstaltung im Frühjahr in Berlin, wo Jennifer Lerchner Gast gewesen wäre, musste wegen Corona abgesagt werden.

Nach dem Abitur möchte die 18-Jährige Psychologie studieren

Initiator des Projektes ist die Zeitbild-Stiftung, gefördert durch den Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds der Europäischen Union.

Als Jennifer Lerchner und Nasar sich am 18. Februar 2020 erstmals trafen, war von der Teilnahme an einem bundesweiten Projekt noch keine Rede. Für eine Klausurersatzleistung sollten sich die Schüler aus dem Kunstkursus von Heike Teske mit Integration beschäftigen. Am OHG gibt es „DaZ“-Klassen. Das heißt „Deutsch als Zweitsprache“. Sie werden von Schülern wie Nasar besucht, die eingewandert sind. Mit diesen Kindern und Jugendlichen wurden zunächst Interviews geführt über ihre Ziele und Träume, anschließend künstlerisch visualisiert.

Foto zeigt jungen Afghanen als Arzt und Wissenschaftler

Jennifer Lerchner trifft sich mit Nasar, plaudert über Videospiele, Bücher und Sport, Döner, Burger und Pizza. Dann wendet sich das Gespräch. Nasar erzählt, dass er nach Deutschland gekommen ist, weil in seiner Heimat Krieg herrscht. Seine Eltern und sein Bruder sind mit ihm geflohen. Seine Schwestern auch. „Die habe ich verloren“, berichtet er stockend. Darüber möchte er nicht erzählen.

Jennifer Lerchner erfährt, dass Nasar studieren will, um Arzt zu werden. Weil er so viel Not gesehen habe und Menschen helfen möchte. „Wie möchtest du fotografiert werden?“, fragt Jennifer Lerchner. „Wir können deine Vergangenheit zeigen oder deine Zukunft?“ Nasar zögert nicht. Er plädiert für die Zukunft. Und so entstand das Foto, das ihn als jungen Arzt und Wissenschaftler zeigt, der zum Wohle der Menschheit forscht. Im Biologiebereich des OHG durften die beiden Requisiten nutzen, etwa das Skelett aus dem Anatomieunterricht.

Schüler porträtieren Menschen, die über Integration berichten möchten

„Ich mag Fotografie“, sagt Jennifer Lerchner. „Bei Familienfesten bin immer ich die Fotografin.“ „14 Punkte hat sie dafür bekommen“, erinnert sich Heike Teske.

Ein Wettbewerbsbeitrag wurde erst im Herbst daraus. „Bei mir landen die Informationen über viele Wettbewerbe auf dem Schreibtisch“, sagt Schulleiterin Kirsa Siegemund. „Bei dem habe ich sofort gewusst: Das ist was für unsere Schule.“ Zumal die Aufgabe exakt dem entsprach, was der Kursus von Heike Teske bereits erarbeitet hatte. „Schülerinnen und Schüler recherchieren und porträtieren Menschen, die über ihre Erfahrungen mit Integration berichten möchten“, hieß es zu der Anforderung.

Jennifer Lercher will nun Psychologie studieren

Unterlagen und Foto wurden im Dezember digital eingereicht, im März kam die E-Mail über den Erfolg. Heike Teske: „Das habe ich sofort Jennifer geschrieben.“ Die zeigte sich sehr überrascht. „Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.“ Nasar, der nun eine Schule in Wentorf besucht, wurde natürlich auch informiert. Seine Familie und er sind ebenfalls sehr stolz.

Das Interview war auch für Jennifer Lerchner wegweisend. So wie Nasar Arzt werden möchte, weil er viel Leid gesehen hat, so will die angehende Abiturientin nun Psychologie studieren, um Menschen zu helfen, die traumatisiert sind.

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