Spendenaktion

Geesthachter Gastronom kocht in der Krise für Bedürftige

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Elke Richel
Der Geesthachter Gastronom Rahul Kapur (3. v. l.) beim Verteilen seiner Mahlzeiten am Hamburger Hauptbahnhof. Etwa 250 Portionen Curry hatte er zuvor in seinem Restaurant zubereitet

Der Geesthachter Gastronom Rahul Kapur (3. v. l.) beim Verteilen seiner Mahlzeiten am Hamburger Hauptbahnhof. Etwa 250 Portionen Curry hatte er zuvor in seinem Restaurant zubereitet

Foto: Privat

Rahul Kapur kam einst als Flüchtling nach Deutschland. Jetzt hilft er trotz Corona-Sorgen in Hamburg mit warmen Mahlzeiten.

Geesthacht. „Ja, ich bin verzweifelt, da muss man gar nicht drumherumreden“, sagt Rahul Kapur. Dem Inhaber des Restaurants Namaste an der Rathausstraße in Geesthacht geht es wie den meisten Gastronomen in der Corona-Krise: Das Wasser steht ihm bis zum Hals und er weiß nicht, wie lange er wirtschaftlich noch durchhalten kann. Aber aufgeben?

Das kommt für den 33-Jährigen trotzdem nicht infrage. „Das sind Luxusprobleme. Ich habe genug Essen, eine warme Wohnung und eine tolle Familie“, zählt er auf. Und weil das so ist, könne er noch immer abgeben von dem, was er hat.

Geesthachter Gastronom verteilt Essensspenden in Hamburg

Bei Rahul Kapur sind das keine leeren Worte. Am vergangenen Wochenende stand er wieder am Hamburger Hauptbahnhof, um insgesamt 250 Essensportionen zu verteilen.

Mit ein paar Helfern hatte er zuvor in seinem Geesthachter Restaurant Reis, Spinat, Kichererbsen und die typisch indischen Gewürze zu einem duftenden Curry verarbeitet, genauso liebevoll, wie er im Restaurant normalerweise für seine Gäste kocht. Wie viel Geld er für die Aktion ausgegeben hat, will er nicht sagen. „Das spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass die Gabe von Herzen kommt“, sagt er.

Ein Satz seines Vaters prägt seine ganzes Leben und Handeln

Dass das Leben einem Menschen übel mitspielen kann, das weiß Rahul Kapur nicht nur vom Hörensagen. Als er sechs Jahre alt war, kam er mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder aus Afghanistan nach Deutschland. „Meine Familie gehörte dort zur indischen Minderheit. Es blieb uns in dieser Zeit kein anderer Ausweg als die Flucht. Wir hatten nichts als das, was wir auf dem Leib trugen“, erzählt er.

Das Flüchtlingsheim in Lübeck erschien dem kleinen Rahul damals wie der Eintritt ins Paradies. „Fremde Menschen schenkten mir nagelneue Jeans und Schokolade. Ich habe noch heute den Duft in der Nase“, sagt er. Und er wird nie vergessen, was sein Vater zu ihm sagte: „Was du Gutes tust, kommt zu dir zurück.“ Kann ein einziger Satz das ganze Leben prägen?

Der Sohn führt das Restaurant des Vaters weiter und ist stolz darauf

Rahul Kapur ist davon überzeugt, dass ihm der Vater mit seinem Vorbild in die richtigen Bahnen gelenkt hat. Vor allem dessen Wille, das Glück selbst in die Hand zu nehmen. „Er sagte immer: Sohn, wir haben die Chance, ein neues Leben aufzubauen. Jeder Tag ist ein Neuanfang.“

Komar Kapur, der als Küchenhilfe in Deutschland begann, eröffnete im Jahr 2007 in Geesthacht das Restaurant Namaste, damals noch am Buntenskamp. Rahul Kapur ist stolz darauf, das Werk seines Vaters weiterzuführen.

Vorbild für die Spendenaktion sind die gläubigen Sikhs in Indien

Trotz seines jungen Alters hat Rahul Kapur eine Erfahrung immer wieder gemacht: „Anderen Menschen eine Freude zu machen, gibt mir ganz viel Energie“, sagt er. Bei einem seiner Besuche in Indien hat er den goldenen Tempel der gläubigen Sikhs besucht. Dort werden täglich bis zu 100.000 Mahlzeiten gekocht und kostenlos ausgegeben.

„Die Idee ist, beim gemeinsamen Essen sind alle Menschen gleich, egal ob Bettler oder Geschäftsmann. Wer beim Zubereiten der Mahlzeiten hilft, reinigt sein Karma“, erzählt er. Als er von der Spendenaktion der Hamburger Sikh-Gemeinde hörte, war er sofort Feuer und Flamme.

„Da sind Menschen, deren leerer Blick sich plötzlich mit Tränen füllt“

Seitdem verteilt der Geesthachter einmal im Monat am Hauptbahnhof seine Köstlichkeiten. Manche dieser Begegnungen verfolgen ihn bis in die Nacht. „Da sind Menschen, deren leerer Blick sich plötzlich mit Tränen füllt. Ich frage mich, welche Geschichte steckt hinter dieser Hoffnungslosigkeit.“

Doch dann erinnert er sich daran, wie er sich fühlte, als diese fremde Frau ihm, dem Flüchtlingskind, eine Tafel Schokolade schenkte. „Ich wünsche mir, dass wenigstens einer dieser Menschen auch das Gefühl bewahrt, nicht allein zu sein“, sagt er.

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