Tierschutz

Warum Tierheime ums finanzielle Überleben kämpfen

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Dirk Palapies
Ein Herz nicht nur für Hunde: Tierheimleiterin Julia Madloch (l.) und Mitarbeiterin Linnéa Karstan vermitteln Tiere auch während des Lockdowns in ein neues Zuhause. 

Ein Herz nicht nur für Hunde: Tierheimleiterin Julia Madloch (l.) und Mitarbeiterin Linnéa Karstan vermitteln Tiere auch während des Lockdowns in ein neues Zuhause. 

Foto: Dirk Palapies

Geesthachter Tierschutzverein fordert mehr Geld für Unterbringung von gefundenen Tieren. Geschichte der Hündin „Happy“ bewegt.

Geesthacht. „Happy“ hat noch einmal Glück gehabt. Die Hündin wurde vor einem halben Jahr schwer verletzt am Fuß der Schleusenbrücke unterhalb der B 404 in Richtung Lüneburg aufgefunden. Womöglich war die wegen ihrer Verletzungen nicht mehr zu identifizierende Hündin als Streuner von der Brücke gefallen, aber Sarah Kubisch hat einen anderen Verdacht. Sie wurde aus dem Auto geworfen, glaubt die Vorsitzende des Vereins Tierschutz Geesthacht und Umgebung. Und dann ihrem Schicksal überlassen.

Das meinte es schließlich gut mit der freundlichen Hündin. „Happy“ wurde zeitnah entdeckt, die Tierschützer nahmen sie in Obhut. Erst ging es als Notfall in die Tierklinik nach Lüneburg, später ins Tierheim nach Geesthacht. Im März wird „Happy“ von ihrer Pflegefamilie übernommen. 5000 Euro hat die Tierschützer die Behandlung mit mehreren Operationen gekostet. Die Vermittlungsgebühr beträgt 300 Euro.

Viele Tierheime kämpfen ums finanzielle Überleben

Solche Diskrepanzen – nicht nur in Geesthacht – zwischen dem finanziellen Einsatz und dem Erlös sind es, die Sarah Kubisch verzweifeln lassen. „Jedes zweite Tierheim in Deutschland steht kurz vor der Insolvenz“, sagt sie. „Die Städte, Gemeinden und Kommunen müssen endlich ihrer kommunalen Pflichterfüllung nachgehen.“

Kubisch beziffert die Gesamtkosten des von den Tierschützern betriebenen Tierheims auf 220.000 bis 250.000 Euro im Jahr. Daran beteiligen sich die Stadt Geesthacht mit 51.000 Euro, Lauenburg mit 25.000 Euro und das Amt Hohe Elbgeest mit 15.000 Euro, die Gesamtsumme macht etwa 36 bis 41 Prozent der Jahresunkosten aus. „Viel zu wenig“, sagt Sarah Kubisch. „Wir müssen permanent ums Überleben kämpfen.“

Gesetzeslage beim Thema "Tierfund" ist schwierig

Sie hat nun die drei Verwaltungen angeschrieben, will eine höhere Erstattung erreichen. „Was mache ich den ganzen Tag? Zuschüsse generieren, Kosten reinkriegen. Wenn die Finanzierung zu 100 Prozent erfolgen würde, hätte wir viel mehr Zeit für den Tierschutz.“

Die Gesetzeslage ist ein wenig verzwickt. Ein gefundenes Tier unterliegt dem Fundrecht, würde also ins Fundbüro gehören. Aber die Tierschutzhürden sind hoch, gefordert werden unter anderem entsprechende Räumlichkeiten und sachkundiges Personal. Also kommen Fundtiere ins Tierheim, das per Vertrag die kommunale Pflichterfüllung übernimmt. Der Träger hat gegen die Gemeinde einen Aufwendungsersatzanspruch für Futter, Pflege und Medikamente, Tierarzt und Fachpersonal.

155 Tiere kamen im vergangenen Jahr ins Geesthachter Tierheim

Richtig teuer für die Tierheime wird es dann nach vier Wochen. Wenn sich bis dahin kein Besitzer meldet, gehen Fundtiere in den Status „herrenlos“ über. Sie fallen nicht mehr unter das Fundrecht, die Kommunen sind damit raus aus der Kostenerstattungspflicht. Weil aber das Eigentum an einer gefundenen Sache erst mit Ablauf von sechs Monaten nach der Anzeige des Fundes erworben werden kann, beherbergt das Tierheim nun mindestens bis zum Ablauf dieser Frist ein Tier, welches nicht sein Eigentum ist, aber auch nicht mehr unter die Erstattungspflicht fällt.

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„Ab diesem Zeitpunkt bleibt der Tierschutzverein auf allen anfallenden Kosten sitzen“, klagt Sarah Kubisch. Sie findet das unfair. „Gut 98 Prozent unserer Tiere sind als Fundtiere zu uns gekommen und verursachen dementsprechend auch die Kosten aufs ganze Jahr gesehen. Durchschnittlich nehmen deutsche Tierheime 70 bis 80 Prozent Fundtiere auf“, schildert die Vereinsvorsitzende das Problem. „Allerdings werden im Schnitt nur etwa 25 bis 30 Prozent der anfallenden Kosten tatsächlich erstattet.“

Meerschweinchen werden kastriert und für 40 Euro abgegeben

Kubisch: „Die Tierheime sind nicht mehr in der Lage, die Aufgaben der öffentlichen Hand ohne Kostendeckung zu übernehmen. Steigende Mindestlöhne, Renovierungsstaus und immer höhere Energie- und Tierarztkosten haben jegliche Rücklagen aufgefressen.“

Die Gelder, die durch eine Vermittlung zurück in die Kassen fließen, sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. 2020 wurden in Geesthacht 117 Tiere abgegeben und 155 aufgenommen. Für Hunde zahlt der neue Halter 300 Euro, für Katzen 110 Euro. Alle Tiere sind entwurmt, entfloht, gechipt und geimpft. Kaninchen und Meerschweinchen werden kastriert und für 40 Euro abgegeben.

Monatliche Patenschafen für Tierheim-Tiere in Geesthacht

Die Vermittlung läuft während der Corona-Pandemie über die Webseite (www.tierschutz-geesthacht.de) weiter. Interessenten notieren sich den Namen des Wunschtieres und rufen dann an, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Weitere Einnahmequellen sind neben den Beiträgen der 300 Vereinsmitglieder vor allem Spenden. Außerdem können monatliche ­Patenschaften für Tierheim-Tiere übernommen werden, aktuell können über Patenschaften 1100 Euro generiert werden. Zudem kommt Geld durch hohen persönlichen Einsatz herein.

So will Sarah Kubisch im Frühjahr ihren Spendenlauf fortsetzen. Im vergangenen Jahr erlief sie 2537 Euro. Und im August soll das Sommerfest hoffentlich steigen können. Auch das bringt Geld, meist um die 4000 Euro. Wer Naturalien geben möchte, findet neuerdings bessere Bedingungen. Vor dem Tor steht eine große Box, so dass Futter wettergeschützt hereingelegt werden kann. „Tierheime helfen, helft Tierheimen“, bittet Sarah Kubisch.

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