Wegen Corona

Alkoholkranken aus Geesthacht fehlt die Nähe zur Gruppe

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Frauke Maaß
Droge Alkohol? Während der Corona-Pandemie ist der Bier- und Weinkonsum der Deutschen deutlich gestiegen.

Droge Alkohol? Während der Corona-Pandemie ist der Bier- und Weinkonsum der Deutschen deutlich gestiegen.

Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON / picture alliance / SvenSimon

Treffen der Anonymen Alkoholiker in Geesthacht fielen wegen Corona wochenlang aus. Unterstützung gab es nur per Telefon.

Geesthacht. Während die einen in der Zeit der Corona-Pandemie deutlich mehr Alkohol konsumiert haben, waren für andere gerade diese Wochen hinsichtlich Alkohol eine besondere Herausforderung. Denn sie durften und wollten nicht trinken: die Teilnehmer der Anonymen Alkoholiker. Die Geesthachter Montagsgruppe trifft sich jede Woche für zwei Stunden. Regelmäßig, das ganze Jahr hindurch. Bis Mitte Februar. Dann war Schluss.

„Die Treffen fehlen sehr“, gesteht Horst. 76 Jahre ist der Geesthachter alt. Trockener Alkoholiker und Teilnehmer der Montagsgruppe in der Friedenskirche in der Querstraße. Ein kräftiger Mann mit einer tiefen Stimme. Er spricht leise. Erzählt aus seinem Leben. Wie es anfing mit 30 Jahren, als Maurer auf dem Bau mit einem Bier am Tag, später war es schon ein Bier pro Stunde, am Ende ein Kasten am Tag. „Das war so üblich!“ sagte er.

Das Trinken verselbstständigte sich mehr und mehr. Übernahm die Führung in seinem Leben, dem sich alles andere untergeordnet hat. Durch das Trinken hat er viel verloren. Seine Familie. Seinen Job. Seine Selbstbestimmtheit. „Ich habe nicht mehr gelebt“, sagt er. Nur noch funktioniert. Ob es ihm gut ging oder nicht. Er trank. „Es verschaffte mir Erleichterung – zumindest für einen kurzen Moment“, sagt er.

Biografien der Alkoholkranken gleichen sich

Zehn Jahre in der Psychiatrie, Langzeittherapie stationär. Entmündigung – seine Leidensgeschichte ist lang. Er wurde trocken. Und erlitt Anfang der 2000er einen Rückfall nach dem Tod seiner Mutter. Und alles ging wieder von vorne los. Wieder im Krankenhaus. Perspektivlosigkeit. Bis sein „persönlicher Schlüsselmoment“ kam, der ihn zur Umkehr brachte. „Meine Tochter fragte mich: ,Papa, was soll ich deinem Enkel erzählen?’“ erinnert er sich bewegt. In dem Moment wurde ihm klar: Ich muss davon weg. Ich muss was tun. Und er hörte auf zu trinken.

„Unsere Biografien gleichen sich alle im Grunde“, sagt Gerd. Der 64-Jährige fungiert als Gruppensprecher. Die einzelnen Lebensstationen seien zwar immer unterschiedlich, aber der Verlauf sei ähnlich, berichtet er. Man fängt irgendwann an und kann dann nicht mehr aufhören. Entwickelt geradezu absurde Raffinesse im Ausleben und Verstecken seiner Sucht. Männer, die ihre Flaschen hinter Wandfliesen verschließen oder im Garten vergraben. Wenn Gerd über sich spricht, wirkt er klar und reflektiert. Er weiß um alles. Seine Tricks. seine Gründe. „Ich fühlte mich klein. Ungesehen. War zu schüchtern. Alkohol half mir, selbstbewusster zu sein. Zumindest scheinbar.“

Auf der Homepage werden Online-Meetings angeboten

Lange hat er sich mit der Frage gequält: Warum gerade ich? „Ich weiß jetzt, dass es eine Krankheit ist“, sagt er. Eine, die man nicht besiegen, sondern nur zum Stillstand bringen kann, ergänzt Horst. Und hierbei haben die Treffen eine zentrale Bedeutung für die Teilnehmer. Sie geben Sicherheit. Sind eine Stütze, besonders in Krisenzeiten, um nicht schwach zu werden, um einander zu helfen, trocken zu werden oder zu bleiben.

Und dann kam Corona. Statt Treffen ging man auf Abstand. Statt Gemeinschaft war jeder für sich allein. Regelmäßige sowie temporäre Online-Meetings werden zwar auf der Homepage angeboten, aber „wir haben die nicht in Anspruch genommen“, sagt Gerd. Man hat sich bei Bedarf telefonisch ausgetauscht. Und der Bedarf war da. „Mich haben auch Betroffene angerufen, die noch nicht zur Gruppe gehören, aber einfach reden wollten“, berichtet Gerd.

Nachfrage nach Hilfsangeboten steigt durch Corona

Dass der Bedarf an Seelsorge gewachsen ist, bestätigt Michael Schwarz, geschäftsführender Vorstand der Südstormarner Vereinigung für Sozialarbeit e.V.. „Wir haben nach den ersten drei Wochen der Pandemie einen stark angestiegenen Bedarf an Hilfe im familiären und Suchtbereich erkennen können und unser Angebot maximal hochgefahren“, sagt er. Täglich von 8 bis 18 Uhr sowie jeweils vier Stunden an den Wochenenden haben die Mitarbeiter am Telefon zugehört, Ratschläge gegeben, Unterstützung geliefert. Seit den Lockerungen ist der Bedarf rapide zurückgegangen, berichtet Schwarz.

Jetzt, wo viele Einschränkungen gelockert werden, plant die Geesthachter Gruppe ihr erstes Treffen. „Sobald ich mehr weiß, informiere ich die Teilnehmer“, sagt Gerd.

Die Corona-Pandemie ist trotz aller Belastungen für die beiden kein Grund, zur Flasche zu greifen. „Nie wieder!“, sagen sie und schütteln den Kopf. Die Angst, nicht mehr aufhören zu können, ist zu groß.

Informationen zu der Montagsgruppe bei Gerd unter 04152/15 92 88. Eine zweite Gruppe trifft sich mittwochs im Johanniter Krankenhaus, Infos dazu bei Wilfried unter 04152/7 13 74.

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