Kernkraftwerk

Krümmel: Der letzte Castor rollt aus dem Reaktor

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Der letzte Castor wird auf einem Spezialtrailer über das Gelände ins Zwischenlager geschoben.l

Der letzte Castor wird auf einem Spezialtrailer über das Gelände ins Zwischenlager geschoben.l

Foto: Timo Jann

Der letzte Castor mit strahlendem Kernbrennstoff verließ den Reaktor in Krümmel. Damit sind die Voraussetzungen für den Rückbau geschaffen

Geesthacht. Das stillgelegte Atomkraftwerk Krümmel ist jetzt frei von strahlendem Kernbrennstoff: Am Mittwoch um 9.30 Uhr verließ der letzte Castor mit bestrahltem Material den ehemals leistungsstärksten Siedewasserreaktor der Welt. Er wurde auf einem Spezialtrailer über den Hof in das Standortzwischenlager gebracht, wo er bis zum Transport in ein künftiges Endlager untergestellt wird.

„Damit haben wir jetzt die Voraussetzungen für den beantragten Rückbau der Anlage geschaffen“, sagte Kraftwerksleiter Torsten Fricke. Er bezeichnete den Transport des letzten Castors als „Sternstunde“. Nur wenn der strahlende Kernbrennstoff aus der Anlage ist, darf zurückgebaut werden.

Der letzte Castorbehälter ist ein Einzelstück

Normalerweise werden in den Castorbehältern Brennelemente verpackt. Der letzte in Krümmel ist hingegen ein Einzelstück. „Wir haben 154 Sonderbrennstäbe in neun Köchern, die einzeln verschweißt und auf Dichtigkeit geprüft wurden, darin verpackt“, berichtet Barbara Meyer-Bukow, Sprecherin des Energiekonzerns Vattenfall, dem der Atommeiler gehört. Sonderbrennstäbe weisen aus verschiedenen Gründen Beschädigungen auf. Sie wurden aus den normalen Brennelementen, in denen sie gebündelt waren, entnommen. Eigentlich passen 52 Brennelemente in einen Castor. Durch umfangreiche Berechnungen und Tests musste nachgewiesen werden, dass der Castor auch für die Köcher mit den fingerdicken und vier Meter langen Sonderbrennstäben tauglich ist.

Im Standortzwischenlager (SZL), das mittlerweile unter der Regie der bundeseigenen Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) geführt wird, stehen 41 normale Castoren mit mehr als 2000 Brennelementen aus dem regulären Betrieb des Siedewasserreaktors und jetzt eben auch der Behälter mit den Sonderbrennstäben. Alle gelten als hochradioaktiv und sollen komplett in das noch nicht vorhandene Atommüllendlager gebracht werden. Um das SZL langfristig zu sichern – es wird wohl noch stehen, wenn das Kraftwerk längst zurückgebaut ist – wurden zuletzt zusätzliche Betonwände und ein neuer Eingangsbereich gebaut. Die Betriebsbereiche von Vattenfall und der BGZ sind konsequent getrennt worden.

Für die 190 Mitarbeiter von Fricke heißt es jetzt zunächst abwarten. „In den vergangenen Jahren konnten wir richtig gut arbeiten. Wir sind mit dem letzten Castor beispielsweise nur einen Monat hinter dem Termin, den wir uns 2013 gesetzt hatten. Das war eine riesige Leistung der gesamten Mannschaft“, sagte Fricke. Doch bevor der Rückbau beginnen kann, muss Vattenfall auf die Genehmigung warten. Babara Meyer-Bukow geht davon aus, dass diese in gut einem Jahr vorliegt. Dann sind aber noch weitere Teilgenehmigungen nötig, auf die man am Standort Brunsbüttel acht Monate gewartet hatte. Fricke: „Wir könnten eigentlich gleich starten.“

Kurz nach 9 Uhr soll die Belegschaft zum Gruppenfoto antreten

„Um 9.10 Uhr zum Gruppenfoto antreten“, ertönte es am Mittwochmorgen um 8.40 Uhr aus allen Lautsprechern in den Gebäuden des Kernkraftwerkes Krümmel. Mit orangefarbener Kreide war im Zufahrtsbereich ein überdimensionales KKK für Kernkraftwerk Krümmel aufgemalt worden. Die Mitarbeiter stellten sich in den Buchstaben auf und ließen sich von ihrem Kollegen Karsten Wulff filmen – während im Hintergrund der Spezialtransport mit dem Castor aus dem Atommeiler rollte.

„Traurig sind wir heute nicht mehr, traurig waren wir, als das Aus für unsere Anlage verkündet wurde“, berichtet Kraftwerksleiter Torsten Fricke. Dabei war 2011 eigentlich alles für die Wiederinbetriebnahme nach einem Transformatorbrand von 2007 vorbereitet gewesen. Dann bebte in Japan die Erde, im Atomkraftwerk in Fukushima kam es zum GAU, und die Bundesregierung beschloss das Aus für die Kernenergie in Deutschland. Krümmel war vorn dabei auf der Liste der stillzulegenden Atomkraftwerke.

Rückbau ist wie ein großes Konjunkturprogramm

Die Zahl der Mitarbeiter wurde von 350 bereits auf 190 reduziert, den örtlichen Firmen brachen viele Aufträge weg, die sie in Krümmel zu erledigen hatten. Doch die Unternehmen haben jetzt Hoffnung – steht doch der Rückbau des Siedewasserreaktors an. „Das ist wie ein großes Konjunkturprogramm“, ist Jürgen Wirobski, der Vorsitzende der Wirtschaftlichen Vereinigung Geesthacht (WVG), überzeugt. Er empfiehlt den Firmen, sich zusammenzutun und sich um Aufträge zu bemühen. Von den Erfahrungen könne man später deutschlandweit profitieren.

Nach intensiven Vorbereitungen hatte der Energiekonzern Vattenfall als Betreiber der Anlage 2017 den Rückbau der kerntechnischen Anlage bei der Atomaufsicht in Kiel beantragt. Das Genehmigungsverfahren läuft, Ende 2020 oder Anfang 2021 soll wohl die Genehmigung erteilt werden. Experten schätzen, dass es etwa 15 Jahre dauern wird, bis der Baukörper am Elbufer verschwunden ist.

Das benachbarte Standortzwischenlager, in dem die mit hochradioaktiver Fracht gefüllten Castoren stehen, und das LasmAaZ (Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle und Reststoffe), das dort demnächst errichtet werden soll, dürften dann wohl noch stehen. Denn die Endlagerung des Atommülls ist nach wie vor ungeklärt.

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