Öko? Logisch!

Wie das Himmelmoor nach dem Torfabbau renaturiert wird

Naturfreund Rainer Naujox in seinem liebsten Naturraum und Ausflugsziel, dem Quickborner  Himmelmoor.

Naturfreund Rainer Naujox in seinem liebsten Naturraum und Ausflugsziel, dem Quickborner Himmelmoor.

Foto: Burkhard Fuchs

Das einst größte Hochmoor Schleswig-Holsteins bei Quickborn soll sich nach 250 Jahren wieder erholen. Doch der Weg zurück zum Moor ist lang.

Nach 250 Jahren Torfabbau soll sich das Himmelmoor wieder erholen. Dazu wird das mit 600 Hektar Fläche größte Hochmoor Schleswig-Holsteins jetzt vernässt, um die moortypische Flora und Fauna wieder anzusiedeln und das Klima zu schützen. Zugleich soll das Moor für Naherholung, als Lehrpfad und historischer Ausstellungsraum genutzt werden. Ein Spagat zwischen Ökologie und Tourismus.

Das Himmelmoor in Quickborn hat viele Freunde. Es gibt einen Förderverein, die Naturfreunde, viele Spaziergänger, die Torfbahn-Anbieter. Alle haben eines gemeinsam: Sie wollen das Moor schützen – und es renaturiert sehen. Einer von ihnen ist Rainer Naujox aus Rellingen. Schon in jungen Jahren habe das Himmelmoor eine Anziehungskraft auf ihn ausgeübt, erzählt der heute 72-Jährige. Von Langenhorn aus sei er als Jugendlicher oft mit dem Fahrrad ins Himmelmoor gefahren. „Diese Natur fasziniert mich. Das Moor ist anders als andere Naturflächen.“ Inmitten der einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt, der Ruhe und dem weichen, torfigen Boden habe er für sich die nötige Erholung für seinen stressigen Job als Logistiker für einen Lebensmittelkonzern gefunden.

Heute sei das Ziel klar beschrieben, sagt Naujox: „Wir wollen versuchen, die ursprüngliche Natur im Himmelmoor zurückzubringen. Das wird viele, viele Jahre dauern.“ Etwa 12.000 Jahre alt ist das Moor, das nach der letzten Eiszeit entstanden ist. Seitdem war es bis zu zwölf Meter hoch geworden, obwohl Torfmoos jedes Jahr nur um einen Millimeter wächst. Durch den industriellen Torfabbau, der 1870 nach schon hundertjähriger Ausbeutung durch die umliegenden Bauernhöfe als Heizmaterial begann, ist das Torfmoor großflächig nur noch wenige Meter hoch. Insofern werde es wohl wieder rund 10.000 Jahre brauchen, bis das Hochmoor seine ursprüngliche Größe erreicht hat, glaubt Naujox.

Bis die einmalige moortypische Tier- und Pflanzenwelt wieder weitgehend intakt ist, wird es dagegen nur einige Jahrzehnte dauern, hoffen jedenfalls die Naturfreunde und Klimaschützer. Seit 2004 wurden bereits in den nicht mehr benötigten Abbauflächen Torfdämme gelegt und Drainagen abgebaut, damit sich das Regenwasser wieder sammeln und das Moor vernässen kann. Seit dem Ende des Torfabbaus 2018 hat diese Aufgabe jetzt die Stiftung Naturschutz übernommen.

Denn die Landesforsten, größter Eigentümer des Himmelmoores, haben 413 Hektar des Moores der Stiftung überlassen. Die betreut 36.000 Hektar Land in Schleswig-Holstein, davon 1850 Hektar im Kreis Pinneberg, und vernässt bereits zahlreiche Moore im Land, siedelt Moorfrösche an und entfernt die 100 Liter Wasser pro Tag aufnehmenden Birken, erklärt ihr Sprecher Thomas Voigt. Denn eine Austrocknung des Moores sei aus Klimaschutzgründen unbedingt zu verhindern. Große Mengen an CO2 und Methan, die im Moor gespeichert sind, würden sonst freigesetzt und die Ozonschicht angreifen, die Erderwärmung weiter anheizen. Voigt: „Seit 2011 hat die Stiftung 1200 Hektar in zwölf Mooren renaturiert und so 1,2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente dauerhaft gebunden.“

An reiner Moorfläche sei im Himmelmoor noch etwa 200 Hektar vorhanden, vor allem im Nordwesten. Dort lebten auch noch echte „Raritäten“, also bedrohte Tierarten und Pflanzen, die auf der roten Liste stünden, erklärt der Biologe Voigt. Dazu gehörten moortypische Pflanzen wie das Wollgras, Glockenheide, Rosmarinheide und Moorbeere sowie der Moorfrosch, die Kreuzkröte, Schlingnatter und Kreuzotter, die sich an sonnigen Tagen an den vier Aussichtspunkten des Himmelmoores tummeln und wärmen. Mittel- und Schwarzspechte, Kraniche, Wespenbussarde und die absolut seltene Libellenart Hochmoor-Mosaikjungfer seien noch im Himmelmoor zu finden, erklärt Stiftungssprecher Voigt.

Mit der Vernässung des Moores soll das moorbildende Torfmoos wieder „gehegt und gepflegt“ werden, damit das Moor wieder wachsen kann. Dabei werde auf die Bewohner Rücksicht genommen, verspricht Voigt, nicht dass diese „nasse Füße“ bekämen. Die landwirtschaftlich genutzten Wiesen und Weiden, unter denen das alte Moor liegt, eigneten sich hervorragend zur Renaturierung.

Doch die Naturerholung ist nur die eine Seite der Medaille. Die Naturfreunde und die angrenzenden Kommunen Quickborn, Hemdingen, Borstel-Hohenraden und Tangstedt, die hier auch Flächen besitzen, wollen das Moor zur Naherholung nutzen und die Gäste so naturnah wie möglich lenken. So soll das Moor überwiegend zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Pferd auf dem seit 2012 existierenden Rundweg erkundet werden. Naujox und der Förderverein haben voriges Jahr einen Moorlehrpfad mit 21 Info-Stationen angelegt, den seitdem 400 Schüler für naturnahen Unterricht besuchten. Der Förderverein will im ehemaligen Torfwerk eine historische Geräteschau alter Torfwerkzeuge und Maschinen präsentieren. Das nahe gelegene frühere Lager-Gebäude, in dem im Zweiten Weltkrieg mehr als 50 jüdische Kriegsgefangene untergebracht und zum Torfstechen gezwungen worden waren, soll zur 13. Gedenkstätte der NS-Zeit in Schleswig-Holstein erklärt und museal umgestaltet werden.

„Wir wollen die Renaturierung und den Naturschutz im Himmelmoor mit der Nutzung für die Naherholung in Einklang bringen“, so Jörg Kastrup von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises. Darum würden Flächen für Besucher und Wanderer reserviert und könnten mit der Torfbahn als „fahrendes Museum“ erkundet werden, während andere von Menschen frei bleiben müssten.