Kunstmarkt

Nach 40 Jahren: Aus für eine Buxtehuder Institution

| Lesedauer: 6 Minuten
Axel Tiedemann
Bilder und antike Uhren sind schon von der Wand abgehängt, vieles ausgeräumt. Die Buxtehuderin Eva Aldag schließt ihr „Kunst- und Auktionshaus“.

Bilder und antike Uhren sind schon von der Wand abgehängt, vieles ausgeräumt. Die Buxtehuderin Eva Aldag schließt ihr „Kunst- und Auktionshaus“.

Foto: Axel Tiedemann / HA

Im Auktionshaus von Eva Aldag ersteigerten einst auch russische Oligarchen wertvolle Antiquitäten. Welche besonders gefragt waren.

Buxtehude.  Ein wuchtiger, antiker Ohrensessel steht noch in einer Ecke, an die Wand sind einige Gemälde gelehnt, in einer einsamen Glasvitrine schimmern feine Porzellanfiguren, daneben stapeln sich Umzugskartons und alte Kataloge in fast leeren Geschäftsräumen: Viel von der früheren Fülle ist in dem Buxtehuder „Kunst und Auktionshaus Eva Aldag“ nicht mehr zu sehen. Das meiste hat die 75-Jährige bereits mit Helfern ausgeräumt.

Nach rund 40 Jahren als Chefin des wohl bekanntesten Auktionshauses im südlichen Hamburger Umland hört sie jetzt zum Monatsende auf. „Aus Altersgründen“, wie sie sagt. Zwar will sie nach einer „kleinen Erholungspause“ als Sachverständige weitermachen, dazu sei eben auch zu viel Leidenschaft dabei in dem Job mit Kunst- und Antiquitäten. Aber das Versteigern von antiken Möbeln, Uhren, Schmuck, Bildern, Grafiken oder Porzellan vergangener Jahrhunderte wird es dann vorerst nicht mehr geben in Buxtehude.

Spezialisiert war sie auf Künstler, die von den Nazis verfemt wurden

Damit dürfte nun auch eine Ära beendet sein, die international ausstrahlte. Wer zu den Vorbesichtigungen der Auktionen kam, konnte schon mal auf TV-Prominenz treffen, russische Oligarchen ließen über Telefon hier mitsteigern, Millionäre ergatterten Gemälde, Museen und Stiftungen boten für Nachlass-Sammlungen.

Und Eva Aldag beriet bald auch solvente Kunden bei der Einrichtung, restaurierte Bilderrahmen und schuf sich einen Ruf als ausgewiesene Expertin. Spezialisiert war sie beispielsweise auf die „verschollene Generation“, also auf expressionistische Künstler, die während der Nazizeit verfemt wurden. „Wichtig ist, dass man immer dazulernt, mit jedem Tag“, sagt sie. Denn nur dann könne man auch erkennen, was wertvoll ist und was nicht: „Dieses Entdecken ist das Spannende an dem Beruf.“

20 Prozent Provision – das war ihre Einnahme

Und eine gute Expertise zahlt sich aus. Auch für Kunden, die ihre Erbstücke oder Dachboden-Fundstücke in Kommission zu Eva Aldag brachten, die sie dann frei verkaufte oder eben versteigerte. 20 Prozent Provision – das war ihre Einnahme, ein hoher Erlös brachte beiden Seiten etwas. Und oft weit mehr als gedacht: Das erfuhr beispielsweise eine junge Frau aus dem Landkreis Stade, die vor einigen Jahren ein Bild ohne Rahmen, aber mit einigen Brandschäden zu ihr brachte. Ob das etwas wert sei, fragte sie. Schließlich sei es das Einzige, was die Großmutter ihr vererbt hatte.

Eva Aldag erinnert sich heute noch genau, wie sie das leicht ramponierte Gemälde untersuchte. Und dann war da eben diese „Entdeckung“, die sie elektrisieren ließ. „Der Teint von Haut und Gesicht, wie das gemalt worden war: So etwas können nur die ganz Großen“.

Das Bild stammte von einem Nachfolger von Michelangelo Caravaggio

Und tatsächlich stammte das Bild der „Heiligen Katharina“ aus dem 17. Jahrhundert, gemalt von einem Nachfolger von Michelangelo Caravaggio, der ein bekannter Maler des italienischen Frühbarocks gewesen war. Sie riet der jungen Frau zunächst, 250 Euro in eine Restaurierung zu investieren, dann kam es in die Auktion. Das Limit setzte sie mit 700 Euro an, am Ende erzielte das Bild rund 24.000 Euro!

Viele solcher Geschichten aus den vergangenen Jahren kann sie da erzählen. Auch die von einem russischen Oligarchen und Sammler, der über einen Vertrauten von New York aus per Telefon bei einer Versteigerung mitbieten ließ: Es ging um eine Bronzegruppe aus dem 19. Jahrhundert, das eine Bäuerin und einen Bauern mit einem Ochsenkarren darstellt, geschaffen von dem russischen Bildhauer Leonid Wladimirowits Posen.

Aldags Sohn stand am Telefon und hatte den russischen Bieter am Ohr

Vielleicht fünf Exemplare gab es davon weltweit, und Eva Aldag wusste, wie sie erzählt, dass ein solches Stück bei dem bekannten Auktionshaus Sotheby’s in den USA einen hohen Preis erzielt hatte.

Wie meist waren im Buxtehuder Auktionshaus rund 40 Interessierte dabei, einige Gebote gab es wie oft in den letzten Jahren auch online per Internet; ihr Sohn stand am Telefon und hatte den russischen Bieter am Ohr. Zunächst ließ sich die Versteigerung „ziemlich zäh an“, erinnert sie sich.

Schon als kleines Kind war sie oft im Atelier des Großvaters

In kleinen Schritten ging es von 7500 Euro an los. Dann kam eine ungeduldige Aufforderung des New Yorker Telefonbieters: „Schneller, schneller!“ 30.000 Euro wurden aufgerufen, dann 50.000 Euro. Der Russe am Telefon bot weiter -- und erhielt am Ende den Zuschlag – für rund 120.000 Euro. „Das wurde dann per Überweisung tatsächlich sofort bezahlt“, sagt Eva Aldag, die in dem Geschäft auch schon andere Wendungen erlebt hat: „Man ist da wie ein Goldfisch im Glas, und drum herum schwimmen die Haifische“, sagt sie, lacht und lässt erkennen, wie viel Spaß ihr der Beruf gemacht hat, den sie allerdings erst über einen Umweg erreicht hatte.

Aufgewachsen ist sie auf der Uhlenhorst in Hamburg bei ihren Großeltern. Ihr Großvater war Kunstmaler, was offensichtlich viel zu ihrem späteren Lebensweg beigetragen hat. Als kleines Kind schon, war sie oft bei ihm Atelier. „Ich bin mit der Kunst geboren“, sagt sie. Aber für ein Studium in diese Richtung reichte das Geld später nicht.

Als alleinerziehende Mutter war sie Anfang der 1980er-Jahre nach Buxtehude gezogen

Eva Aldag lernte zunächst Bürokauffrau, heiratete, zog nach Bendestorf, bekam drei Kinder und leitete dann eine Spedition als Familienbetrieb. Anfang der 1980er-Jahre ließ sie sich scheiden und zog als alleinerziehende Mutter nach Buxtehude. „Ich wollte mit den Kindern nicht das dörfliche Leben, aber auch nicht die Großstadt“, sagt sie.

In Buxtehude arbeitete sie dann für den Auktionator Manfred Schreyer, der das Auktionshaus noch im ersten Stockwerk über der Deutschen Bank in der Altstadt betrieb, später verlegte sie den Standort an den Ottensener Weg beim Krankenhaus. Als Manfred Schreyer in die USA auswanderte, griff Eva Aldag kurzerhand zu und kaufte ihm das Geschäft ab. „Ich wusste einfach, das ist mein Ding“, sagt sie. Wie Recht sie damit hatte..