Landkreis Harburg

Jesteburger Kunststätte arbeitet Nazi-Geschichte auf

| Lesedauer: 9 Minuten
Sabine Lepél
Bossard und die Nazi-Zeit: Heike Duisberg-Schleier und Experten arbeiten Einstellungen und Geschehnisse auf.

Bossard und die Nazi-Zeit: Heike Duisberg-Schleier und Experten arbeiten Einstellungen und Geschehnisse auf.

Foto: Sabine Lepél / HA

Diskussion um Johann Bossards Verhältnis zum Nationalsozialismus geht weiter. Museumsleiterin will Historie unvoreingenommen rekonstruieren

Jesteburg.  Was ging in seinem Kopf vor? Was ging in ihren Köpfen vor? Auf einem Foto von 1928 stehen Johann und Jutta Bossard vor dem zu dieser Zeit gerade entstehenden Kunsttempel auf ihrem Anwesen in Jesteburg und schauen sehr ernst. Nicht etwa in die Kamera. Der Blick des Künstlers scheint sich in der Ferne zu verlieren. Der seiner Frau im Nichts. Das Foto bietet viel Raum für Interpretationen. So wie Bossards gesamtes Wirken und Denken.

War er ein Nazi oder ein Spinner? Auf jeden Fall hat er ein schwieriges Erbe hinterlassen, das es an der Kunststätte Bossard zu bewahren gilt. Die Frage des Umgangs damit treibt die Verantwortlichen seit geraumer Zeit um. Doch seit gut zwei Jahren überlagert und hinterfragt das Verhältnis Johann Bossards zum Nationalsozialismus alles, was die Kunststätte zu bieten hat und spiegelt sich auch für die Besucher sofort wider. Etwa in der neuen Sonderausstellung im Seecontainer direkt am Eingang, in der die jüngsten Forschungsergebnisse zum Thema präsentiert werden.

Vorgutachten bildet Grundlage der aktuellen Ausstellung

Die Ausstellung basiert auf Ergebnissen des externen Vorgutachtens, das der Historikers Dr. Tobias Hof vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin im Auftrag der Kunststätte angefertigt hat. „Die neue Ausstellung stellt eine Zusammenfassung der Ergebnisse von Dr. Hof dar und gibt gleichzeitig einen Zwischenbericht zu den aktuellen Forschungen“, sagt Museumsleiterin Heike Duisberg-Schleier. „Denn die Forschung soll weitergehen.“ Die Sonderausstellung löst die erste in der Reihe „Reden wir über Bossard“ ab, in der die kontroverse Debatte der jüngeren Vergangenheit in lokalen und überregionalen Medien aufgegriffen wurde, die sich mit der Haltung des Ehepaars Bossard zum nationalsozialistischen Regime befasste. Die Kunststätte befand sich in Zugzwang, denn spätestens seit der Journalist und Historiker Dr. Martin Doerry vor rund zwei Jahren im „Spiegel“ und auf NDR Kultur sein Urteil über Bossard – aus seiner Sicht ein Sympathisant des Nationalsozialismus und „Judenhasser“ – gefällt und die bisherige wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas in der Kunststätte massiv kritisierte hatte, stand die Frage nach dem Verhältnis Bossards zum Nationalsozialismus im Fokus.

Die Kunststätte musste reagieren, zumal aufgrund der hochkochenden Diskussion, zusätzlicher Medienaufmerksamkeit wegen der Entdeckung eines Hakenkreuz-ähnlichen Symbols im Mosaikfußboden des Edda-Saals und vieler offener Fragen eine Förderung in Höhe von rund elf Millionen Euro für einen geplanten Museumsneubau auf dem Areal in Jesteburg-Wiedenhof auf Eis gelegt wurde. Mit staatlichen Geldern ein teures Museum für einen Nazi-Sympathisanten bauen? Das erschien abwegig.

Bossard schuf Gesamtkunstwerk mit Wohnhaus, Kunsttempel und Gartenanlage

Der 1874 in der Schweiz geborene Johann Bossard hatte das Gelände 1911 erworben und schuf dort in den folgenden Jahrzehnten sein expressionistisches Gesamtkunstwerk mit Wohnhaus, Kunsttempel und Gartenanlage, das heute als Museum zugänglich ist. Seit mehr als 25 Jahren wird der Nachlass des Künstlerehepaares Bossard von einer Stiftung verwaltet. Dem Stiftungsrat sitzt Landrat Reiner Rempe vor.

„Wir haben in die Ausstellung keine eigene Interpretation der Kunststätte hineingebracht“, sagt Duisberg-Schleier. „Wir wollen nichts beschönigen oder Johann Bossard besser dastehen lassen. Uns geht es um eine sachliche und verständliche Darstellung der bisherigen Forschungsergebnisse. Diese möchten wir den Besuchern möglichst niedrigschwellig präsentieren.“ Gleich am Eingang solle mit der Ausstellung in dem im Gesamtbild eigentlich störenden Container deutlich gemacht werden, dass Besucher es mit einem Künstler zu tun bekommen, „der Inhalte vertreten hat, die wir heute nicht mehr vertreten können und mit denen wir leben müssen“, so die Museumsleiterin. Auf sechs Tafeln wird Bossards Leben, sein Werk und seine Weltanschauung in Bezug zum Weltgeschehen mit Kaiserreich, Ersten Weltkrieg, Weimarer Republik, „Drittem Reich“ und Zweiten Weltkrieg gesetzt. Seine Denkweise in der Nachkriegszeit wird hinterfragt, in der der Künstler nach den Erkenntnissen der Forschung seine völkische Geisteshaltung, die auch antisemitisch geprägt war, nicht ablegte.

Seine von Verbitterung und Pessimismus geprägten Aussagen zeigen, dass Bossard Opfernarrative pflegte: Wie viele Deutsche nahm er die Deutschen offenbar als Opfer des Krieges, aber auch als Opfer der Verführungskünste der Nationalsozialisten wahr.

Parallelen in die Gegenwart

Beim Betrachten der Ausstellung drängen sich Parallelen in die Gegenwart auf: Es ist von einer „tiefsitzenden Politikverdrossenheit“ bei Bossard die Rede, von einer die Industrialisierung, die Urbanisierung und den Kapitalismus ablehnenden Sozialutopie, die aus Frustration, Angst und Unsicherheit entstanden sein mag. Empfindungen, die ihn – ebenso wie viele seiner Zeitgenossen – empfänglich machten für alternative Lehren und Lebensmodelle sowie pseudowissenschaftliche Strömungen, die Bossard sein Leben lang begleiteten: die sogenannte Lebensreformbewegung, die Theosophie sowie die völkische Bewegung und die Ariosophie. Mit aus heutiger Sicht kruden Einstellungen, wie der Annahme einer kulturell definierten Überlegenheit der „deutschen Rasse“, der Ablehnung von „Rassenvermischung“ und dem Glauben, dass eine Dominanz des „deutschen Volks“ zum „Heil der Welt“ führen werde.

Diese Gedanken sind auch noch während des Nationalsozialismus in Bossards Schriften zu finden. Dabei ist er bei der Machtübernahme der Nazis 1933 bereits 58 Jahre alt, sein Charakter war geformt. „Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme biederte sich Bossard aktiv den neuen Machthabern auf lokaler wie auf nationaler Ebene an“, heißt es in Hofs Gutachten. Als seine Annäherungsversuche ins Leere liefen und er erkennen musste, dass die Nationalsozialisten auf künstlerischem, gesellschaftlichem und politischem Gebiet andere Ideen und Ideale verfolgten als er, sei die Hoffnung allerdings tiefer Enttäuschung gewichen. Die Nazis ließen Bossard und seine Kunst links liegen.

Seit dem ersten Weltkrieg sind antisemitische Äußerungen Bossards belegt

Seit dem ersten Weltkrieg sind antisemitische Äußerungen Bossards belegt. Allerdings gibt es keine Aufzeichnungen, die zeigen, dass er die Vernichtung der Juden befürwortet hätte, wobei Zweifel an der Vollständigkeit der Quellen angemessen sind: „Einige Indizien sprechen dafür, dass unter anderem Jutta Bossard Material, das Bossard in die Nähe des Nationalsozialismus und Antisemitismus gerückt hätte, beschönigt oder gar aussortiert haben könnte“, zitiert Duisberg-Schleier aus dem Vorgutachten von Tobias Hof.

In der Ausstellung werde deutlich, dass Johann Bossard zweifelsfrei in einer Denktradition und Vorstellungswelt stand, aus der sich auch der Nationalsozialismus bediente: „Die Grundsäulen Bossards rassetheoretischen Denkens waren anschlussfähig an die rassisch-antisemitische Ideologie der Nationalsozialisten“, heißt es auf einer Tafel.

Die Sonderausstellung wird ergänzt durch eine Medienstation, über die Interviews zum Thema und ein Glossar zu den Fachbegriffen abgerufen werden können, sowie durch einen Zeitstrahl sowohl zum Zeitgeschehen als auch zu Johann und Jutta Bossard. Die Frau des Künstlers kommt in der Betrachtung – ebenso wie in dem Vorgutachten – nur am Rande vor. „Das Vorgutachten soll auch nicht das Ende der Fahnenstange sein“, sagt Duisberg-Schleier. Es werde weitergeforscht. Und dabei solle es auch um Bossards Vernetzung mit anderen Künstlern, den Blick ins Private und um Jutta Bossard gehen. Dabei soll auch mit Zeitzeugen gearbeitet werden. Die 1996 verstorbene Ehefrau und ehemalige Schülerin von Johann Bossard überlebte ihren deutlich älteren Mann um 46 Jahre.

Für die Kunststätte sind Bossards Weltanschauungen schweres Erbe, aber auch Chance

Für die Kunststätte sind Bossards Weltanschauungen schweres Erbe, aber auch Chance, wie Duisberg-Schleier findet. Sie übernahm die Leitung des Museums mitten in der Nazi-Debatte und kam nicht mit den Anspruch, Johann Bossard als Person ein Denkmal zu setzen. „Wir sehen in den Ergebnissen der Forschung die Chance, den Blick auf diese Zeit zu schärfen und die Weltanschauungen und geistigen Strömungen am Beispiel des Künstlerehepaares Bossard vor Ort vermitteln zu können“, so Duisberg-Schleier. Sie sieht sich nicht in einer Verteidigungsposition: „Wir sind nicht dafür verantwortlich, was Bossard gesagt und getan hat. Unsere Aufgabe ist es, die verschiedenen Ebenen verständlich und sachlich zu vermitteln.“

Dazu wurde bereits die Beschilderung auf dem Gelände auf die neuen Forschungsergebnisse angepasst und auch die Themenführungen im Museumsalltag um die neuen Erkenntnisse ergänzt. Auch ein neues Programm für Schulklassen wurde entwickelt, das sich an die Klassenstufen 8 bis 10 richtet und sich mit der Person Johann Bossard und dem Einfluss der nordischen Mythologie auf ihn auseinandersetzt.