Veranstaltungen Stade

Runter vom Sofa, zurück zur Kultur!

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Rachel Wahba
Peter Kühn in der Seminarturnhalle Stade

Peter Kühn in der Seminarturnhalle Stade

Foto: Rachel Wahba / HA

Leiter Peter Kühn will das Publikum zurück in die Stader Seminarturnhalle locken – mit neuen Künstlern und Konzepten

Stade.  Peter Kühn hat eine Menge Ideen. Und die braucht er auch. Die Aufgabe, die vor ihm liegt, ist groß und nur mit neuen Formaten zu schaffen. „Es muss uns nach dieser Pandemie gelingen, das Publikum wieder vom Sofa wegzulocken, wieder in die Kulturspielstätten zu holen. Nur so haben wir eine Chance, zu überleben“, sagt der gelernte Theaterregisseur.

Kühn sitzt auf dem roten Sofa in der Stader Seminarturnhalle. Eine Spielstätte, der man vor rund elf Jahren keine zwei Jahre zum Überleben gegeben hatte, und die heute, nach zwei Jahren pandemiebedingter Zwangspause, wie viele Spielstätten und Theater ums Überleben kämpft. Von einer Auslastung, die im Bundesdurchschnitt bei rund 35 Prozent liege könne keiner leben.

Eingeweiht wurde die Turnhalle 1863 für den Stader Männerturnverein

Eingeweiht wurde die Turnhalle 1863 für den Stader Männerturnverein – schon 50 Jahre später sollte sie erstmals verkauft werden. Die meisten Stader Schulen haben zu diesem Zeitpunkt eigene Turnhallen für ihre Schüler gebaut. Der Verein kann die fehlenden Mieteinnahmen nicht verkraften: Der Turnverein steht vor der Pleite, die Stadt will das Gebäude nicht haben. Erst nach dem Ersten Weltkrieg, 1921, stimmt der Magistrat der Stadt Stade einem Kauf zu. Die inzwischen sanierungsbedürftige Seminarturnhalle wechselt für 55.000 Mark den Besitzer.

Noch bis in die 50er-Jahre wird die Halle an der Seminarstraße als Turnhalle genutzt, zum Teil auch von den Schulen der Stadt. Dann steht das Gebäude leer. 2005 wird die Außenhaut des Baudenkmals saniert. Die Halle aber bleibt leer, niemand braucht sie.

Im Jahre 2009 legt der Hamburger Theaterregisseur Peter Kühn der Stadt schließlich ein künstlerisches Konzept für die in die Jahre gekommene Seminarturnhalle vor. Kühn ist vom Fach – und Kühn hat Biss. Die Halle hat es ihm angetan. Und er ist überzeugt davon, dass Stade – neben dem Stadeum – eine zweite Spielstätte vertragen kann.

Spielbetrieb startet sofort mit „Baustellenkonzerten“

Klar war von Anfang an: Das wird kein Mainstream-Programm. Kühn bekommt den Zuschlag, ein Förderverein gründet sich, der die alte Halle von der Stadt pachtet. Kühn übernimmt die künstlerische Leitung und später die Geschäftsführung der Seminarturnhalle. Und der Spielbetrieb startet sofort mit „Baustellenkonzerten“. Peter Kühn: „Wir starteten damals sofort aus dem hohlen Bauch heraus ein Programm. Die Künstler kannten unser Projekt und verlangten keine Gage. So hatten wir keine Kosten.“

Das Geld braucht der Förderverein für die anstehende Sanierung der Innenräume. Anfang Juni 2010 wird der Spielbetrieb eingestellt. 220.000 Euro, zum Teil durch Kredite finanziert, investiert der Förderverein in die Sanierung der Halle. Alle arbeiten mit, der künstlerische Leiter der Halle lernt Baggerfahren. Viele Stader arbeiten ehrenamtlich auf der Baustelle, und drei Monate später kann der Spielbetrieb in der sanierten Halle wieder aufgenommen werden.

Seitdem sind Kühn und seine Mitstreiter auf Erfolgskurs, weil sie in ihrer Halle eben nicht das bieten, was überall geboten wird. Kühn holt junge Künstler nach Stade. Mit seinem Format „Frischetheke“ bringt er junge Jazzmusiker direkt von der Hamburger Hochschule auf die Bühne der alten Halle. Kühn veranstaltet Kabarett und Lesungen in der Halle, die regelmäßig ausverkauft ist. Und das Vermietungsgeschäft läuft ausgezeichnet.

Bis 2024 hat Kühn Buchungstermine für private Feiern und Veranstaltungen

Bis 2024 hat Kühn Buchungstermine für private Feiern und Veranstaltungen in der Halle in seinem Kalender. Die Seminarturnhalle lebt von ihrem ganz besonderen Charme und dem besonderen Programm, das der Regisseur auf die Bühne bringt. Und dann – schlägt die Pandemie mit voller Wucht zu. Die Kulturbetriebe sind die ersten, die schließen müssen. „Corona hat mich persönlich und beruflich mit einer Punktlandung erwischt. Die Theater, für die ich damals arbeitete, haben laufende Produktionen gestoppt und verschoben. Zwei Jahre waren wir Künstler rausgekickt. Viele haben diese Pandemie beruflich nicht überlebt“, sagt er.

Die Stader Seminarturnhalle überlebt nur dank staatlicher Hilfe. Auch wenn keine Veranstaltungen laufen – die Nebenkosten für den Erhalt eines solchen Gebäudes laufen ja weiter. Kühn ist rund um die Uhr im Internet unterwegs, sucht nach Förderprogrammen, legt ein Spendenprogramm auf. Ein paar längst fällige Renovierungsarbeiten werden erledigt, damit der einzige Mitarbeiter nicht entlassen werden muss. Kühn macht das, was viele Künstler tun – kurzfristig beruflich umdenken. Unter anderem macht er einen Podcast für einen Schulbuchverlag.

Verluste in der Kulturanbieter-Szene kommen wird, weil jetzt die Unterstützung fehlt

Anfang dieses Jahres kann er mit einzelnen Veranstaltungen den Spielbetrieb in der Halle wieder anlaufen lassen. Jetzt kommt aber der eigentlich schwierige Part – die Menschen wieder von ihrem Sofa wegzuholen. „Wir müssen gute Angebote machen, um uns wieder in die Köpfe der Menschen zu bringen“, sagt Peter Kühn auf seinem roten Sofa. Während der Pandemie habe so etwas wie Kultur-Entwöhnung stattgefunden. Kühn befürchtet, dass es in den kommenden Jahren zu massiven „Verlusten in der Kulturanbieter-Szene kommen wird, weil jetzt die Unterstützung fehlt“. Die Stader Seminarturnhalle könne auf einen gut funktionierenden Förderverein und ein intaktes Hilfe-Netzwerk zurück greifen. Viele andere Spielstätten hätten das nicht.

Peter Kühn plant für die Halle neue Formate. Er will neue Künstlerinnen und Künstler nach Stade holen. Aber der Regisseur wird auch wieder Klinken putzen gehen, genau wie damals, als er in der Stadt für sein Konzept und für die Sanierung der alten Turnhalle warb. Er will Firmen für ein finanzielles Engagement für die Seminarturnhalle gewinnen. „Die nächste Zukunft wird eine ganz besondere finanzielle Anstrengung“, sagt er. „Ich warte jeden Tag auf den Bescheid der N-Bank, dass wir unsere Förderung zurückzahlen müssen. Das bedeutet zum einen, dass wir gut arbeiten müssen, ein gutes Programm auflegen müssen, um Geld einzuspielen. Das bedeutet zum anderen, dass wir um Sponsoren im großen Stil werben müssen.“

Bei Künstlern wird nicht gespart!

Denn eines ist für Kühn glasklar: Künstler, die in der Stader Seminarturnhalle auftreten, werden nicht in der Gage gedrückt. „An dem Ende werden wir nicht sparen. Und mehr als bisher auf Vermietungen setzen, werden wir auch nicht. Die Vermietungen der Halle bringen zwar regelmäßig Geld in die Kasse, sind aber lediglich unser zweites Standbein.“

Für Peter Kühn ist der kulturelle Auftrag der Seminarturnhalle wichtig. Und die nächste Herausforderung steht auch schon vor der Tür: Die gestiegenen Energiekosten werden auch seine Spielstätte vor beachtliche Probleme stellen. Aber Peter Kühn bleibt optimistisch, dass es ihm gelingt, mit dem „guten und scharfen Profil und neuen Formaten“, wofür die Stader Halle inzwischen weit über die Grenzen des Landkreises hinweg bekannt ist, zu punkten. Kühn: „Unser Pfund ist die Halle, der direkte Kontakt zwischen Künstlern auf der Bühne und dem Publikum.“