Kolumne Adolphsens Einsichten

Es ist genug für alle da!

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Helge Adolphsen
Der ehemalige Michel-Pastor Helge Adolphsen

Der ehemalige Michel-Pastor Helge Adolphsen

Foto: Michael Rauhe

Ich erinnere mich an das Hungern in meiner Kindheit. Die englischen Soldaten hatten unser Haus in Schleswig beschlagnahmt. Wir wohnten auf dem Gelände des psychiatrischen Krankenhauses. Ein Patient durfte Kaninchen halten. Er gab mir jeden Tag zwei Stück hartes Schwarzbrot. Das stillte nicht nur meinen Hunger. Den Hunger zu stillen, war ein Glücksempfinden. Ja, ich habe noch den Mangel erlebt. Mittags Buchweizengrütze mit künstlichem Heißgetränk. Bratkartoffeln mit Specksoße. Von Kartoffeln, die ich nach dem Kartoffelsammeln bei einem Bauern mit nach Hause nehmen durfte. Das war schon etwas besonders Gutes!

Ich werde das nie vergessen. Solche Erfahrungen sind nur noch in Büchern oder historischen Dokumenten zu lesen. Oder im Fernsehen mitzuerleben, wenn Hungernde in Afrika, abgemagerte Kinder mit dünnen Armen und großen Augen, essen. Bei uns dagegen ist immer noch genug für alle da. Sogar überreichlich. Mit Brot haben manche ein Glutenproblem. Mit Milch ein Lactoseproblem. Mit Fallobst ein ästhetisches Problem. Wir haben uns an den Wohlstand gewöhnt. Es ist deshalb nicht so leicht, ein Glücksgefühl zu empfinden. Wir sind zumeist nicht dankbar. Aber so neu ist auch das nicht. Zu Luthers Zeit, vor 500 Jahren, machte gutes und reichliches Essen auch nicht immer glücklich und dankbar. Die Mehrheit der Bevölkerung war arm und litt unter Hunger.

Die Reicheren lebten im Bann der Selbstverständlichkeit

Immer wieder kam es zu Missernten und Hungersnöten. Bei dem Reformator saßen täglich über 20 Studenten und arme Menschen am Tisch. Seine Frau Käthe war ein Genie im Kochen, so dass alle satt wurden. In seinen „Tischreden“ schreibt er: „Es ist alles genug, was man haben soll… Es hat allerlei Früchte, Korn, Wein, Getreide, Salz… Allein mangelts an dem, dass wir’s nicht achten noch recht gebrauchen, wie wir billig sollten, Gott zu Ehren und dem Nächsten zu Nutz, und danken ihm dafür, ja, wir missbrauchen es aufs Allerschändlichste.“

Auch damals war also die Dankbarkeit unterentwickelt. Die Reicheren lebten im Bann der Selbstverständlichkeit.

Aber was bedeutet Dankbarkeit heute angesichts der weltweit bis zu 828 Millionen Hungernden und der zunehmenden Zahl von Armen bei uns? Das schreiende Unrecht anzuprangern, verändert kaum die Gewohnheiten in unserem Bewusstsein und Handeln. Auch Appelle und ein erhobener Zeigefinger sind wenig wirksam. Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass nur die eigene Einsicht zu einem anderen Lebensstil führt. Dieser Besinnung liegt dann ein Grund-Satz zugrunde: „Mit mir und meiner inneren Einstellung fängt jede Veränderung an.“ Alles, was das Herz, die Gefühle und den Verstand bewegt, macht stärker als Gewöhnung, Wegsehen und Gleichgültigkeit. Und das ist die Quelle der Dankbarkeit.

Erntedanktage und Erntefeste verlocken dazu, innezuhalten

Erntedanktage und Erntefeste verlocken dazu, innezuhalten und sich zu besinnen. Sich an Erntewagen, an den Erntekronen, den gelben Sonnenblumen und rotbackigen Äpfeln zu erfreuen ist nicht genug. Es ist vielmehr eine sinnliche Einladung, über die Früchte des Feldes und menschlicher Arbeit nachzudenken. Und zu empfinden, dass alles Bestaunte im tieferen Sinn Gaben und Geschenke sind, die uns zufallen – also mehr als nur Zufälle sind oder selbstverständlich. Und zu spüren, dass uns das erfreut und unser Denken zum Danken führt. Über die Wirkung solcher tieferen Dankbarkeit hat ein Professor der Psychologie in Amerika, Paul J. Mills, Erstaunliches herausgefunden. Dankbarkeit hebt nicht nur die Stimmung, sie wirkt sich auch positiv auf die Gesundheit aus.

Ganz nach dem Satz, den der römische Dichter Juvenal vor 2000 Jahren gesagt hat: „In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist.“ Die festgestellten Wirkungen gelebter Dankbarkeit lassen aufhorchen. Dankbare Menschen leben in einer besseren Gemütslage und Gestimmtheit. Sie schlafen besser und sind am Tag weniger müde. Die innere Zufriedenheit beugt sogar Entzündungen vor. Hirnneurologen bestätigen das. Wir werden wesentlich von dem geprägt, was wir denken und worauf wir uns konzentrieren. Deshalb sei es wichtig, das Danken zu üben.

Alles, was unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommt, wächst und gedeiht

Ich sage das in der Sprache des Erntedanktages: „Alles, was unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommt, wächst und gedeiht.“ Das ist eine Volksweisheit. Erst aus der bewussten Konzentration und aus der Dankbarkeit für das Gute und Schöne, das wir haben, kann auch die Hinwendung zu anderen und die Bereitschaft zum Teilen wachsen. Sie wird auch dadurch gefördert, dass wir uns fragen: Was verdanke ich anderen Menschen? Der Mutter, dem Vater, Freunden? Was den Bauern, den Bäckern, den Arbeitern in Fabriken? Wer sind die Menschen, die mich gefördert, begeistert, gelehrt oder gepflegt haben?

So zu fragen kann zu einem Lebensstil der Dankbarkeit führen. In diesem Lebensstil wird „Dankbarkeit zu einem Gedächtnis des Herzens“ (Romano Guardini). Und diese Dankbarkeit verliert die anderen, die nicht genug haben, nicht aus dem Blick: Es ist genug für alle da!