Schule Landkreis Harburg

Ärger um Schulbusse – warum es an der Zuverlässigkeit hapert

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Sabine Lepél
Beim Einstieg an den Bushaltestellen des Schulzentrums Hittfeld drängeln sich Schüler. Auch hier kommt es oft zu Verspätungen.

Beim Einstieg an den Bushaltestellen des Schulzentrums Hittfeld drängeln sich Schüler. Auch hier kommt es oft zu Verspätungen.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Die Verkehrsgesellschaft KVG räumt Probleme mit Fahrtausfällen ein. Wie sie das Problem in den Griff bekommen wollen.

Harburg/Stade/Lüneburg.  „Wir schaffen Verbindung“ lautet das Motto der KVG, größter Anbieter von Omnibusverkehrsleistungen in Niedersachsen. Auch in den Landkreisen Harburg, Lüneburg und Stade ist das Busunternehmen täglich für Schüler, Studenten, Berufspendler und viele weitere Fahrgäste im Einsatz. Doch aktuell scheint es für die Verkehrsgesellschaft schwierig zu sein, diese Aufgabe zu erfüllen, denn es fallen auffallend viele Verbindungen aus. Offenbar fehlt es an Menschen, die Bus fahren können.

Auf der Homepage der KVG läuft ein Banner, mit dem betriebsbedingte Fahrtausfälle in den Landkreisen Harburg, Lüneburg und Stade eingeräumt werden. Es häufen sich Beschwerden über massive Verspätungen oder Komplettausfälle – vor allem vonseiten der Schulen und von Eltern, die schulpflichtige Kinder haben. Die KVG räumt diese Schwierigkeiten ein. Als Grund dafür wird die angespannte Personalsituation genannt, deshalb müsse derzeit das Leistungsangebot in den drei Landkreisen Harburg, Stade und Lüneburg kurzfristig eingeschränkt werden.

Auch in den nächsten Tagen Fahrtausfälle und Verspätungen

„Bitte beachten Sie, dass es auch in den nächsten Tagen zu Fahrtausfällen und Verspätungen kommen kann“, teilt die KVG auf ihrer Homepage mit. Dort sind auch die aktuellen Fahrtausfälle zu finden. Beim Landkreis Harburg gehen vermehrt Beschwerden von Eltern und Schulen ein, wie Landkreis-Sprecherin Katja Bendig dem Abendblatt auf Nachfrage bestätigt: „Oftmals wird die späte oder auch einmal fehlende Kommunikation über die KVG-Homepage kritisiert“, so Bendig. Der Landkreis werde von der KVG direkt über die Ausfälle informiert. „Sofern Grundschulen von den Ausfällen betroffen sind, werden diese über den Landkreis informiert“, so Bendig. Aktuell gebe es die meisten Probleme bei den Rückfahrten am Nachmittag im Schülerverkehr und in der abendlichen Hauptverkehrszeit bei einigen Regionallinien.

Noch ist es fraglich, wann der Schulbusverkehr wieder sichergestellt sein wird. „Hierzu finden aktuell letzte Abstimmungen statt“, teilt Bendig mit. Die vielen Ausfälle haben auch in finanzieller Hinsicht Konsequenzen für die KVG: Mit dem Landkreis Harburg hat das Unternehmen einen Vertrag, der vorsieht, dass für jede ausgefallene Fahrt eine finanzielle Sanktionierung in spürbarer Höhe erfolgt. „Wir haben allein daher ein elementares Interesse daran, dass die Zahl der Ausfälle minimiert wird“, so KVG-Sprecher Oliver Blau. Er räumt auf Abendblatt-Nachfrage ein, dass die Probleme schon länger bestehen: „Wir mussten im Landkreis Harburg bereits vor den Sommerferien Fahrtausfälle verzeichnen, nach Ende der Ferien traten diese dann auch im Landkreis Lüneburg auf.“ In den übrigen Verkehrsgebieten der KVG sei die Verkehrsleitung aktuell weitgehend stabil, einzelne Ausfälle habe es im Raum Buxtehude und bei den touristisch orientierten Verkehren gegeben, etwas beim Heideshuttle, wo das Angebot bis zum Ende der Verkehrssaison Mitte Oktober deshalb auf Wochenenden und Feiertage beschränkt worden sei.

Besonders hoher Krankenstand und knappes Personal in Hittfeld

„Der Aussage, dass es insbesondere beim Schülertransport zu Problemen und Ausfällen kommt, müssen wir widersprechen“, so Blau. „Vielmehr hat die Sicherung der Schülerbeförderung oberste Priorität, wenn es darum geht festzulegen, welche Leistungen aufgrund der aktuellen personellen Situation ausfallen müssen. Sollten dennoch einmal einzelne schulbezogene Fahrten ausfallen müssen, so sind dies in der Regel nur solche, für die eine direkte Fahrtalternative besteht.“ Das wäre beispielsweise eine andere Fahrt in zeitlicher Nähe auf derselben Linie oder einer Linie auf derselben Verbindung.

Die Zahl der Ausfälle sei stark schwankend und von der jeweils verfügbaren Zahl „der Fahrpersonale“ abhängig, so Blau. „Generell lässt sich jedoch feststellen, dass es insbesondere in unserem Betrieb in Hittfeld, von dem aus ein Großteil des Angebots im Landkreis Harburg erbracht wird, aktuell einen Personalunterhang gibt.“ Komme dann noch ein erhöhter Krankenstand – vermutlich auch durch Covid-Fälle – hinzu, sei schlicht nicht mehr genug Personal vorhanden. „Der Grund für die Knappheit liegt aber keinesfalls daran, dass viele Fahrer zu anderen Busunternehmen abwandern. Vielmehr ist ja bundesweit bei nahezu allen ÖPNV-Unternehmen dieselbe Situation zu verzeichnen, und der Branche insgesamt mangelt es an Fachkräften in erheblicher Zahl, so dass inzwischen überall Fahrtausfälle und Fahrplaneinschränkungen an der Tagesordnung sind“, so Blau.

Landkreis Harburg arbeitet mit der KVG aktuell ein Notfallszenario aus

Damit widerspricht er den Angaben des Landkreises Harburg, der in einem Schreiben, das per Mail an Grundschuleltern ging, eine andere Formulierung fand. Neben zahlreichen Krankheitsfällen sei auch die Fluktuation unter den Fahrern und Fahrerinnen ein Grund für die derzeit angespannte Situation, heißt es in der Mail: „Viele schauen sich verstärkt auf dem Arbeitsmarkt nach besser bezahlten Arbeitsplätzen um oder wechseln zu Verkehrsunternehmen nach Hamburg.“ Da sich die Situation so schnell nicht verbessern werde, arbeite der Landkreis Harburg mit der KVG aktuell ein Notfallszenario aus, um zumindest die Schülerbeförderung wieder ohne Ausfälle leisten zu können. Dazu würden dicht getaktete Regionalbuslinien ausgedünnt. Dort fährt dann statt alle 30 Minuten nur noch alle 60 Minuten ein Bus. Zudem werde der Wochenendverkehr eingeschränkt und die Shuttle-Verkehre eingestellt, um somit Dienste und Arbeitszeiten für Busfahrer freizubekommen, damit montags bis freitags wieder eine verlässliche Schülerbeförderung durchgeführt werden könne.

Die Überarbeitung dieser Notfahrpläne befinde sich derzeit in der Abstimmung , die Umsetzung werde kurzfristig erfolgen. „Wir hoffen sehr, dass ab Ende September die Schülerbeförderung wieder ohne Ausfälle durchgeführt werden kann“, heißt es in der Mail. Was betroffene Eltern besonders aufregt: Künftig will der Landkreis „aufgrund der Vielzahl an täglichen Meldungen, die auch die Kreisverwaltung sehr kurzfristig erreichen“ die Weitergabe der Ausfälle auf die Unterrichtung der Grundschulen reduzieren. „Und die älteren Schüler sollen dann an den Bushaltestellen warten, bis sie schwarz werden?“, fragt eine empörte Mutter.

Einsatz im Schienenersatzverkehr

Solche Fälle habe es bereits gegeben. Eine Informationsweitergabe müsse im digitalen Zeitalter aber doch ziemlich problemlos möglich sein. Der Landkreis verweist in diesem Zusammenhang auf die Internetseite der KVG. Die KVG sei bemüht, die Situation so schnell wie möglich wieder zu verbessern, bitte aber gleichzeitig um Verständnis mit dem Hinweis zur aktuellen Situation rund um das Thema Fachkräftemangel.

Dieser Begriff ist derzeit in aller Munde, zieht als alleiniges Argument für die Probleme beim Bustransport aber nicht bei jedem. Manche halten das Bus-Debakel für hausgemacht. So geht das Gerücht, die KVG setzte Fahrzeuge und Personal lieber im Schienenersatzverkehr ein, etwa bei Störung des S-Bahn-Verkehrs in Hamburg. Dies sei für die KVG lukrativer. „Unser Einsatz im Schienenersatzverkehr kollidiert in der Regel nicht mit unseren anderen Leistungen“, sagt KVG-Sprecher Blau. „Sie finden meistens am Wochenende statt und lassen sich eigentlich gut mit unseren anderen Aufgaben vereinbaren.“ Außerdem würden für solche Aufträge häufig Auftragsunternehmen engagiert, so Blau.

Die KVG habe bereits seit einigen Jahren auf den Mangel mit verstärkter eigener Ausbildung reagiert. „In jüngster Zeit haben wir auch hier Probleme, ausreichend Bewerber und Bewerberinnen zu finden“, sagt der KVG-Sprecher. Ausgebildetes Fahrpersonal sei ohnehin nicht mehr am Arbeitsmarkt verfügbar, so dass die KVG inzwischen verstärkt um Quereinsteiger werben, denen auch der teure Busführerschein bezahlt werde. „Wir versuchen zudem, verstärkt im Ausland zu rekrutieren, wobei dem restriktive gesetzliche Vorschriften entgegenstehen“, so der KVG-Sprecher. Aktuell habe die KVG die Bemühungen deutlich verstärkt, beschäftige inzwischen zwei „Recruiter“ zur Personalgewinnung in Vollzeit und bereite eine umfangreiche Marketingkampagne vor. „Wir rechnen aber angesichts der Gesamtsituation nicht damit, kurzfristig neues Personal in größerem Maßstab zu finden, das dann auch schnell einsetzbar ist, so dass es aktuell im Wesentlichen darum geht, durch effektive Planung den Mangel möglichst gut zu verwalten“, so Blau.