Selbstversorger

Äpfel, Birnen und Beeren kostenlos ernten – ohne Garten

| Lesedauer: 7 Minuten
Timo Strohschnieder und Lena Thiele
Obst-Ernte Wilhelmsburg: Hier können Passanten wie Nathalie Pawliczak das Fallobst aufsammeln und mitnehmen

Obst-Ernte Wilhelmsburg: Hier können Passanten wie Nathalie Pawliczak das Fallobst aufsammeln und mitnehmen

Foto: Timo Strohschnieder

An vielen Bäumen und Sträuchern darf gepflückt und gesammelt werden. Experte gibt Tipps, was zu beachten ist.

Wilhelmsburg/Seevetal/Rosengarten.  Vielerorts können aufmerksame Beobachter derzeit entlang der Straßen reife Äpfel an Bäumen und auf dem Boden darunter entdecken. Auch Birnen, Zwetschgen und Beeren sind im Spätsommer und Frühherbst reif zur Ernte.

Gerade in Zeiten der Inflation greifen viele Menschen zu Obstkorb und Schälmesser, um die gestiegenen Supermarktpreise durch selbst gesammelte Früchte und essbare Beeren auszugleichen. Zudem wächst das Interesse, Obst und Gemüse selbst anzubauen und zu ernten. Der Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten berichtet von einem gesteigerten Bedürfnis zum Selbstversorgertum. „Dieser Trend zieht sich durch alle Altersgruppen und geht oft einher mit der Rückbesinnung auf den eigenen Nutzgarten“, sagte Hauptgeschäftsführer Peter Wüst in Köln der Deutschen Presse-Agentur.

Äpfel, Birnen und Beeren kostenlos ernten – ohne Garten

Doch auch ohne eigenen Garten oder Balkon gibt es Möglichkeiten, leckere Früchte zu ernten – an Bäume und Sträuchern auf öffentlichen Flächen, die an vielen Orten zum Ernten freigegeben sind. Eine Übersicht gibt zum Beispiel die App Mundraub oder die Internetseite der Aktion Gelbes Band in Niedersachsen.

Auch Nathalie Pawliczak ist seit einigen Jahren Hobbysammlerin, zum Beispiel in Wilhelmsburg an den Straßenrändern und gegenüber der Mühle Johanna. Dort finden sich Äpfel- und Birnenbäume sowie verschiedene Beerensträucher. „Meiner Meinung nach gibt es keine nachhaltigere und kostengünstigere Möglichkeit, um an regionale Produkte in Bioqualität zu kommen“, sagt die Studentin. Meistens verarbeite sie ihre Ernte zu Smoothies, die seien gesund und lecker. „Am liebsten sammle ich Beeren, denn davon gibt es hier in der Stadt echt viele. Dazu brauche ich keinen eigenen Garten.“

Gelbes Band markiert in Seevetal und anderswo Bäume zum Ernten

In und um Seevetal sind im Zuge der Aktion „Gelbes Band“ mehr als 100 Pflaumen-, Äpfel- und Birnbäume entlang des Ohlendorfer Weges sowie an den Straßen Kleberland und Hitzenberg zu finden. Markiert sind jeweils die ersten Bäume an der Straße. „Frischer als direkt vom Baum geht es nicht. Wir haben eine enorme Sorten- und damit Geschmacksvielfalt bei unseren Obstbäumen“, sagt Seevetals Bürgermeisterin Emily Weede. Am Kroogweg in Gödenstorf sind historische Apfelsorten zum Pflücken freigegeben. Auch die Stadt Lüneburg fordert ihre Bürger auf, sich an zahlreichen Obstbäumen im öffentlichen Raum zu bedienen.

Im September und Oktober sind neben verschiedenen Apfel- und Birnensorten zum Beispiel einige Mirabellen-, Pflaumen- und Quitten-Sorten reif. Auch Brombeeren, Heidelbeeren, Johannisbeeren, Kornelkirschen, Hagebutten und Schlehen sind noch genießbar. Zur Verarbeitung der Ernte gibt es viele verschiedene Methoden: backen, dörren, mosten, einlegen oder einkochen, auch Smoothies, Mus, Chutney oder Likör können aus dem Obst entstehen.

Ernte ist nur mit Erlaubnis des Grundstückeigentümers legal

Wer sich eigenständig als Sammler versuchen möchte, muss einiges beachten. Einerseits geht es um rechtliche Aspekte, denn das im Volksmund als „Mundraub“ bekannte Sammeln von Fallobst für den Eigenbedarf ist nur unter gewissen Umständen erlaubt. „Es darf nicht auf Wirtschafts- oder Privatgelände gesammelt werden, sondern nur auf öffentlichem Gelände oder mit Erlaubnis der Eigentümer des Grundstücks, auf dem sich die Bäume befinden“, sagt Jürgen Forkel-Schubert, vom Hamburger Landesverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Der ehrenamtliche Obstexperte beobachtet ebenfalls einen Trend zum Verarbeiten von selbst gesammeltem Obst. „Das Interesse, Wildfrüchte und -pflanzen zu verarbeiten, wächst fortlaufend mit der Biobewegung“, sagt er. „Viele Leute kennen die Pflanzen jedoch nicht mehr oder haben Angst, dass sie kontaminiert sind.“ Um gesundheitlich auf der sicheren Seite zu sein und die Natur beim Ernten nachhaltig zu schützen, gelte es daher, einige Dinge zu beachten. Ein erster Schritt könne sein, sich Informationen aus Obst­bestimmungsbüchern und dem Internet zu beschaffen, rät der Experte. Anfänger könnten auch Kurse und Workshops besuchen. „Dadurch können sie sich Jahr für Jahr ein bisschen herantasten.“

Experte rät, bekannte Sorten zu ernten und Früchte zuerst zu probieren

Neulinge sollten sich zudem auf die Sorten beschränken, die sie kennen, und die Qualität des Obstes prüfen. „Der erste Schritt sollte sein, eine Frucht vom Boden aufzuheben, diese zu waschen und zu probieren“, sagt Forkel-Schubert. Am Geschmackstest ließe sich erkennen, ob der Baum sie abgeworfen hat, weil sie reif ist oder weil zum Beispiel einfach zu viele Früchte am Baum waren und nicht alle ausreifen konnten. „Viele Leute wollen ganz perfektes Obst, wie sie es aus dem Supermarkt kennen“, sagt der Experte. Aber auch wenn ein Wurm darin sei oder ein Vogel sich an der Frucht bedient habe, könnten Sammler diesen Teil des Fundstückes guten Gewissens rausschneiden und den Rest verwerten, zum Beispiel für ein Mus oder Chutney.

Allgemein sollte der solidarische Grundgedanke vorherrschen. „Bitte pflücken Sie keine Äpfel vom Baum und probieren Sie sowieso erstmal, ob diese reif sind“, sagt Forkel-Schubert. Denn allzu oft beobachte er, wie Sammelnde die Bäume komplett leer pflücken. Sie sollten jedoch immer einige Früchte für Gleichgesinnte und auch für Vögel und Insekten übriglassen, um das Ökosystem nicht zu sehr zu belasten. Beim Ernten direkt am Baum werde dieser zudem häufig beschädigt. „Mit fünf bis zehn Äpfeln lässt sich ja schon ein prima Apfelkuchen backen.“

In Kursen lernen Einsteigern die Grundlagen des Sammelns und Verarbeitens

Auch falls gefundene Pflaumen, Zwetschgen und Schlehen noch nicht ganz reif vom Baum gefallen sind, lasse sich damit ein leckerer Likör zubereiten. Bei Beeren sei dagegen größere Vorsicht geboten, sagt Forkel-Schubert. „Denn nicht alles, was wie eine Beere aussieht, ist auch genießbar.“ Auch hierbei sei es ratsam, sich auf die bekannten Sorten zu beschränken.

Besonders interessant seien auch die historischen Obstsorten, die sich nicht im Supermarkt finden ließen, sagt Matthias Schuh, Museumsgärtner am Freilichtmuseum Kiekeberg. „Zur Selbstversorgung mit Gemüse, Obst und Kräutern waren Gärten früher ein unverzichtbarer Bestandteil bäuerlichen Wirtschaftens. Die Nahrungsmittel wurden frisch auf den Tisch gebracht und für schlechte Zeiten und den Winter aufbereitet.“

Wer an diese historische Tradition anknüpfen möchte, kann einen der Kurse im Freilichtmuseum besuchen. Dort wird unter anderem Wissen zu Obst, Kräutern, Kohl sowie Hülsenfrüchten vermittelt und gezeigt, wie diese sich zum Beispiel durch kochen, backen oder mosten verwerten lassen. Wer einen Eindruck von der Vielfalt alter Obstsorten erhalten will, kann sich im Landwirtschaftlichen Entdeckergarten am Kiekeberg umsehen. Dort wachsen mehr als 350 Obstbäume, darunter auch der „Schöne aus Haseldorf“, Apfel des Jahres 2022.

Interaktive Karten mit Standorten zum Obst-Pflücken

Das Projekt „Gelbes Band“ des Zentrums für Ernährung und Hauswirtschaft Niedersachsen (ZEHN) bietet eine interaktive Karte. Die vermerkten Bäume haben das bezeichnende gelbe Band am Stamm. Es signalisiert, dass hier mit Erlaubnis der Besitzer geerntet werden darf. www.zehn-niedersachsen.de

In der App „Mundraub“ können Privatleute ebenfalls Fundorte auf einer interaktiven Karte eintragen. Diese Sichtungen sind jedoch nicht zwingend mit den Eigentümern abgesprochen. www.mundraub.org